Fall Gerster

"Eine Kampagne, die der Volkswirtschaft schadet"

22. Januar 2004 Obwohl das Geschäft mit Ministerien und öffentlichen Betrieben nur 6 Prozent des Geschäfts von Roland Berger ausmacht, sorgt es regelmäßig für Schlagzeilen. Und obwohl der Firmengründer und Aufsichtsratsvorsitzende Roland Berger im operativen Geschäft nicht mehr mitwirkt, steht er immer wieder im Mittelpunkt der Diskussion. Jüngste Vorwürfe richten sich auf Beraterverträge, die angeblich ohne Ausschreibung an Berger vergeben wurden, sowie auf dessen Einflußnahme auf die Vergabe von öffentlichen Aufträgen.

Wieder sind Vorwürfe laut geworden, Sie hätten Beratungsaufträge für die Bundesagentur für Arbeit ohne Ausschreibung, also rechtswidrig, erhalten.

Bei den betreffenden Aufträgen handelt es sich um Anschlußaufträge, deren Volumen 50 Prozent unter dem des Ursprungsauftrags liegen. Von rechtswidriger Vergabe kann also aus unserer Sicht nicht die Rede sein. Demnach war alles mit EU-Vergaberecht konform.

Ist das Geschäft mit dem öffentlichen Sektor angesichts der heftigen öffentlichen Diskussion eigentlich wirklich lohnend für Roland Berger?

Derzeit ist das Geschäft jedenfalls nicht vergnügungssteuerpflichtig. Die Beratung im öffentlichen Sektor zählt auch nicht zu unseren ertragreichsten Geschäftsfeldern. Dennoch gibt es gute Gründe, diesen Sektor nicht links liegen zu lassen. Zum einen erwarten wir hier noch einiges Wachstum. Zum anderen sehen wir uns in der gesellschaftlichen Verantwortung. In einem Land wie Deutschland, mit seiner hohen Staatsquote, seinen hohen Steuern und Abgaben sowie starker Bürokratisierung, muß man sich auch als Berater engagieren und versuchen, Mißstände zu beseitigen.

Wenn es um Beratung im öffentlichen Sektor geht, gerät immer wieder Roland Berger in die Schlagzeilen, und nicht in dem Maße McKinsey, obwohl letztere ebenso engagiert auf diesem Feld sind. Haben Sie dafür eine Erklärung?

Durch diese Kampagne versucht die CDU den Eindruck zu erwecken, die Regierung sei ohne fremde Hilfe handlungsunfähig. Dabei umgibt Frau Merkel sich selbst mit McKinsey-Beratern, aber darüber redet niemand. Die CDU weiß also selbst auch, wie man Verträge im öffentlichen Sektor vergibt. Ich kann nur hoffen, daß ihre sauber ausgeschrieben wurden. Das Schlimme an der Kampagne ist, daß Politiker und Behördenchefs künftig möglicherweise zögern werden, Berater zu engagieren. Viele wichtige Vorhaben bleiben nun liegen, und das in einem Sektor, der ohnehin nicht für schnelles Handeln bekannt ist. Damit trägt die CDU, die sich gern als treibende Kraft des Fortschritts in Deutschland darstellt, maßgeblich zur Zementierung des Ist-Zustandes bei. Außerdem erinnere ich daran, daß Herr Seehofer aus der von Frau Merkel berufenen Herzog-Kommission ausgetreten ist, weil seiner Aussage nach die Entscheidungen dort von den vielen McKinsey-Beratern getroffen wurden und nicht von den Kommissionsmitgliedern. Kein Wunder also, daß die CDU in ihrer Kampagne McKinsey ausspart, obwohl letztere sowohl in der Hartz-Kommission saßen als auch ein Drittel mehr Aufträge von der BA erhalten haben als wir.

Mehr als 12 Millionen Euro Honorar allein für die Bundesagentur für Arbeit - wie sehen Beratungsprojekte aus, die ein derart üppiges Volumen haben?

Es ist eine sehr komplexe Aufgabe, vormals staatliche Organisationen auf die Anforderungen des Marktes, also etwa auf Schnelligkeit, Wettbewerb, Effizienz und Kundenfreundlichkeit, zu trimmen. Bei Lufthansa, Telekom und Post mußten Milliarden-Beträge über Jahre hinweg für externe Beratung ausgegeben werden, um diese Ziele zu erreichen. Ohne Expertise von außen geht so etwas nicht, man kann ein Auto nicht von innen anschieben. Zum Umbau einer Behörde mit 90.000 Mitarbeitern braucht man mehr als zwei Berater. Da sind durchaus Teams von 30 bis 40 Mann vor Ort, die eng mit einigen hundert engagierten BA-Mitarbeitern zusammenarbeiten, und das über einen Zeitraum von mindestens zwei Jahren. Im Übrigen stehen diesen Investitionen hohe Einsparungen gegenüber. Für jeden Euro Beratungshonorar bei der Bundesanstalt für Arbeit ergeben sich durch die viel höhere Wirksamkeit der Agentur gesamtwirtschaftlich betrachtet jährlich wiederkehrende Einsparungen in Höhe von 30 Euro ab etwa 2006, wenn die Reformen voll greifen.

Wie stehen Sie zu dem Vorwurf, daß Sie durch Mitwirkung in Gremien wie der Rürup-Kommission zumindest einen Informationsvorsprung gegenüber Ihren Wettbewerbern genießen, der Ihrem Beratungsunternehmen einen Vorteil in Ausschreibungen verschafft?

Kommissionsarbeit läuft völlig anders, als es in der derzeitigen Kampagne dargestellt. In solchen Kommissionen wird doch nicht über Beratungsaufgaben gesprochen. Den angesprochenen Informationsvorsprung gibt es, aber anders als kolportiert. Es kann nur Kommissionsmitglied werden, wer schon vorher über entsprechendes Fachwissen verfügt. In der Kommission selbst lernt man nicht viel dazu. Zudem gibt es eine Reihe von Beispielen, bei denen wir Aufträge gewonnen haben, ohne in einer Kommission gesessen zu haben. Oder umgekehrt, wie bei Rürup. Was man noch bedenken sollte: Exzellente Leute werden künftig darauf verzichten, in solchen Kommissionen mitzuwirken, wenn ihre Organisationen damit automatisch von möglichen Aufträgen ausgeschlossen werden.

Werden Sie vielleicht auf allzu publicityträchtige Projekte künftig verzichten?

Bei strategischen Projekten in der öffentlichen Verwaltung werden wir uns wie bisher engagieren. Es ist aber schon erstaunlich, daß sich Politiker und Medien in einem Land wie Deutschland leisten, einen wachsenden Berufszweig wie den der Unternehmensberater, mit mehr als 100.000 Beschäftigten, zum Ziel einer Diffamierungskampagne zu machen. In einer wissensbasierten Dienstleistungsgesellschaft wie der unsrigen, die solche Berufe braucht wie die Luft zum Atmen, ist dies zumindest leichtsinnig, wenn nicht ein Vergehen an der Volkswirtschaft.

Über die Vergabepraxis bei Aufträgen im öffentlichen Sektor wird trefflich gestritten, Kritiker fordern schärfere Regeln und harte Sanktionen bei Fehlverhalten. Wie stehen Sie zu solchen Forderungen?

Die Vergaberichtlinien sind für den Einkauf von Büroklammern gemacht, hier besteht in der Tat großer Reformbedarf. Die Vergabe von Aufträgen in der freien Wirtschaft ist wesentlich effizienter. Regeln und Sanktionen sind hier klar: für ein erfolgreiches Beratungsprojekt wird belohnt, für ein erfolgloses sanktioniert.

Das Gespräch führte Ralf Nöcker



Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 22.01.2004, Nr. 18 / Seite 11
Bildmaterial: dpa

 
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