Von Rüdiger Köhn
27. Mai 2005 Für David Haines sei der größte anzunehmende Unfall eingetreten. Das meint ein langjähriger Kenner des Unternehmens Grohe Water Technology AG & Co. KG, dessen Vorstandschef Haines ist. Der muß mit 1.500 Stellen jeden dritten deutschen Arbeitsplatz des weltweit führenden Herstellers von Sanitär- und Küchenarmaturen abbauen, drei Viertel davon allein über Entlassungen.
Die Verhandlungen zwischen Vorstand und Betriebsrat ziehen sich hin und werden voraussichtlich nächste Woche abgeschlossen sein (F.A.Z. vom 25. Mai). Das findet ausgerechnet in einer Zeit statt, in der nach der Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen am vergangenen Wochenende nun der Bundestagswahlkampf ausgebrochen ist, weshalb die Kapitalismus- beziehungsweise Heuschrecken-Debatte in den kommenden Monaten weitergeführt werden dürfte. Grohe gibt dieser Debatte reichlich Zündstoff. Das Unternehmen aus dem westfälischen Hemer gehört nämlich Finanzinvestoren.
Überteuerter Kauf - über Schulden finanziert
Erst vor knapp einem Jahr ist Grohe von der Kapitalfondsgesellschaft BC Partners an die amerikanische Texas Pacific Group (TPG) und Credit Suisse First Boston Private Equity weitergereicht worden. Viel zu teuer, wie Finanzkreise und Kenner der Sanitärbranche meinen. TPG und CSFB sollen 1,8 Milliarden Euro gezahlt und dafür noch die angehäuften Schulden erworben haben.
BC Partners hat für Grohe damit wesentlich mehr herausgeschlagen, als der eigentlich für den Herbst vergangenen Jahres geplante Börsengang eingebracht hätte. Diese hatte im Juli 1999 Grohe von den Familieneigentümern für schätzungsweise 900 Millionen Euro übernommen. Neben der Verdoppelung des Einsatzes haben die Finanzinvestoren - ganz nebenbei - noch mehr herausgeholt: Im Jahre 2000 haben sie die einst im M-Dax notierte Friedr. Grohe AG von der Börse genommen, über einen Kapitalschnitt 500 Millionen D-Mark Eigenmittel abgezogen und mit der Dividendenausschüttung insgesamt 700 Millionen D-Mark - summa summarum also 350 Millionen Euro - entnommen.
Mitarbeiter müssen die Fehler der neuen Eigentümer ausbaden
Das ist gar nichts verglichen mit dem, was nun TPG und CSFB vorhaben. Das Unternehmen muß nun gewissermaßen den überteuerten Kauf für die neuen Eigentümer finanzieren - durch Schulden. Im Fall Grohe soll nur ein Drittel des Kaufpreises über Eigenmittel, aber zwei Drittel über Schuldenaufnahme erfolgt sein. Nur wenige Wochen nach Abschluß des Kaufs soll Grohe dem Vernehmen nach am Kapitalmarkt eine Anleihe zu hohen Zinsen aufgenommen haben.
Die Folgen sind fatal: Die Zahlung für die Zinsen erdrückt das Unternehmen. Mit Bad- und Küchenarmaturen soll Grohe im vergangenen Jahr seinen operativen Gewinn (Ergebnis vor Zinsen und Abschreibungen) zwar gegenüber 2003 (180 Millionen Euro) verbessert haben. Der Verlust nach Steuern aber soll sich gegenüber dem Fehlbetrag des Jahres 2003 von 19 Millionen Euro dank der enormen Zinslast erhöht haben. Das Unternehmen und die Mitarbeiter müssen die Fehler des völlig überteuerten Kaufs der neuen Eigentümer nun ausbaden.
Unzulängliche Prüfung durch neue Eigentümer
Drei Gründe waren es, die Texas Pacific und CSFB zum Einstieg bewogen haben sollen. Nur einer klingt plausibel: die Wachstumschancen, die der gut aufgestellte Marktführer Grohe weltweit gehabt hat. Zwei Beweggründe jedoch haben für Grohe schwerwiegende Folgen gehabt. Erstens: Die als aggressiv bekannte TPG wollte mit aller Macht die Präsenz im deutschen Markt ausbauen und sahen in dem Kauf von Grohe dafür eine gute Gelegenheit. Zweitens - und das wiegt wesentlich schwerer - erhofften sich die neuen Eigentümer nach Informationen aus vertrauten Kreisen stille Reserven im Unternehmen, die aber nicht vorhanden waren. Das läßt auf eine unzulängliche Prüfung der Unterlagen durch die Käufer schließen. Wenn es stille Reserven gab, hatte sie BC Partners längst gehoben.
Die neuen Besitzer haben zudem die Unternehmensberatung McKinsey beauftragt, ein Gutachten über mögliche Kostensenkungen zu erstellen; ein Indiz dafür, wie wenig die Käufer jenes Unternehmen gekannt haben, für das sie 1,8 Milliarden Euro zahlten. In der Radikalität ist das McKinsey-Gutachten kaum mehr zu übertreffen.
McKinsey-Gutachten: In Deutschland nur eine Holding - um des Namens willen
Nach Informationen dieser Zeitung hat die Unternehmensberatung nicht nur den Abbau von 3000 Stellen vorgeschlagen: Grohe sollte in Deutschland nur noch eine reine Holding sein. So sollte zumindest der gute deutsche Name eines weltweit auftretenden Marktführers erhalten bleiben. McKinsey hat, wie zu hören ist, vorgeschlagen, die Produktion komplett nach China zu verlagern. Die Logistik solle von Polen aus gesteuert werden. Damit verlören nicht nur die deutschen Produktionsstandorte ihre Bedeutung, sondern auch die in Portugal, Kanada und Thailand. Das Unternehmen hätte dann in Deutschland nur noch die Verwaltung und vielleicht Teile des Designs vorgenommen.
Das scheint auch der Grund, warum für den Vorstand unter David Haines, der erst im Herbst 2004 unter dem neuen Eigentümer eingestiegen war, ein solcher Kahlschlag nicht in Frage kommt. Die in den kommenden fünf Jahren vorgesehenen Einsparungen von jährlich 150 Millionen Euro sollen über eine straffere Einkaufsorganisation und eben über den immer noch drastischen Stellenabbau erfolgen. Bitter trifft es den ostdeutschen Standort Herzberg in Brandenburg mit seinen 300 Mitarbeitern, der geschlossen werden soll. Das größte Werk Lahr dürfte unter den anderen vier Standorten hierzulande am stärksten betroffen sein: Wie zu hören ist, sollen dort allein 500 bis 600 Stellen verlorengehen.
Vorhergehendes Sparprogramm wesentlich schonender
Die Notwendigkeit des Sparens war schon vor dem Eigentümerwechsel auch von BC Partners erkannt worden. Ein Programm wurde ausgearbeitet, um schätzungsweise 120 Millionen Euro jährlich einzusparen. Angesichts eines Auslandsanteils am Umsatz von 80 Prozent von zuletzt 885 Millionen Euro (2003) erschien eine Inlandsquote in der Produktion von 80 Prozent nicht mehr haltbar. Doch sollte das Sparprogramm schonender abgewickelt werden mit einer weitgehenden Vermeidung eines Arbeitsplatzabbaus. Auch Herzberg sollte wegen der katastrophalen Folgen für die von hoher Arbeitslosigkeit gebeutelten Region erhalten bleiben, obwohl schon ein Gutachten der Unternehmensberatung Boston Consulting im Jahr 2000 dem Standort keine Zukunftschancen mehr gegeben hatte.
Der Druck auf Grohe-Chef David Haines wächst. Die Marktbedingungen verschlechtern sich immer mehr, auch für den Marktführer. Neben dem starken Euro belasten steigende Rohstoffpreise. Die Konkurrenz ist auf der Kostenseite teilweise besser aufgestellt und versucht, den Marktführer anzugreifen, der seinen Weltmarktanteil von 10 Prozent mit geringeren Margen verteidigt. Der Inlandsmarkt bricht gleichzeitig wegen der schwachen Baukonjunktur ein.
Steilvorlage für Müntefering - Grohe liegt in seinem Wahlkreis
Haines hat den Freiraum, das nun bekanntgewordene Sparprogramm umzusetzen. Das aber muß er zügig und konsequent tun. Gelingt ihm das - meinen Unternehmensbeobachter - lassen ihn TPG und CSFB wirken. Das erhöht schließlich die Chance, Grohe doch noch als ein einigermaßen attraktives und - trotz hoher Schuldenlast - substanzhaltiges Unternehmen zu bewahren. Mißlingt Haines die Sanierung, könnten die Finanzinvestoren wieder das McKinsey-Gutachten hervorholen und den radikalen Weg gehen.
Der Fall Grohe gibt dem Kapitalismuskritiker Franz Müntefering eine mustergültige Steilvorlage. Das Treiben von Texas Pacific und CSFB Private Equity geben dem SPD-Parteivorsitzenden weiteren Stoff für die von ihm losgetretene Heuschrecken-Diskussion. Müntefering wird sich diese Chance nicht entgehen lassen. Der Grohe-Sitz Hemer ist sein Wahlkreis.
Text: F.A.Z., 27.05.2005, Nr. 120 / Seite 22
Bildmaterial: picture-alliance / dpa/dpaweb
Nun muss der Staat den Banker ![]()
Wirtschaftswissenschaften: Die Kandidaten für den Nobelpreis laufen sich warm
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