29. März 2004 Der hohe Ölpreis von mehr als 30 Dollar je Barrel schürt die Besorgnis, daß die internationale Konjunktur und damit auch die wirtschaftliche Erholung in Deutschland gefährdet sind. Ökonomen deutscher Wirtschaftsforschungsinstitute beobachten die Entwicklung jedoch vergleichsweise gelassen. "Der höhere Ölpreis belastet die Wirtschaft, er gefährdet die Erholung aber nicht", sagte Carsten-Patrick Meier vom Kieler Institut für Weltwirtschaft (IfW) dieser Zeitung.
Meier sieht im Ölpreis keinen Grund, die Wachstumserwartungen des Instituts zu revidieren. Das kann nicht verwundern: Das Kieler Institut hat seiner Prognose einen jahresdurchschnittlichen Ölpreis von rund 30 Dollar je Barrel unterlegt (ein Barrel entspricht 159 Liter). Der Anstieg des Preises für Nordseeöl auf zeitweise mehr als 32 Dollar im März stellt diese Annahme nicht in Frage. Die anderen der großen Wirtschaftsforschungsinstitute und auch der Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung haben ihren Prognosen allerdings niedrigere Ölpreise unterlegt.
Ein höherer Ölpreis dämpft in einem ersten Schritt die Kaufkraft und die Produktion. In einem zweiten Schritt dürfen zumindest die klassischen Exportländer jedoch ein Ausfuhrplus erwarten, wenn die Ölförderländer die höheren Dollareinnahmen in Nachfrage umsetzen. Wie stark würde das Wirtschaftswachstum leiden, wenn der Ölpreis hoch bleibt? Volkswirte scheuen vor groben Faustregeln zurück. Zu viele Faktoren gehen in allfällige Schätzungen ein. Einige Hinweise geben Simulationsrechnungen.
Die deutschen Forschungsinstitute haben vor einem Jahr berechnet, daß ein dauerhafter Anstieg des Ölpreises um 40 Prozent (oder damals 10 Dollar) das Wachstum in Deutschland und im Euro-Raum im ersten und im zweiten Jahr um jeweils 0,2 Prozentpunkte senken würde. In den Vereinigten Staaten fiele der Wachstumsschock etwas geringer aus. Die Inflationsrate würde im Euro-Raum im ersten Jahr nach dem Ölpreisanstieg um 0,4 Prozentpunkte steigen. Diese Simulation unterstellt allfällige Reaktionen der Geldpolitik und ist nur als Beispielrechnung zu verstehen, mahnten damals die deutschen Ökonomen. Als vergleichsweise sicher gilt, daß die amerikanische Volkswirtschaft weniger stark unter einem Ölpreisanstieg leidet als diejenige im Euro-Raum. Darauf deuten auch Beispielrechnungen der Organisation für wirtschaftliche Entwicklung und Zusammenarbeit (OECD) hin.
Im vergangenen Jahr lag der Ölpreis im Schnitt bei 28,8 Dollar und damit knapp 5 Dollar unter dem bisherigen Jahreshoch 2004 von 33,8 Dollar. Damit fällt der Anstieg des Ölpreises bislang deutlich geringer aus als in den Simulationsrechnungen angenommen. Einer Nachfragedämpfung wirkt im Euro-Raum auch entgegen, daß seit Herbst 2003 die Aufwertung des Euro den Ölpreisanstieg ausgeglichen hat. In Euro gerechnet ist der Ölpreis erst in den vergangenen Wochen teurer geworden.
Text: pwe. / Frankfurter Allgemeine Zeitung, 30.03.2004, Nr. 76 / Seite 12
Bildmaterial: FAZ.NET
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