11. März 2005 Es ist auf den Tag genau sechs Jahre her: Teofila Reich-Ranicki sitzt im Wohnzimmer ihrer Frankfurter Wohnung und liest ein polnisches Buch von Julian Tuwim, Lyrik, also jene Sorte Literatur, von der ihr Mann gern behauptet, sie sei das Schönste, was die polnische Sprache zu bieten habe - nur leider unübersetzbar.
Ihr Mann, der Literaturkritiker, steht auf dem Balkon und wundert sich ein wenig darüber, daß er zum ersten Mal in den vierundzwanzig Jahren, in denen die beiden nun an diesem Ort leben, einen Sonnenuntergang vom eigenen Balkon aus betrachtet. Aber in Gedanken ist er bei seinem Buch, das heißt: Er ist in Gedanken bei seinem und ihrem Leben. Und nun fällt ihm ein, womit seine Autobiographie enden wird, und er sagt es seiner Frau. Es ist ein Vers Hofmannsthals: Ist ein Traum, kann nicht wirklich sein, / daß wir zwei beieinander sein.
Unvergeßlicher Anblick
Mit dieser Szene endet Marcel Reich-Ranickis Autobiographie Mein Leben. Teofilas Reaktion ist darin nicht überliefert. Das ist nicht ganz untypisch. Mag sein, daß sie wortlos ausfiel: ein Lächeln, dann streichelt ihre Hand seine Wange, und er legt den Kopf ein wenig schief. Eine schöne, aber nicht gerade außergewöhnliche Geste? Ja. Aber wer die Lebensgeschichte von Teofila Reich-Ranicki und ihrem Mann Marcel kennt, der wird diesen Anblick nicht mehr vergessen.
Sechs Jahre sind seit damals vergangen - und mehr als sechzig Jahre ist es her, daß Teofila im Warschauer Getto ein Buch von Hand kopierte, das der Nachbarssohn Marcel sich wünschte, aber nicht bekommen konnte. Dr. Erich Kästners Lyrische Hausapotheke, abgeschrieben und mit Illustrationen versehen von einer jungen Frau, die Zeichnerin werden und Kunstwissenschaften studieren wollte, ist als Faksimileausgabe vor einigen Jahren erschienen und seitdem ebenso mehrfach aufgelegt worden wie ihre Bücher Wir sitzen alle im gleichen Zug und Es war der letzte Augenblick (zusammen mit Hanna Krall).
Modeskizzen und Schreckensbilder
Die Bände versammeln Zeichnungen Teofilas: Modeskizzen, die von Träumen künden, die zerstört wurden, und Schreckensbilder aus dem Gettoleben. Sie sprechen von einer Gegenwart, die nicht vergehen will. Was aber schwerer wiegt, die Angst, die der gezeichnete SS-Mann verkörpert, oder die Trauer über ein Talent, das früh gebrochen wurde, können Nachgeborene nicht ermessen.
Zart ist ihre Gestalt, hintergründig ihr Humor, scharf ihre Beobachtungsgabe, vielsagend ihr Mienenspiel und glänzend ihr Gedächtnis: für Namen, Daten, Eindrücke von Opern- und Theaterabenden und den Nachmittagen im geliebten Kino. An diesem Samstag feiert Teofila Reich-Ranicki ihren fünfundachtzigsten Geburtstag zusammen mit ihrem Sohn Andrew und ihrer Enkelin Carla im Kreise ihrer Freunde. Wer dazugehört, schätzt sich glücklich.
Text: F.A.Z., 12.03.2005, Nr. 60 / Seite 37
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