Jürgen Hambrecht

„Wir unterschätzen den Entwicklungsstand in Asien“

31. August 2006 Wie kaum ein anderer deutscher Manager hat Jürgen Hambrecht den Aufstieg Asiens aus der Nähe verfolgt. Über Jahre hatte der heutige BASF-Vorsitzende seinen Dienstsitz in Singapur und Hongkong. Als Nachfolger des früheren Siemens-Vorstandsvorsitzenden Heinrich von Pierer führt Hambrecht seit Mitte Juli den Asien-Pazifik-Ausschuß der deutschen Wirtschaft (APA). Der Sechzigjährige steht in dieser Woche erstmals an der Spitze einer Wirtschaftsdelegation nach Malaysia und Indien.

Bei Ihrer ersten Delegationsreise in der Rolle des Vorsitzenden des Asien-Pazifik-Ausschusses scheinen Sie besonders daran interessiert, für asiatische Investitionen in Deutschland zu werben. Wird dies ein Schwerpunkt Ihrer Amtszeit?

Es tut ganz einfach not. Asien hat sich viel weiter entwickelt, als wir das in Deutschland gemeinhin wahrnehmen. Die Asiaten haben enorm an Selbstbewußtsein gewonnen, und das nicht ohne Grund. Wir brauchen sie als Investoren auch in Europa, es kann und darf in einer vernetzten Weltwirtschaft keine Einbahnstraße geben.

Welche Länder bieten die Unternehmensqualität, um in Europa investieren zu können?

Wir finden hervorragende asiatische Unternehmen in praktisch allen Ländern der Region. Es müssen nicht immer Unternehmer wie Lakshmi Mittal sein, deren Namen man in Europa schon kennt. Es gibt zudem eine Vielzahl auch mittelständischer asiatischer Unternehmen, die in der Lage sind, nach Europa vorzudringen. Und sie werden es in immer stärkerem Maße tun.

Können Sie die im Westen verbreitete Angst vor Übernahmen durch Asiaten nachvollziehen?

Diese Asien-Angst hat ja zwei Ebenen. Zunächst geht es um die Sorge vor einem Verlust des Arbeitsplatzes, um die Angst vor Verlagerung von Produktion. Dabei sind doch mehr als 80 Prozent der Investitionen westlicher Unternehmen in Asien getrieben von dem Willen, die riesigen Märkte dort zu erschließen. Der andere Aspekt sind Übernahmen in Europa. Hier muß sich derjenige Sorgen machen, der nicht gut genug ist. Ob dann ein Asiat kommt und kauft oder ein Konkurrent aus dem Westen, spielt letztlich keine Rolle. Viel dieser Asien-Angst ist nur ein Verteidigungsargument, das im einen oder anderen Fall ganz bewußt eingesetzt wird.

In Europa wird beim Thema Asien immer noch zuerst über Korruption und Kopien von Produkten und Ideen gesprochen. Verschwindet dahinter die Debatte über die eigentliche Kraft, die Asien entwickelt?

Ja, die Asiaten werden weit unterschätzt. Sie wechseln vom Abakus auf den Computer, nehmen drei Entwicklungsstufen auf einmal. Sie haben hervorragende Unternehmen in China, in Indien, in Korea und Japan sowieso, aber auch in südostasiatischen Ländern wie Singapur oder Malaysia. Welche technologische Kapazität sich in Asien in den vergangenen Jahren entwickelt hat, wird im Westen immer noch unterschätzt.

Damit hat die bisherige Teilung nach dem Motto „Im Westen die Technologieführerschaft, im Osten die billige Arbeitskraft“ ausgedient?

Der Paradigmenwechsel hat längst eingesetzt. Die Lohnkosten als Differenzierungsmerkmal gelten schon jetzt doch nur noch für Branchen wie Textilien, Schuhe oder Spielzeug. Nein, es geht darum, gemeinsam mit den Asiaten Systemlösungen zu entwickeln. Auf beiden Seiten werden sich gleichwertige Partner finden, die sich die Arbeit untereinander aufteilen. Dabei werden die strengen Muster, die es möglicherweise gegeben hat, vollkommen aufgelöst werden.

Asien arbeitet verstärkt daran, einen gemeinsamen Markt zu entwickeln. Wird diese Block-Bewegung die Barrieren für die Europäer auf lange Sicht erhöhen?

Dieser Prozeß des Zusammenwachsens hat eingesetzt, wird aber alles andere als einfach. Asien ist nicht homogen, es gibt starke Konfliktsituationen. Ich gehe davon aus, daß wir auch 2020 allenfalls eine Zollunion in der Region vorfinden werden - einen Zusammenschluß in Form der Europäischen Union kann ich auch auf lange Zeit nicht erkennen. Dies aber birgt im Umkehrschluß Chancen: Die EU muß die Kraft aufbringen, in Asien gemeinsam aufzutreten. Wir haben riesige Möglichkeiten in den asiatischen Märkten - nicht nur im sekundären oder tertiären Bereich, sondern auch im Primärsektor. Denken Sie doch nur an die Landwirtschaft. Da wird Biotechnologie verlangt, um allein die Vielzahl der Menschen in Asien ernähren zu können. Die fundamentalen Bedürfnisse müssen gedeckt werden. Auch hier liegen Herausforderungen für die westliche Industrie.

Asien treibt nun, nach dem Scheitern der Doha-Runde, die bilateralen Handelsbündnisse voran. Sind die Europäer in dieser Hinsicht zu zögerlich?

Priorität für uns hat der multilaterale Einigungsprozeß. Der Weg zu einer einstimmigen Lösung, wie bei der Welthandelsorganisation verlangt, ist aber beschwerlich und weit. Zwischenzeitlich brauchen wir deshalb Lösungen, die uns ganz konkret weiterhelfen. Insofern müssen wir Europäer auch bilaterale und biregionale Handelsabkommen mit Asien schließen. Dabei bevorzugt die Industrie Regionalbündnisse, statt Land für Land vorzugehen.

Alle Welt schaut derzeit auf den Aufstieg Chinas und Indiens. Übersieht Europa dabei Japan, die zweitgrößte Wirtschaftsnation der Erde?

Daß wir Japan übersehen, will ich nicht sagen. Richtig ist aber, daß wir Japan wieder stärkeres Gewicht einräumen müssen. Dort herrscht ein extrem hoher Entwicklungsstand, dort gilt der Schutz geistigen Eigentums, dort gibt es einen großen Markt. Wir brauchen die technologische Partnerschaft mit den Japanern. Sie darf auch unter wachsenden Chancen in anderen Märkten nicht leiden.

Mehr denn je hat ein Mittelständler heute die Qual der Wahl, will er in Asien Fuß fassen. China, Indien, Südostasien und eben auch Japan könnten der erste Standort werden. Wozu rät der APA-Vorsitzende?

Ich kann nur einen einzigen Rat geben: Der Unternehmer, der den Sprung wagt, muß seine Hausaufgaben machen. Die bestehen in allererster Linie aus einer genauen Marktanalyse. Er muß sich fragen: Wo finde ich meine Kunden, wo kommt mein Produkt an? Wo habe ich Wettbewerbsvorteile?

Und was ist mit der Risikoabwägung?

Die kommt dann hinzu: Es gilt, politische Risiken zu bewerten, die Fragen des Rechts am geistigen Eigentum, den Wettbewerb und die Kulturrisiken - nicht jedes Produkt ist im jeweiligen Kulturkreis gefragt.

Wo schätzen Sie die politischen und gesellschaftlichen Risiken höher ein - im parteigesteuerten China oder im demokratischen Indien?

Letztlich sind doch in dieser Hinsicht die Unterschiede zwischen den beiden Ländern so groß gar nicht: Beide haben riesige soziale Brüche, die sie werden abbauen müssen. In Indien bestehen ethnische und religiöse Differenzen. China wird dafür stärker und weniger demokratisch kontrolliert. Hier eine Prognose bezüglich der politischen Stabilität zu wagen ist riskant. Richtig aber ist, daß es noch zu gewaltigen Umbrüchen kommen wird.

Die Fragen stellten Christoph Hein.



Text: F.A.Z., 31.08.2006
Bildmaterial: Röth, Frank

Kursabfrage 
NamePunkteProzent
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TecDax 573,04 -5,15
DowJones 9.447,11 -5,11
Nasdaq 1.754,88 -5,80
STOXX 50 2.878,82 +0,22
Nikkei 225 10.155,90 -3,03
S&P 500 Zert. 10,50 -1,78
Euro/Dollar 1,36 +0,16
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