Wettbewerb

Händler am Rand des Ruins

Droht ein Kleidermangel in den Boutiquen?

Droht ein Kleidermangel in den Boutiquen?

20. Juni 2005 Die hastige Wiedereinführung der Einfuhrbeschränkungen für Textilien aus China bedroht die Existenz europäischer Handelsunternehmer. In dem am 11. Juni erreichten Kompromiß zwischen der Europäischen Union und China wurde das sofortige Inkrafttreten neuer Quoten vereinbart, deren technische Umsetzung aber bis heute offen ist.

Viele europäische Textilimporteure können dadurch ihre bereits vor einigen Monaten bestellten und häufig auch schon bezahlten Waren nicht nach Europa verschiffen. Die Folge sind hohe zusätzliche Kosten, die manchen mittelständischen Händler in die Insolvenz treiben könnten. „Für sehr viele kleinere Unternehmen ist das existenzbedrohend“, sagte Ralph Kamphöner vom europäischen Handelsverband Eurocommerce dieser Zeitung.

„Das ist ein Skandal“

EU-Handelskommissar Peter Mandelsohn und der chinesische Handelsminister Bo Xilai hatten vor einer Woche den seit Monaten schwelenden Textilhandelsstreit beigelegt, indem sie sich auf eine sofort wirksame freiwillige Begrenzung der Ausfuhren aus China bis 2008 geeinigt haben. Die technische Umsetzung dieser Vereinbarung wurde dabei freilich offengelassen. Es gebe bis heute noch keine Aussage der EU zu der praktischen Umsetzung, sagte Kamphöner. „Das ist ein Skandal.“

„Die fehlende Planungssicherheit bringt uns um den Verstand“, monierte Heinz Werner, geschäftsführender Gesellschafter der auf Kindermoden spezialisierten Heinz Werner Textil-Außenhandels & Vertriebs GmbH. Sein Unternehmen sei von der Hängepartie direkt betroffen: Schon vor Monaten habe er für eine Verkaufsaktion bei einem großen deutschen Einzelhandelskonzern in China Kinderhosen bestellt und auch im vorausbezahlt.

Der chinesische Hersteller habe die Ware bereits produziert, und sie sei Anfang Juli zum Verschiffen bereit. Doch der chinesische Partner wisse noch nicht, wann und wo er eine Exportlizenz beantragen könne. Unklar sei auch, ob die Lizenz für die gewünschte Stückzahl zu bekommen sei. Daher drohten nun hohe Konventionalstrafen von dem deutschen Auftraggeber.

„Dann sind die weg vom Fenster“

Noch schlimmer hat es die Händler getroffen, deren bestellte Hemden, T-Shirts oder Pullover bereits unterwegs zu den chinesischen Häfen waren, aber vor dem 11. Juni noch nicht verschifft wurden. Diese Container hängen seit einer Woche in den Häfen fest - mit dementsprechend hohen Lagerkosten. Wenn es dadurch zu einer verzögerten Auslieferung kommt, sind auch hier hohe Vertragsstrafen die Folge.

Das Festsitzen in dieser Warteschleife treffe die Textilhandelsbranche vor allem deshalb ins Mark, weil sie sehr mittelständisch geprägt sei, sagte Jens Nagel, Referent des Bundesverbands des Deutschen Groß- und Außenhandels (BGA): Die Handelsbranche bestehe zu 95 Prozent aus kleinen und mittelgroßen Unternehmen. In Europa hingen vom Textileinzelhandel 5,5 Millionen Arbeitsplätze ab, die Hälfte davon in Deutschland.

Gerade die kleinen Unternehmen verfügten aber zumeist ohnehin nur über eine dünne Liquiditätsdecke, erläuterte Werner. „Wenn die jetzt noch 200000 Euro Konventionalstrafen zahlen müssen, sind sie pleite.“ Ein Wettbewerber von ihm sei gerade mit dieser Situation konfrontiert. „Wenn die ihre Ware aus China nicht rechtzeitig bekommen, sind die weg vom Fenster.“ Sein Unternehmen, das im bayerischen Wollbach sitzt und 35 Mitarbeiter beschäftigt, sei dank einer soliden Finanzierung nicht gefährdet. Aber wenn er dieses Jahr 1 Million Euro weniger umsetze, müsse er Mitarbeiter entlassen.

Quoten nach dem „Windhundverfahren“ vergeben

Auch die Großunternehmen der Branche sind in der Bredouille. Beispielsweise ist China der Hauptlieferant für den Handelskonzern Metro. Dieser hat dort schon für die nächsten sechs Monate Waren bestellt. Zum Teil läuft auch schon die Werbung für die Verkaufsaktionen. Doch ein Teil der Waren hängt nun in China fest. In der kurzen Zeit die Produkte in anderen Ländern zu bestellen gilt als unmöglich.

Laut Werner nehmen manche chinesische Hersteller schon gar keine Aufträge aus Europa mehr entgegen, weil sie sich nicht sicher sein können, ob die Waren auch tatsächlich abgenommen werden. Auch betrügerische Versuche, die Einfuhrbeschränkungen zu umgehen, seien wiederaufgetaucht. So versehen manche Hersteller die Produkte mit dem Ursprungszeugnis Kambodscha oder Macao, um die Exportzölle zu umgehen. „Wir haben geglaubt, wir hätten dieses Theater hinter uns“, resignierte Werner.

Langfristig könne er mit den Quoten leben, wenn er nur wüßte, wie es umgesetzt werde, sagte der mittelständische Textilhandelsunternehmer. Doch laut Kamphöner ist diese Frage noch nicht einmal grundsätzlich geklärt. Die EU-Kommission habe nicht ausgeschlossen, die Quoten - anders als in den vergangenen Jahren - nach dem „Windhundverfahren“ zu vergeben. Dabei werden die Lizenzen nach dem Motto „Wer zuerst kommt, mahlt zuerst“ ausgeteilt. Nach dem bis Ende 2004 gültigen System wurden dagegen Export- und Importlizenzen vergeben, bei denen auch die Erfahrung des Importeurs berücksichtigt wurde. Dies wäre bei dem „Windhundverfahren“ nicht der Fall.

Text: da. , F.A.Z., 20.06.2005, Nr. 140 / Seite 14
Bildmaterial: picture-alliance / dpa

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