„Female Trouble“

Die zweite Realität

Von Julia Voss

Cindy Sherman: “Untitled #6“ aus dem Jahr 1977

Cindy Sherman: "Untitled #6" aus dem Jahr 1977

18. Juli 2008 Die Ausstellung „Female Trouble“, die gerade mit 180 Werken aus 150 Jahren in der Münchner Pinakothek der Moderne eröffnet hat, verfügt über eine erstaunliche Eigenschaft: Wir können sie uns wie eine Brille aufsetzen. Sie bleibt bei uns, sie prägt sich ein, sie ist eine Sehschule, ein Linsensystem, das den Blick schärft und dann, wenn man alles gesehen hat, zu seiner zweiten Natur wird. Danach können wir hinüber in die Alte Pinakothek laufen, die Malerei vom vierzehnten bis zum achtzehnten Jahrhundert betrachten, oder in der Neuen Pinakothek das neunzehnte Jahrhundert. Nur werden wir die Bilder nicht mehr sehen wie zuvor. Mit den Künstlerinnen der Ausstellung - von Julia Margaret Cameron über Diane Arbus bis Cindy Sherman - hat sich die Aufmerksamkeit verschoben.

Und so kommt die erste Lehre dieser Ausstellung als Frage: Wo sind eigentlich die Künstlerinnen in den Jahrhunderten davor, wo in der Alten Pinakothek und wo in der Neuen? Die Antwort gibt Reinhold Baumstark, Generaldirektor der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen, in seinem Katalogvorwort: Mit Ausnahme von Rachel Ruysch, Rosalba Carriera oder Angelika Kauffmann wird man sie in den Sammlungen vergebens suchen, das Ausbildungssystem stand ihnen im Weg. Frauen durften bis Ende des neunzehnten Jahrhunderts keine Akademien besuchen, in den Werkstätten waren sie auch nicht zugelassen. Und wenn uns an Kunstgeschichte nicht nur die Abfolge von Stilen interessiert, sondern das Kaleidoskop von Blickweisen, dann kann sich mit dieser Erkenntnis auch das Gefühl von Monotonie einstellen. Die Kunst jedenfalls hat sich keinen Dienst erwiesen, so lange so viele Menschen, sofern sie weiblich waren, ganz unabhängig vom Talent auszuschließen und allein Männern, auch den mittelmäßigsten, den Vortritt gelassen zu haben.

In immer neuen Rollen

Die zweite Lehre: Mit der Erfindung von Fotografie und Video ändert sich das. Lady Clementina Hawarden, geboren 1822 in der Nähe des schottischen Glasgow, bewarb sich an keiner Kunstschule mehr, sie fragte niemanden, ob er ihr das Zeichnen, Malen, Bildhauern bitte freundlicher Weise beibringen könnte - sie griff 1857 zur Kamera und begann zu fotografieren. Verglichen mit den klassischen Künsten handelte es sich bei der Fotografie um eine Technik, die man sich gut selbst beibringen konnte, und Lady Hawarden lichtete nun ihre Töchter in den Zimmerlabyrinthen des irischen Landsitzes in Dundrum ab. Spiegel wurden zum häufigsten Utensil in ihren Bildern, sie dienten einerseits als Lichtreflektoren, um helles Tageslicht in den Raum zu lenken.

Andererseits vervielfältigten sie die Szene um ein weiteres Bild, die Spiegel verdoppeln den Raum, die Frauen, die Zeit. Von Fotografie zu Fotografie schlüpft sie samt Töchtern in immer neue Rollen, darunter auch in die des männlichen Liebhabers: als androgyner Knabe des Rokoko. 850 Fotografien hinterließ Lady Hawarden, als sie mit nur zweiundvierzig Jahren an einer Lungenentzündung starb. Zu ihren Sammlern zählte der Schriftsteller Lewis Carroll; zu Lebzeiten ernannte sie die London Photographic Society zum Mitglied, zwei Mal verlieh ihr die Gesellschaft eine Medaille.

Im Zeitraffer durchs Leben

Die dritte Lehre: Fotoapparat und später Videokamera waren mehr als Palette und Pinsel je hätten sein können, sie wurden für zahlreiche Frauen zur Prothese, zur zweiten Realität, um aus den gesellschaftlich auferlegten Beschränkungen auszubrechen. Im Zeitraffer spielen sie verwehrte Leben durch, parodieren die Rollen, die ihnen das Umfeld aufdrängt oder erfinden Frauenbilder, die bisher nicht vorgesehen waren.

Von den Rollenspielen der Künstlerinnen aus auf die klassische Kunstgeschichte zu blicken, kann sehr ernüchternd sein: Wie konventionell ist das Frauenbild der angeblich so revolutionären Impressionisten gegen die exzentrischen Erfindungen der Gräfin Castiglione zur gleichen Zeit. Wie abgedroschen sind die ewigen Aufgüsse von weiblichen Akten im Werk der Surrealisten gegen Claude Cahun und die einzigartige Gabe der Französin, sich wie eine neue Art selbst geschaffen zu haben.

Krisen der Repräsentation

Die meisten der in München ausgestellten Werke sind Leihgaben, und es ist der Kuratorin Inka Graeve Ingelmann zu verdanken, dass sie - etwa Lady Hawardens Œuvre aus dem Viktoria & Albert Museum - zum ersten Mal in Deutschland gezeigt werden. Für den Katalog konnte unter anderem die amerikanische Kunsthistorikerin Abigail Solomon-Godeau gewonnen werden, Autorin des 1997 veröffentlichten Buches „Male Trouble. A Crisis in Representation“.

Dem Titel hören wir es bereits an: Solomon-Godeaus Buch schildert die Rückseite von „Female Trouble“, die Geschichte davon, wie sich das Männerbild um 1800 wandelte, als die höfische Gesellschaft von einer bürgerlichen abgelöst wurde. Wer die weiblichen Rollenspiele in Fotografie und Video in der Modernen Pinakothek gesehen hat, sollte auf keinen Fall verpassen, auch die männlichen Maskeraden in Malerei und Skulptur in Neuer und Alter Pinakothek anzuschauen.

Female Trouble - Die Kamera als Spiegel und Bühne weiblicher Inszenierungen. In der Pinakothek der Moderne, München, bis 26. Oktober. Der Katalog mit Beiträgen von Elisabeth Bronfen, Abigail Solomon-Godeau und Inka Graeve Ingelmann kostet während der Ausstellung 34 Euro.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Cindy Sherman, Courtesy Monika Sprüth und Philomene Magers Cologne, Munich, Estate of Claude Cahun. Courtesy of the Jersey Heritage Trust Collection, Estate of Francesca Woodman, Courtesy George and Betty Woodman, Nan Goldin, Courtesy Sammlung Goetz, München, Sophie Calle

© Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH 2009.
Alle Rechte vorbehalten.
Vervielfältigungs- und Nutzungsrechte erwerben
Verlagsinformation

Besuchen Sie die Sagrada Familia in Barcelona, sehen Sie den Eifelturm in Paris oder das Kolosseum in Rom. Buchen Sie Ihre nächste Städtereise unter reiseclub.faz.net

Cindy Sherman: “Untitled #216“ aus dem Jahr 1989Claude Cahun: “Self Portrait (reflected in mirror)“, um 1928Francesca Woodman: “I could no longer play. I could not play by instinct“ aus dem Jahr 1977Cindy Sherman: “Untitled #280“ aus dem Jahr 1993 Aus der Serie “Days Under the Sign of B, C & W“ aus dem Jahr 1998Cindy Sherman: “Untitled #22“ aus dem Jahr 1978Nan Goldin: “New York Drag Queens (Cody in der Garderobe der Boy Bar)“  aus dem Jahr 1991