Wie Amerikas Fernfahrer unter dem Ölpreis leiden

Auf der Bunny Ranch fehlen die Trucker

Von Claus Tigges, Washington

03. Juli 2008 Die hohen Benzinpreise in Amerika schlagen dort nun auch auf das mutmaßlich älteste Gewerbe der Welt durch: Freudenhäuser in ländlichen Regionen sehen ihre Umsätze schwinden, weil ihren wichtigsten Kunden, den Lastwagenfahrern, nach dem teuren Besuch an der Tankstelle das Geld fehlt, um anschließend noch für fleischlichen Genuss zu bezahlen. Um bis zu ein Viertel liegen die Umsätze unter dem Niveau vom Vorjahr, klagen Bordellbesitzer und bemühen sich, die Kundschaft mit Sonderangeboten zu locken.

Die „Shady Lady Ranch“, rund 250 Kilometer nördlich von Las Vegas an der Autobahn 95 gelegen, wird ihren Kunden einem Bericht der Nachrichtenagentur AP zufolge Tankgutscheine über 50 Dollar in die Hand drücken, wenn sie mindestens 300 Dollar ausgeben. Wer 500 Dollar für die Dienste der Damen bezahlt, erhält 100 Dollar in Form eines Tankgutscheins zurück. Und die „Moonlight Bunny Ranch“ in der Nähe von Carson City will von den Steuererstattungsschecks profitieren, die das Finanzministerium seit einigen Wochen an Millionen von Haushalte verschickt. Die ersten 100 Kunden, die ihren Scheck – 300 Dollar je Erwachsener – dort einlösen, erhalten „die doppelte Leistung“, wie es Bunny-Ranch-Besitzer Dennis Hof formuliert. „Wir müssen kreativer werden mit unserem Angebot“, fügt er hinzu.

Eine Gallone Diesel kostet im Schnitt rund 4,70 Dollar

Nach Auskunft von Geoffrey Arnold, dem Vorsitzenden des Verbands der Bordellbetreiber in Nevada, entfallen rund drei Viertel des Geschäfts der ländlich gelegenen Bordelle auf Lastwagenfahrer. Den Etablissements, die in der Nähe größerer Städte wie Las Vegas oder Reno liegen, ergeht es besser, weil ihre Kundschaft vorwiegend aus Touristen und Kongressteilnehmern besteht. Derzeit gibt es in Nevada 28 legale Bordelle. 16 davon befinden sich fernab der Städte an den wichtigsten Straßen für den Fernverkehr.

Besonders hart treffen die hohen Kraftstoffpreise unabhängige Fernfahrer, die nicht bei einer Spedition beschäftigt sind und ihren Tank auf eigene Rechnung füllen müssen. Eine Gallone Diesel (3,8 Liter) kostet derzeit im Landesdurchschnitt rund 4,70 Dollar, das sind rund 67,5 Prozent mehr als vor einem Jahr. Die Gewerkschaft „International Brotherhood of Teamsters“, in der auch die Lastwagenfahrer zusammengeschlossen sind, verlangt von Regierung und Kongress in Washington, etwas gegen die hohen Benzinpreise zu unternehmen. „Mit Angebot und Nachfrage hat es nichts zu tun, dass der Benzinpreis auf 4 Dollar je Gallone geklettert ist. Zu viele Arbeiter leiden unter einer Handvoll gieriger Spekulanten“, wettert Teamsters-Präsident Jim Hoffa.

Rund 10.000 haben in diesem Jahr ihren Arbeitsplatz verloren

Die Ölkonzerne hingegen schwämmen im Geld, erzielten Rekordgewinne auf dem Rücken der Fahrer und ihrer Familien. Exxon Mobil etwa habe im vergangenen Jahr einen Gewinn von 40,6 Milliarden Dollar erwirtschaftet, so viel wie nie ein Unternehmen zuvor. „77.287 Dollar Gewinn in der Minute. Das ist ein obszöner Meilenstein“, sagt Hoffa. Die Gewerkschaft unterstützt darum im Kongress den Entwurf eines Gesetzes, das das Engagement von Investoren auf den Ölmärkten einschränken und die Kontrolle durch die zuständige Aufsichtsbehörde, die Commodity Futures Trading Commission, verschärfen soll.

Die Arbeitnehmervertreter stehen freilich nicht allein auf weiter Flur. Auch das Speditionsgewerbe sieht die hohen Kraftstoffpreise mit großer Sorge. „Jeder Cent, den Diesel teurer wird, kostet uns zusätzlich 391 Millionen Dollar im Jahr“, rechnet die American Trucking Association (ATA) vor. Im ersten Quartal dieses Jahres hätten 935 Speditionsfirmen mit mindestens fünf Wagen Pleite gemacht, so viele wie seit der Rezession 2001 nicht mehr. Nach Angaben des Arbeitsministeriums in Washington haben in den ersten fünf Monaten rund 10.000 von insgesamt 3,5 Millionen Lastwagenfahrern in Amerika ihren Arbeitsplatz verloren. Schätzungen zufolge werden amerikanische Spediteure – sie transportieren rund 70 Prozent aller Frachtgüter – dieses Jahr fast 170 Milliarden Dollar für Kraftstoff ausgeben. Im Jahr 2007 beliefen sich diese Kosten auf 112 Milliarden Dollar.

„Wir können den Preisanstieg nicht einfach aufsaugen. Wir müssen zumindest einen Teil davon an unsere Kunden weitergeben. Das hat letztlich höhere Preise für die Waren in den Regalen zur Folge“, beschreibt Mike Card von der ATA die Lage. Der Verband plädiert unter anderem dafür, heimische Ölvorkommen zu erschließen, um die Abhängigkeit vom ausländischen Öl zu verringern. Außerdem setzt sich ATA für eine landesweite Höchstgeschwindigkeit von 65 Meilen in der Stunde, rund 104 Kilometer in der Stunde, ein. Viele Lastwagen fahren derzeit deutlich schneller über amerikanische Highways, häufig 75 Meilen in der Stunde und darüber. „Wir brauchen eine breit angelegte Strategie, um die finanziellen Schwierigkeiten der Unternehmen und der Fahrer zu überwinden“, sagte ATA-Vizepräsident Tim Lynch während eines Besuchs in Washington vor wenigen Tagen.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: LAIF

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