Von Rolf J. Langhammer
31. Mai 2007 Auch der diesjährige G-8-Gipfel in Heiligendamm wird sich den Problemen Afrikas südlich der Sahara widmen. Er wird die Verpflichtungen des Gipfels von 2005 in Gleneagles erneuern, die materielle Unterstützung des Kontinents bis 2010 um 25 Milliarden Dollar zu steigern, Schulden für die ärmsten Länder zu streichen, handelsverzerrende Subventionen zu Lasten der afrikanischen Bauern abzubauen und Krankheiten wie Aids und Malaria zu bekämpfen.
Dagegen stehen zurzeit noch zahlreiche ernüchternde Fakten: Mehr Hilfe ist zwar versprochen, nach Abzug der erlassenen Schulden (vor allem für Nigeria) prognostiziert der Internationale Währungsfonds (IWF) aber erst für das kommende Jahr einen nennenswerten Nettoanstieg öffentlicher Mittel. Die Zahl der ärmsten Bewohner, die von weniger als einem Dollar je Tag leben, ist gegenüber 1990 um mehr als 50 Millionen gestiegen, ausländische Direktinvestoren meiden noch immer viele Länder, und die kurzfristigen Wachstumschancen der Region hängen wesentlich von der - zur Zeit stürmischen - Weltnachfrage nach ihren Rohstoffen ab. So beschert die starke Nachfrage nach Öl Ländern wie Angola trotz schlechter Regierungsführung Wachstumsraten von 20 Prozent.
Erfolge aus schwacher Basis heraus erzielt
Doch ist das Bild nicht durchgängig schwarz. Seit 2000 weist die Region mit durchschnittlich 4,5 Prozent Wachstum im Jahr die stabilste Wachstumsperiode seit den frühen siebziger Jahren auf. Dies spiegelt sich auch in der Armutsrate wider, die im Durchschnitt des Kontinents erstmals seit Beginn der achtziger Jahre sinkt. Bemerkenswert ist, dass es jenseits der beiden bekannten Erfolgsländer Botswana und Mauritius eine wachsende Gruppe anderer Länder wie Tansania, Uganda und Ghana gibt, die - auch im Vergleich zu nichtafrikanischen Ländern - umfassende Reformanstrengungen insbesondere in der Handelspolitik unternehmen. Marktöffnung durch Liberalisierung des Außenhandels zeigt den Ländern klar auf, wo ihre Angebotsstärken liegen und wo nicht.
Diese Erfolge wurden von einer schwachen Basis aus erzielt und sind gegenüber Schocks alles andere als immun. Daher dient es der Sache Afrikas, wenn der G-8-Gipfel über die staatlichen Zusagen hinaus Afrikas künftige Gewinne aus globalisierten Märkten hervorhebt. Diese Gewinne sind erzielbar, wenn sich die afrikanischen Länder für einen Abschluss der stockenden WTO-Welthandelsrunde (Doha-Runde) einsetzen würden.
Es gibt keinen besseren Zeitpunkt für eine Öffnung
Denn die früher von den afrikanischen Importländern befürchteten Einkommensverluste aus gestiegenen Weltmarktpreisen für Nahrungsmittel nach einer Liberalisierung der Agrarpolitik der Industrieländer stehen heute angesichts nachfragebedingt gestiegener Preise nicht mehr im Vordergrund der Diskussion. Vielmehr kommen vom Weltmarkt jetzt starke positive Angebotssignale für afrikanische Bauern, die sie allerdings nur mit entwicklungspolitischer Unterstützung nutzen können.
Nach einem Abschluss der Welthandelsrunde ließen sich auch die von vielen afrikanischen Regierungen ungeliebten, weil mit mehr Wettbewerb verbundenen EU-Partnerschaftsabkommen leichter angehen. Angesichts des Selbstvertrauens, das viele afrikanische Regierungen im wirtschaftlichen Aufschwung erfasst hat, gibt es keinen besseren Zeitpunkt, als jetzt zunächst die multilaterale Öffnung und dann die regionale Öffnung gegenüber der Europäischen Union auf den Weg zu bringen. Dabei kann helfen, dass die EU in den Verhandlungen nicht gegenüber jedem einzelnen Produkt auf bilaterale Handelsbilanzen blickt und nicht unbegründete Vorsicht bei der Marktöffnung äußert.
Technologietransfer ohne direkte Präsenz möglich
Mögliche Globalisierungsgewinne beschränken sich nicht auf den Güterhandel. Die Region profitiert auch von neuen Diensten und Produkten an privaten Finanzmärkten, die die erheblichen Risiken von Investitionen vor Ort kalkulierbarer machen. Die Innovationen der Kommunikationstechnologie bringen Afrikaner auch ohne umfangreiche Investitionen in Infrastruktur näher an wichtige Informationen und damit auch an Absatz- wie Beschaffungsmärkte für Dienstleistungen und Güter.
Technologietransfer ist somit in Teilen auch ohne direkte Präsenz vor Ort möglich geworden. Er sorgt auch dafür, dass Informationen über politisches Missmanagement und Nepotismus leichter in der Öffentlichkeit bekannt werden. Der Legitimationsdruck auf die Regierungen nimmt damit zu. Dies kann den Zusicherungen der Länder, im Dialog miteinander gute Regierungsführung einzufordern (Nepad-Initiative), mehr Glaubwürdigkeit verleihen.
Das Rad für Nachzügler nicht noch einmal neu erfinden
Auch für die Partner der Region ändert sich einiges. Afrika bekommt dank seiner neu erwachten Attraktivität als Rohstoffbasis und Exportmarkt mehr Wahlfreiheit. Es kann zwischen Finanzierungsquellen verschiedener Herkunft, beispielsweise aus China, wählen. Das ist aus der Sicht der Kapitalempfänger ein Gewinn, aus der Sicht der traditionellen Geber nicht immer eine Freude. Globalisierungsgewinne in der Welt finden auch ihren Niederschlag in großen finanzstarken privaten Stiftungen, die losgelöst von politischen Rücksichtnahmen auf einzelne Länder ergebnisbetont Probleme wie mangelnde Gesundheit angehen wollen, die die afrikanische Region als Ganzes belasten. Hier erwächst der staatlichen Hilfe ein wichtiger Partner.
Für Nachzügler braucht das Rad nicht noch einmal erfunden zu werden. Viele technologische wie kommerzielle Errungenschaften globalisierter Märkte haben den Charakter von Netzwerkgütern. Eine nahezu unbegrenzte Zahl von Nachfragern kann sie, nachdem sie am Markt eingeführt sind, praktisch kostenfrei nutzen. Afrika ist als Nachzügler in einer derartigen komfortablen Position, zumal die Region von vielen entwicklungspolitischen Hilfen profitieren kann. Es wäre ein gutes Signal vom Weltwirtschaftsgipfel in Heiligendamm, wenn sich die Regierungschefs der Bedeutung der Leistungsfähigkeit globalisierter Märkte für die Entwicklung Afrikas bewusst würden. Mehr staatliche Mittel für die Entwicklungszusammenarbeit könnten dann besser eingesetzt werden, um auch die Menschen in Afrika zu Globalisierungsgewinnern zu machen.
Rolf J. Langhammer ist Vizepräsident des Instituts für Weltwirtschaft an der Universität Kiel.
Text: F.A.Z., 31.05.2007, Nr. 124 / Seite 14
Bildmaterial: Institut für Weltwirtschaft, Kiel
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