Kardinal Meisner ist nicht mehr tragbar, weil er sich nicht selbst zu verteidigen weiß. Immer ist Meisner wegen seiner Meisner-Äußerungen in Schwierigkeiten, und immer fällt mir eine bessere Meisner-Verteidigung ein als ihm. Das will was heißen, denn ich bin weder Kardinal noch Katholik noch gläubig. Manche, die mich kennen, vermuten daher, dass mich Meisner-Äußerungen empören müssten, das stimmt aber nicht. Meisner-Äußerungen widerlegen den Irrglauben, dass die katholische Kirche eine Art tibetisch-kalifornischer Meditationsclub sein könnte, unter dessen Regenbogenzelt Paulo Coelho, Oprah Winfrey und der Dalai Lama barfuß zum Tamburin tanzen.
Meisner sollte zu seiner Bösartigkeit stehen. Er müsste sagen: Wir sind nicht die älteste funktionierende Institution der Welt geworden, weil wir so kuschelig sind. Alle sind heute immerzu nett, sollte Meisner sagen, ich nicht. Weil das Leben und der Tod und die Dinge, an die wir Katholiken glauben, sich nach anderen Maßstäben richten als nach dem, was Leute so finden. Ich bekleide ein Amt, in dem seit Jahrhunderten spirituelle und weltliche Kraftlinien zusammenlaufen, da werde ich, das sollte Meisner mal sagen, so reden dürfen, wie es mir passt, das Kölner Bistum ist doch kein Seminar. Ich rede, ihr hört zu, das ist hier die Regel.
Dass die Nazis all diese Leute umgebracht und einen Krieg vom Zaun gebrochen haben, dass das Land danach ein Trümmerhaufen war, das waren ihre Verbrechen, nicht die Worte, die sie dafür hatten. Wer sich über meine Äußerungen aufregt, hat keine wirklichen Sorgen, sollte Meisner sagen, ich weiß das, denn letzte Fragen sind mein Spezialgebiet. Da wäre Meisner mal Meisner. Müsste ihm aber schon selber einfallen.
Es gibt noch einen Gegenmeinung: Ist Kardinal Meisner noch tragbar? Ja, meint Eberhard Rathgeb
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 16.09.2007, Nr. 37 / Seite 32