Klassiker der Comic-Literatur

Eine amerikanische Revolution: Die Fantastischen Vier

Von Patrick Bahners

23. September 2005 Der Ökonom und Historiker Walt W. Rostow veröffentlichte 1958 einen Aufsatz über den „nationalen Stil“ Amerikas. Er verstand darunter eine charakteristische Art und Weise des Zugangs zur Welt und des Zugriffs auf die Dinge.

Wie die Kunstgeschichte von Stil spricht, wo Motive zu Formeln werden und glücklich gefundene Lösungen der Meister für Generationen von Schülern verbindlich bleiben, so suchte Rostow eine amerikanische Handschrift in der Ordnung des Lebens und der Gestaltung der Gesellschaft, bewährte Muster des Umgangs mit neuen Herausforderungen. Prägend war die Erfahrung der Besiedlung des Kontinents: die Erschließung natürlicher Reichtümer in ungesichertem Gelände. Den freien Mann, der auf eigene Rechnung arbeitete, schloß sich mit seinesgleichen zur Gefahrenabwehr zusammen - bis die Gefahr gebannt war.

Empirisch und pragmatisch

Uramerikanisch ist die Kunst des Neuanfangs, das Ethos des Pioniers, der provisorische Vorkehrungen trifft, um ad hoc das Nötigste tun zu können. „Der Mann, der sich darauf verstand, drängende materielle Probleme zu lösen, ein produktives Unternehmen profitabel zu organisieren und die tagtäglichen Kompromisse des örtlichen sozialen und politischen Lebens effektiv zu handhaben, stieg auf diese Weise im Ansehen; seine operative Denkungsart beherrschte am Ende die amerikanische Szene, ein Denken mit einer Vorliebe für Individuen, die konkrete, spezielle Probleme einschätzen, empirisch in der Methode, pragmatisch in den Lösungen.“

Die vier Helden, die drei Jahre nach der Publikation von Rostows Aufsatz im ersten Heft des nach ihnen benannten Comicheftes die Arbeit aufnahmen, wurden als Erneuerer des Genres angepriesen und angenommen. Dabei erfüllen sie die Definition von Rostows Nationalgeist, als wär's eine Stellenbeschreibung, bei der der erfolgreiche Bewerber vorher schon feststeht. Mr. Fantastic, Die Unsichtbare, Die Fackel und Das Ding tragen blaue Ganzkörperanzüge aus elastischem Kunststoff, versehen mit dem Wappen oder besser Markenzeichen der Gruppe, der durch einen Kreis eingefaßten Ziffer Vier - Uniformen einer Modernität, die nicht erst dem heutigen Betrachter repräsentativ für den Stil der sechziger Jahre erscheint, sondern von vornherein parodistisch gemeint war. Unter den hauchdünnen, aber undurchsichtigen Supertextilien zeichnen sich die Konturen des alten neuen Menschen ab. Pioniere sind die Fantastischen Vier, weil sie ihren ererbten Reflexen vertrauen. Ihr Debüt war eine amerikanische Revolution.

Erhellende Sichtweisen

Nun ist Reed Richards ein Wissenschaftler. Bedeutungslos sind für Gelehrte äußere Erfolge, wie sie Chroniken amerikanischen Stils füllen. Für sie sind andere Gesichtspunkte wichtig, Gesichtspunkte eben, kühne Perspektiven und erhellende Sichtweisen, und so widmet sich Dr. Richards im obersten Stübchen des Baxter-Hochhauses in New York standesgemäß der Frage, was die Welt im Innersten zusammenhält. Soweit die Theorie des theoretischen Lebens. In der Praxis müssen sich Richards und seine Assistenten mit dem herumschlagen, was die Welt im äußersten Fall auseinanderreißt. Dieser Fall droht in jedem Augenblick einzutreten. Man braucht nur den Fernseher anzuschalten, das Fenster zu öffnen oder ein Comicheft. Sofort sieht man einem Invasor aus dem Weltraum ins Auge, einem Negerhäuptling oder einem Strippenzieher, der es auf die Beseitigung der Menschheit abgesehen hat. Oder natürlich einem verrückten Professor.

Rostows Stilkunde schrieb die These des Historikers Frederick Jackson Turner fort, die „frontier“, die immer weiter hinausgeschobene Grenze, bestimme die Dynamik der amerikanischen Geschichte. Der Aufenthaltsort der Fantastischen Vier ist an der Grenze zum Äußersten. Publiziere oder vergehe: Diesem harten Naturgesetz der modernen Wissenschaft kann Richards keinen Tribut zollen, weil er nie zur Aufsatzproduktion kommt - der Physiker nimmt damit einen Typus des Gelehrten vorweg, der in unseren Tagen mit Zeitungsartikeln den Weltuntergang aufhalten möchte und mit solcher Missionstätigkeit im Sinne der geheimen Weisheit der alten Griechen zu handeln beansprucht. Wo es wirklich um alles oder nichts geht, da ist die Abkapselung des amerikanischen Geistes freilich eine akademische Sorge, da ist jedes drängende Problem wieder ein materielles. Im buchstäblichen Sinne: Wird in der nächsten Sekunde überhaupt noch etwas da sein oder nicht vielmehr nichts?

Die richtige Waffe im Planwagen

Pioniergeist beweisen die Fantastischen Vier, weil sie mit dem arbeiten müssen, was sie haben. Die Gefahren, die in unerschlossenen Gebieten lauern, sind per definitionem unbekannt, und man kann nie sicher sein, daß man die richtige Waffe in den Planwagen gepackt hat. Man hat zwar über den mitgebrachten Vorrat hinaus die ganze Natur zur Verfügung, muß sie aber zurichten. Die Kunst des Überlebens fängt an mit der Technik des Umfunktionierens: Man nehme einen Baumstamm, schlage das morsche Innere heraus, fülle etwaige Löcher mit Lehm, und fertig ist der klassische Einbaum unserer Väter. So sind Dr. Richards und sein Team zwar mit übermenschlichen Kräften für ihre Expeditionen gerüstet. Aber es erscheint keineswegs garantiert, daß sie auf alle Eventualitäten vorbereitet sind.

Man muß bezweifeln, daß der Zuteilung der Superfähigkeiten ein, wie man heute sagt, intelligenter Plan zugrunde liegt, daß ein Schöpfer sich etwas gedacht hat, als er ihre genetischen Apparate durch die Befeuerung mit kosmischen Strahlen mutieren ließ. Es steht zu fürchten, daß es ihnen ergehen wird wie Spezialisten, die in ein primitives Zeitalter des Wirtschaftens zurückkatapultiert werden und feststellen müssen, daß für ihre Feinarbeitsleistung keine Nachfrage existiert. In einem gut sortierten Haushalt, dem Herzstück der arbeitsteiligen Gesellschaft, mag die Frau, die sich unsichtbar machen kann, wahre Wunder vollbringen. Aber wie viele Superschurken lassen sich einschüchtern durch etwas, das nach nichts aussieht? Die Astralleibgarde bilden ein Gummimann, ein Feuerkopf und ein ordentlicher Fleischklops. Da kommandierte Dorothy auf dem Marsch zum Zauberer von Oz eine imposantere Truppe.

Gemeinsam auf großer Fahrt

Was ist so phantastisch an den weltstadtbekannten Sonderlingen? Daß es vier sind. Wären sie zu zweit oder zu dritt, längst wäre dann der eine komplett verweichlicht oder der zweite total ausgebrannt oder der dritte vollends verdinglicht. Und die wasserstoffblonde Susan Storm wäre statt Superheldin ein Supermodel, dessen Traumfigur überall zu sehen wäre. Selbst Mr. Fantastic wäre allein kein Fantastischer Einer. Zum amerikanischen Stil gehört die alltägliche Kooperation. Eine Hand wäscht die andere, streckt sich aus, räumt das Feld, gibt Feuer, schlägt ein. Kennzeichnend für ein Volk von Pragmatikern ist das Geschäftsmäßige des Zwischenmenschlichen. Die Fantastischen Vier sind eine Schicksalsgemeinschaft und eben deshalb auf die Bindekräfte von Gewohnheiten des Herzens nicht angewiesen. Sie haben sich kurzentschlossen gemeinsam auf große Fahrt begeben und müssen einander nun ewig aushelfen.

Susan Storm und ihr kleiner Bruder Johnny können sowenig Freundschaft schließen wie Lucy und Linus bei den Peanuts. Ben Grimm könnte zerspringen vor Ressentiment, weil er nicht aus seiner Steinhaut kann: Dem menschgewesenen Erdenrest fehlt die Elastizität, die Luftgeistigkeit und der der gewisse zündende Funke. Als Miss Storm sich in Mrs. Richards verwandelt, wird die letzte Quelle leidenschaftlicher Spannung innerhalb der Gruppe neutralisiert. Mr. Fantastic und Die Unsichtbare führen eine musterhafte bürgerliche Ehe, in der die Rollenverteilung supergenau geregelt ist. Die prosaische Innenseite der epischen Existenz ist eine komische Vorstellung: Der Trickfilm „The Incredibles“ verdankt Kirby und Lee seine Prämisse. Man muß sich mit den Gegebenheiten arrangieren: So buchstabiert sich der Lebensbund auf amerikanisch. Familienwerte, sachlich betrachtet, bestehen in der Anpassung an eine selbstgeschaffene und dennoch unentrinnbare Umwelt.

Virtuose der Selbstverformung

Sollten die Pioniere nicht den Indianern abgeschaut haben, wie man sich im Verbund in der Gruppe bewegt? Bei der Grenzübertretung nützen dieselben Tüchtigkeiten wie bei der Sicherung der Grenzen. Wenn die Feuerzeichensetzung nicht verstanden wird, hilft nur rohe Gewalt. Kundschafter lösen sich auf Kommando in Luft auf, nachdem sie sich durch Spalte und Ritzen geschoben und die Objekte der Beschattung eingewickelt haben. Was wollen die Künstler uns sagen mit Mr. Fantastic, dem Virtuosen der Selbstverformung? Ein begabter Mensch kommt hinter alles.

Um den Kommunisten zuvorzukommen, waren Richards und seine Kollegen zu ihrem Himmelfahrtskommando aufgebrochen. In der Geburtsstunde der Fantastischen Vier wurde die Grenze des Landes der Freien bereits in Asien verteidigt. Im Wilden Osten bekamen es die Amerikaner mit Roten zu tun, die sich ihr Land, dem sie sich täuschend echt anzuverwandeln verstanden, nicht nehmen ließen. Maßgeblichen Anteil an der Vietnam-Strategie hatte Walt W. Rostow als Sicherheitsberater von Präsident Johnson. Bedeutete der Vietnamkrieg den Verrat am amerikanischen Stil, die Ersetzung lokaler Weisheit durch globale Planung? Oder bewahrheitete sich durch das Versinken im ostasiatischen Sumpf die Warnung, die Rostow 1958 ausgesprochen hatte? Über die pragmatische Übung, immer nur ein Problem auf einmal zu lösen, so die These des Aufsatzes, sei die Zeit hinweggegangen. Solange man in leere oder mühelos zu entleerende Räume vorstieß, war der Bastler, der sich auf das Vorliegende konzentrierte, in seinem Element. In einer übervölkerten Welt ließen sich Krisen nicht mehr lokalisieren. Mit Pioniertaten allein war Amerika nicht zu retten.

Das Wüten von Höllenmaschinen

Als eines der technischen Mittel der Vereinheitlichung des Welt-Raumes, durch die die Tradition der Problemlösung vor Ort obsolet zu werden drohte, erwähnte Rostow 1958 die ferngesteuerten Raketen. Die Fantastischen Vier sehen ihre Kultur dem blinden Wüten von Höllenmaschinen preisgegeben, die Superhirne von fernen Planeten aus auf ihre todbringende Bahn geschickt haben. Der Aberwitz des fantastischen Hilfsküstenwächterdienstes liegt darin, daß die Danaerpakete fremder Intelligenzbestien, wie zum Spott über die Abstraktionsleistungen ihrer Konstrukteure, stilvoll im nationalen Verstande des Wortes entschärft werden: durch altmodisches Zerlegen, Zerschmelzen und Zerdeppern.

Die Fantastischen Vier leben in einer grenzenlosen Welt, in der auch die Feinde wie Amerikaner denken: Nicht ohne Gewinn studierte der Schwarze Panther, der afrikanische Stammeshäuptling, der zivilisationsmüde Touristen in einen elektronisch beherrschten Dschungel aus Drähten lockt, auf westlichen Universitäten. Daß es auf Kirbys Weltkugel noch freie Flecken für Siedler geben könnte, bildet man sich bestenfalls ein, wenn man die Nahaufnahmen der Meisterdenkerstirnen auf den letzten Bildern betrachtet, die eine Fortsetzung im nächsten Heft ankündigen: Schädeldecken, auf denen das Denken keine Spuren hinterlassen hat. Auf dem großen Globus gibt es diese Spuren überall. Sie sind dreidimensional, bestehen aus Röhren, Glasscheiben und Knöpfen und verstopfen die Straßen: Gerätschaften, die veraltet scheinen, kaum das sie erdacht worden sind. Das drängendste materielle Problem, dessen Bewältigung es profitabel zu organisieren gilt, unter Rücksichtnahme auf die Gegebenheiten des örtlichen sozialen Lebens, ist die Technikmüllabfuhr. Die ganze Welt ist so gesehen wie New York geworden.

In New York wurde Jack Kirby als Sohn jüdischer Einwanderer aus Österreich am 28. August 1917 geboren, Walt W. Rostow als Sohn jüdischer Einwanderer aus Rußland neun Monate vorher. Rostows Eltern benannten ihren Sohn nach Walt Whitman. Was Whitman in seinem Gedicht „Crossing Brooklyn Ferry“ über die abrupten Fragen offenbart, die im Großstadtspaziergänger bei der Berührung mit der Menschenmenge aufsteigen, könnte jeder der Fantastischen Vier unterschreiben: „Auch ich hatte meine Identität von meinem Körper erhalten. Daß ich war, wußte ich, war wegen meines Körpers - und was ich sein sollte, wußte ich, sollte ich kraft meines Körpers sein.“ Nach der Eroberung der Welt blieb den Amerikanern als ungelöstes Problem nur die Natur des Menschen. Der Pathologe des Nationalstils heißt Jack Kirby.

Jack Kirby (1917 bis 1994) wird von seinen Fans „The King“ genannt. Er prägte das Gesicht des „Silbernen Zeitalters“ der Comics namentlich als Hauptzeichner des Marvel-Imperiums in den sechziger Jahren. Im Zweiten Weltkrieg hatte er mit Joe Simon den Superhelden Captain America geschaffen. Nach dem Abschied von Marvel schuf Kirby seine eigene Mythologie in der DC-Serie „New Gods“. Im Streit mit Marvel um das Eigentum an seinen Originalzeichnungen unterstützten ihn die Kollegen als den Musterhelden der Comic-Kunst.

Stan Lee (geboren 1922) ist wie Kirby ein New Yorker und ein Sohn jüdischer Einwanderer. Er firmiert als Autor der Abenteuer der Fantastischen Vier, und wenn Kirby nach dem Bruch mit Marvel Lees Anteil herunterzuspielen liebte, so ist charakteristisch für die Comic-Industrie Lees Autorschaft im höheren Sinne: In dieser arbeitsteiligen Kunst kann sich der Redakteur zum Weltenschöpfer aufschwingen.

Die Fantastischen Vier sind Wissenschaftler, die von einer spontanen Weltraummission verwandelt zurückkehren. Nach der Berührung mit kosmischen Strahlen kann Dr. Reed Richards sich dehnen und krümmen, Susan Storm sich in Luft auflösen und Johnny Storm sich entflammen. Wo Mr. Fantastic, Die Unsichtbare und Die Fackel ihre Superkräfte an- und ausschalten können, muß Ben Grimm ewig Das Ding bleiben, ein schlagkräftiger Brocken.



Text: F.A.Z., 24.09.2005, Nr. 223 / Seite 38
Bildmaterial: Marvel

 
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