Gastbeitrag

Zehn-Punkte-Programm für Innovation und Wachstum

Von Heinrich von Pierer

Heinrich von Pierer schlägt zehn Punkt vor

Heinrich von Pierer schlägt zehn Punkt vor

24. Dezember 2003 Es gibt eine Drohkulisse am Horizont. Sie hat nichts mit Terrorismus und Innerer Sicherheit zu tun und ist vielleicht deshalb nicht Aufmacherthema der Medien. Gefahr für unser Land ist aber gleichwohl in Verzug, und die Zukunftsperspektiven für die Bürger könnten sich verdüstern. Gemeint ist die Erosion von Innovationskraft, Bildung und Forschung in Deutschland.

Heute so handeln, daß unseren Kindern und Enkelkindern eine Zukunft voller Chancen offensteht und unsere Technologie- und Wohlstandsbasis in der Zukunft so stark bleibt, wie sie in den vergangenen Jahrzehnten war. Das erfordert längst nicht nur Antworten auf die demographische Herausforderung im Renten- und Gesundheitssystem und andere Aufräumarbeiten, wie sie in der Agenda 2010 des Bundeskanzlers angegangen werden. Sondern dafür ist dynamisches Wachstum auf der Basis von Spitzenforschung, Innovationsführerschaft und Umsetzungsstärke erforderlich. Was wir brauchen, ist ein klares und vor allem konkretes Programm, das Forschung und Bildung zur absoluten Priorität macht und anstelle von punktuellen Kraftakten systematisch und mit definierten Meilensteinen vorgeht.

Geschieht das nicht, wird es in Deutschland zwar auch weiterhin Inseln von Spitzenforschung und -technologie geben, nämlich einzelne Unternehmen auch besonders im Mittelstand, die Glanzpunkte am Weltmarkt setzen, und wissenschaftliche Koryphäen, die weltweit höchste Wertschätzung genießen. Aber das würde nur für Reputation und Wohlstand einzelner sorgen und nichts am schleichenden Abstieg des Landes ändern. Das darf niemand wollen. Damit dies nicht passiert, müssen Wissenschaft und Wirtschaft, Politik und Gesellschaft handeln. Zehn Punkte sind entscheidend:.

1. Schulen aufwerten.

Henry Fords legendärer Ausspruch, "Die Wettbewerbsfähigkeit eines Landes beginnt nicht im Forschungslabor, sie beginnt im Klassenzimmer" bleibt wahr. Die Schule legt die Basis fürs Leben. Deshalb muß sie Basiswissen vermitteln in Deutsch und den gängigen Fremdsprachen, vor allem aber auch wieder in Mathematik und den Naturwissenschaften. Sie muß zumindest ein Mindestmaß historisches Verständnis und sie muß - wie vorher der Kindergarten - soziale Kompetenz vermitteln. Bundesweite Bildungsstandards - wie jetzt definiert - mögen helfen. Definitiv geboten ist, daß Zustand und Ausstattung der Schulen zeitgemäß sind. Und lieber frühe Einschulung, kleine Klassen und Verkürzung der Schulzeit auf 12 Jahre als große Klassen, 13 Schuljahre und zwanzigjährige Absolventen.

2. Gewerbliche Ausbildung fit halten.

Die Kombination aus betrieblicher Praxis und Berufsschule mit einem qualifizierten Abschluß ist ein Aushängeschild Deutschlands in der Welt und bildet das Rückgrat für die Leistungskraft von Mittelstand, Großunternehmen und des legendären "made in Germany". Aber man darf den Wandel der Anforderungen an Berufsbilder und Ausbildungsinhalte nicht unterschätzen. Klassische Fertigungsberufe wie Dreher oder Fräser sind auf dem Rückzug. Berufsbilder wie Mechatroniker, IT-Systemelektroniker oder Industrietechnologe gewinnen an Gewicht. Die Weiterentwicklung von Berufsbildern ist eine Daueraufgabe. Und wir dürfen keine völlig kontraproduktiven Rahmenbedingungen schaffen, wie es mit einer Ausbildungsabgabe und dann mit der faktischen Verdrängung der betrieblichen Ausbildung durch staatliche Einrichtungen geschehen würde.

3. Akademische Bildung reformieren.

Wir brauchen mehr Wettbewerb an den Universitäten und zwischen den Universitäten. Das erfordert größere Autonomie, weniger Bürokratie und mehr Freiheit für Auftragsforschung, Industriekooperationen und Drittmittelfinanzierung. International kompatible Studiengänge - gegliedert nach Bachelor und Master-Abschlüssen - würden die Anziehungskraft auf global umworbene Eliten erhöhen. Zeitverträge mit leistungsbezogener Vergütung für Professoren und Studiengebühren mit leistungsgerechten Finanzierungs- und Stipendienmodellen würden das System effizienter machen und die Ausbildung beschleunigen.

4. Weiterbildung verstärken.

Schule, gewerbliche und akademische Ausbildung qualifizieren für den Berufseinstieg, aber nicht für ein komplettes Berufsleben. Nicht nur Software, auch persönliche Fähigkeiten und Fachkompetenzen brauchen regelmäßig "updates". Dabei geht es um zielgerichtete Qualifizierung, also um Beschäftigungsfähigkeit und nicht um Wellness-Seminare, wie sie sich immer wieder in betriebliche und überbetriebliche Qualifizierungsangebote einschleichen, oft sogar öffentlich gefördert. Wildwuchs gehört beseitigt. Der Fokus muß strikt auf die Anforderungen der Märkte gerichtet werden. Das liegt im betrieblichen Interesse von Unternehmen und im individuellen Interesse. Mitarbeiter müssen dazu Eigeninitiative zeigen, auch und ganz besonders in ihrer Freizeit.

5. Staatliche Forschung intensivieren.

Max-Planck-Gesellschaft, Fraunhofer-Gesellschaft, Helmholtz- und Leibniz-Gemeinschaft, die Akademien der Wissenschaften und andere wissenschaftliche Vereinigungen - Deutschland ist reich an namhaften Forschungseinrichtungen. Doch in der täglichen Praxis ist gegen Haushaltszwangslagen anzurennen und ein aufreibender Verteilungskampf zu führen. Vielleicht ist die Wissenschaftslobby nicht die stärkste und der öffentliche Aufschrei bei Etatkürzungen nicht der lauteste. Aber so wird am falschesten Ende gespart, weil Zukunft zerstört statt angelegt wird. Bund und Länder fallen in den fatalen Fehler, Forschungsetats nach Kassenlage zu schneiden. Wer Spitzenpositionen in der Welt beansprucht, darf das nicht zulassen.

6. Forschung fördern.

Im Bundeshaushalt 2004 sinkt das Budget des Bundesforschungsministeriums abermals um mehr als 100 Millionen Euro. Noch tiefer sind die Einschnitte in den Wissenschaftshaushalten der Bundesländer. Insgesamt werden in Deutschland nur 2,5 Prozent des Bruttoinlandsproduktes (BIP) in Forschung und Entwicklung investiert. In den Vereinigten Staaten erreichen die Ausgaben für Forschung und Entwicklung rund drei Prozent des BIP, ein Technologie-Newcomer wie Korea liegt in derselben Größenordnung. Allein der laufende amerikanische Verteidigungshaushalt sieht Forschungsausgaben von 60 Milliarden Dollar vor. Forschungsinvestitionen werden von Frankreich und Großbritannien über die Vereinigten Staaten bis Japan steuerlich privilegiert. Nur in Deutschland gibt es keine gezielte steuerliche Förderung von Forschung und Entwicklung. Und öffentliche Projektbudgets werden eingeschmolzen, statt daß Zukunftsfelder wie Biotechnologie, Mikroelektronik/Photonik, Materialwissenschaften, Nanotechnologie oder Informationstechnologie/Software mit der notwendigen kritischen Masse erschlossen und ausgebaut und so Trends gesetzt werden. Zum Erringen von Vorsprüngen im Wettbewerb wäre das notwendig. Statt dessen wird der Fadenriß in Kauf genommen.

7. Innovative Projekte verwirklichen.

Forschung erweitert Horizonte. Innovative Technologien müssen aber auch zur Anwendung gebracht werden. Showcase Germany - zeigen, was man kann. Das muß im Interesse des Landes und natürlich auch der Unternehmen und ihrer Mitarbeiter liegen. Es ist also ein typisches Feld für die Kooperation zwischen Wirtschaft und Staat (Public Private Partnership). In diesen Wochen Häme über das Projekt für die Lastwagenmaut auszugießen ist billig. Es ist zwar unglücklich, wenn Kinderkrankheiten auf offener Bühne auskuriert werden. Aber auch in diesem Fall reift eine Technologie heran, die ihren Weg machen und weniger innovative Lösungen in den Schatten stellen wird.

Auf anderen Feldern finden deutsche Ingenieurleistungen das Interesse der Welt - wie der Transrapid - nur leider im eigenen Land bisher nicht. Anders gelagert ist der Fall der Neutronenquelle in Garching. Dort ist Spitzentechnologie verwirklicht worden und übt Anziehungskraft auf Nutzer aus aller Welt aus. Wieder auf anderen Feldern ziehen sich Entscheidungen quälend hin - wie im Fall eines digitalen Mobilfunksystems für die Katastrophendienste und Sicherheitsorgane in Deutschland. Es ist nicht gerade ein Zeichen von Umsetzungsstärke, daß in Deutschland als einem der letzten Länder Europas das Startsignal für den Aufbau eines solchen Systems immer noch aussteht und Anlässe wie die bevorstehende Fußball-Weltmeisterschaft bemüht werden müssen, um die Entscheidung erbeizuführen.

8. Föderale Bremsen lösen.

Der Föderalismus in Deutschland hat tiefe Wurzeln und unbestreitbare Stärken wie den Wettbewerb der Regionen und landesweit vergleichsweise homogene Lebensverhältnisse. Er wird aber zum Schwachpunkt, wenn Regionalproporz suboptimale Strukturen erzeugt oder erhält wie in Teilen der öffentlichen Forschungslandschaft und wenn Länderzuständigkeiten Entscheidungen und Reformen zäh oder unmöglich machen. Ob solche Hemmnisse wirklich nur durch eine Verfassungsreform zu beseitigen sind oder es einen schnellen und pragmatischen Weg gibt, muß sich zeigen. Der bestehende Zustand verbaut jedenfalls Zukunftsperspektiven und darf nicht anhalten.

9. Wagniskapital forcieren.

Wer nichts wagt, der nichts gewinnt, sagt die Volksweisheit. Aber wer Neues wagt, braucht Geld - Wagniskapital, vor allem auch für die frühe Phase von Unternehmensgründungen. Doch bei den Rahmenbedingungen für Venture Capital landet Deutschland in einem EU-weiten Vergleich nur auf Platz 13. Unsicherheit besteht zum Beispiel über die steuerliche Behandlung von Wagniskapital. Dazu ist ein Schreiben des Bundesfinanzministeriums trotz jahrelanger Ankündigung immer noch nicht über das Entwurfsstadium hinausgekommen. Nötig sind klare, sichere, investitionsfreundliche Rahmenbedingungen. Eine Mindestbesteuerung, wie sie die Bundesregierung anstrebt, darf zum Beispiel keine Anlaufverluste erfassen. Und Gewinne aus der Veräußerung privater Anteile an Kapitalgesellschaften sollten nicht schon von einem Prozent Beteiligung an besteuert werden, sondern erst von zehn Prozent an. Denn zum Wagnis gehört der Anreiz, auch gewinnen zu können.

10. Technologie muß begeistern.

In Deutschland gibt es eine große Tradition von Forschern und Pionieren der Natur- und Ingenieurwissenschaften: Albert Einstein, Max Planck, Robert Koch, Conrad Röntgen, Gottlieb Daimler, Robert Bosch, Oskar von Miller und auch Werner von Siemens - jeweils begleitet von Skepsis und Widerstand: Weberaufstände, Maschinenstürmer und die bekannten Protestformen unserer Zeit. Disput ist normal in offenen Gesellschaften. Entscheidend ist aber, daß der elementare Beitrag von Technologie und Innovationen für den Wohlstand und die Lösung ökonomischer und gesellschaftlicher Herausforderungen national wie global erkannt und vermittelt wird - in der Erziehung, in Schulen, Medien und im gesellschaftlichen Diskurs. Innovation ist Chefsache. Das ist so in Unternehmen, die Innovationsführerschaft beanspruchen - warum nicht auch in der Politik? Zum Beispiel gab es schon einmal in den neunziger Jahren einen nationalen Technologierat beim Bundeskanzler, der Aufmerksamkeit auf konkrete Themen gelenkt hat. Denn wer leidenschaftlich für eine gute Sache streitet, der kann auch andere begeistern. Darauf kommt es an. Und das muß von der Spitze ausgehen.

Während in Deutschland Nachhaltigkeit gepredigt, aber de facto immer mehr von der Hand in den Mund gelebt wird, beherrscht anderswo nicht Selbstbespiegelung die Talk-Shows, sondern der Vorwärtsdrang von Menschen und Ländern, aufzuholen, zu überholen und anderen Wohlstands- und Weltmarktpositionen streitig zu machen.

Die Gewichte verschieben sich. Selbst die Vereinigten Staaten, deren Technologieposition auf vielen Feldern weit stärker ist als die deutsche, reagieren auf den gewaltig wachsenden Innovationsdruck aus Ländern wie China und Korea mit einer massiven Verstärkung ihrer Eigenanstrengungen. Dort wird an einer nationalen Innovationsinitiative gefeilt. Dafür ist es auch bei uns höchste Zeit. Es geht um die Sicherung einer breiten Wohlstandsbasis in unserem Land - für die heutige Generation, aber besonders für unsere Kinder und Enkelkinder. Dafür müssen wir den Kampf - und darum handelt es sich - um die technologische Führungsrolle in der Welt aufnehmen und uns besser rüsten, als wir es momentan sind. Wir wollen ihn mit Zuversicht und Optimismus führen und werden ihn am Ende dann auch erfolgreich bestehen.

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 24.12.2003, Nr. 299 / Seite 12
Bildmaterial: AP

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