Internet

Die Hacker hören mit

Von Patrick Bernau und Nadine Oberhuber

Lauscht hier ein Hacker? Unwahrscheinlich ist das nicht

Lauscht hier ein Hacker? Unwahrscheinlich ist das nicht

24. Oktober 2006 Es ist der Albtraum jedes Nutzers: mitten in der Nacht klingelt das Telefon. Am anderen Ende der Leitung eine fröhliche Frauenstimme: „Wenn Sie unter Depressionen leiden: Wir haben Stimmungsaufheller dagegen. Heute in der Vorteilsdose für nur 49,99 Euro!“

Solche Anrufe könnten bald zum Alltag gehören. Denn das Internet-Telefon verändert die Reklame: Werbemüll in Massen fast kostenlos abzuladen ging bisher nur per E-Mail als „Spam“. Doch jetzt können die Spam-Versender auch das Telefon klingeln lassen. So kommt die neue Plage „Spit“ dazu: Spam per Internet-Telefonie. Das ist aber nur eine von mehreren Schattenseiten der neuen Technik.

Manche Nummern lassen sich gar nicht anrufen

Während Spit auf Anrufbeantwortern allenfalls lästig ist, gibt es große Bedenken, was die Sicherheit des Telefonierens per Datenleitung angeht. Viele Gespräche lassen sich abhören. Das ist kritisch, denn VoIP („Voice over Internet Protocol“) verbreitet sich rasant. In der vergangenen Woche erst meldete der Branchenverband Bitkom, daß schon elf Prozent der Deutschen regelmäßig übers Internet telefonieren. Inzwischen unterstützen auch erste Handys VoIP.

Der Vorteil, auf den alle schielen, ist der Preis. Wenn Gespräche rein über Internetleitungen laufen, kosten sie nichts. Viele Internet-Anbieter haben auch scheinbar billige Pauschaltarife im Programm - dabei sind Gespräche zum Handy oder ins Ausland mit normalen Billigvorwahlen viel preiswerter. Und manche Nummern lassen sich vom Internet-Telefon aus überhaupt nicht anrufen.

Alle Sicherheitsprobleme der Internetwelt geerbt

VoIP ist schlicht noch nicht ausgereift. Es habe alle Sicherheitsprobleme der Internetwelt geerbt, klagt Tim Mather vom Sicherheitssoftware-Anbieter Symantec. Es habe sogar noch ein paar neue dazubekommen. Und das sind nicht bloß Sicherheitslücken. Es sind Scheunentore, und sie stehen weit offen. Schon machen sich Betrüger auf, Bankkonten zu plündern. „Vishing-Attacken“ nennen das Experten. Diese Angriffe sind das Pendant zum altbekannten Phishing, dem Abfischen von Paßwörtern per E-Mail. Damit haben Kriminelle schon Millionenbeträge von Onlinebanking-Nutzern erbeutet. Nun lenken sie Bankkunden am Internet-Telefon auf gefälschte Hotlines. So erschleichen sie sich Paßwörter, mit denen sie später Geld vom Konto des Opfers wegüberweisen können.

Ein großes Problem von VoIP: Zusätzliche Sicherheit schadet derzeit der Sprachqualität. Weil es beim Telefonieren hinderlich ist, wenn man sein Gegenüber schlecht versteht, entscheiden sich viele für die Qualität und gegen die Sicherheit. So läuft die Übertragung oft unverschlüsselt. Laut dem Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) wird das Abhören von Gesprächen zur größten Gefahr. Mit speziellen Werkzeugen sind Telefonate einfach zu belauschen oder mitzuschneiden, warnen Experten.

Sorglose Nutzer

Anfällig sind zum Beispiel die VoIP-Telefone: Selbst wenn sie Gespräche verschlüsseln können, sind sie oft so eingestellt, daß sie es nicht tun. Ein Grund dafür ist, daß sich die Anwender nicht darum kümmern. Laut einer Umfrage glaubt nur jeder fünfte Nutzer, daß VoIP mit Sicherheitsproblemen verbunden ist. Mehr als die Hälfte sieht keinen Grund zur Besorgnis.

Dabei lohnt es meist gar nicht, die Sicherheitsrisiken in Kauf zu nehmen. Denn so billig, wie die Anbieter tun, ist VoIP oft gar nicht. Zwar ist ein Pauschaltarif günstig, wenn der Anruf ins Festnetz geht. Doch sobald der Nutzer ein Handy oder einen Freund in der Schweiz anruft, sind die Billigvorwahlen im ganz normalen Festnetz in der Regel preiswerter.

Probleme mit dem Notruf

Besonders preiswert werden am Internet-Telefon dagegen Anrufe bei 0900-Servicenummern: Die kosten nämlich in der Regel nichts, weil sie nicht funktionieren. Dabei sind viele dieser Nummern sehr praktisch - es gibt dort Hilfe bei Computerproblemen oder bei Ärger mit dem Vermieter. Gut, daß die Kunden derzeit noch recht einfach zwischen dem Telefonieren per Festnetz und per Internet umschalten können. Für den DSL-Anschluß ist nämlich meist ohnehin eine Festnetzleitung nötig.

Doch es tauchen schon die ersten Angebote auf, bei denen Kunden ihren Telekom-Anschluß kündigen können. Die sind besonders kritisch, denn mit dem Festnetz entfällt oft die Möglichkeit, einen Notruf abzusetzen. Einige Anbieter verbinden ihre Kunden zwar inzwischen mit der 110 und der 112. Aber das funktioniert nur halb: Während die Helfer bei einem Anruf aus dem Festnetz selbst wissen, von welcher Adresse der Notruf kommt, sind sie beim Internet-Telefon auf eine Auskunft vom Anrufer angewiesen. Das ist schlecht für den, der diese Auskunft nicht mehr geben kann.

Und auch wer angerufen werden will, hat so seine Probleme: Einige Anbieter vergeben nur Telefonnummern mit der Vorwahl 032. Die ist speziell für Internet-Anschlüsse gedacht - aber von einigen Anbietern aus nicht erreichbar, zum Beispiel von E-Plus. Deshalb sollten Nutzer ihren Festnetzanschluß auf jeden Fall weiter behalten.

Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 22.10.2006, Nr. 42 / Seite 49
Bildmaterial: AP

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