FAZ.NET-Spezial: Art Basel

Die bessere Biennale

Von Rose-Maria Gropp

Damien Hirst nimmt die Kunst in Venedig als Religion. In Basel soll sie auch verkauft werden.

Damien Hirst nimmt die Kunst in Venedig als Religion. In Basel soll sie auch verkauft werden.

12. Juni 2007 Hier steht gleich am Anfang, was gemeinhin so eingeleitet wird: Wie aus gut unterrichteter Quelle verlautet . . . Kurz - die gute Quelle flüstert, dass der Nachfolger von Samuel Keller als Direktor der Art Basel Marc Spiegler heißt. Wir halten das für sehr vorstellbar, weshalb wir es hier erwähnen. Spiegler, der von Zürich aus mit seinen Texten in Zeitungen und Magazinen die Kunstwelt über den letzten Stand der Dinge und die daraus resultierenden Prognosen informiert, hat bestimmt das Rüstzeug für diese Herausforderung.

Jedenfalls hat Marc Spiegler vor einigen Tagen in einem Artikel der „Neuen Zürcher Zeitung“ trefflich vom Nutzen und Nachteil der Kunstmessen gehandelt, und das Ganze gipfeln lassen in einem ebenso trefflichen Zitat des noch amtierenden Art-Basel-Direktors Samuel Keller: „Messen funktionieren nur so lange, wie sich das Ökosystem des Kunstmarkts im Gleichgewicht befindet.“ Jetzt ist freilich die nächste Frage die nach der aktuellen Balance und dem Stand der Dinge in eben diesem System. So gut wie noch nie, wird mancher antworten. Ob diese Marktfreude allerdings auch förderlich ist für die Kunst im allgemeinen und die Gegenwartskunst im besonderen - das ist die andere Frage, die sich direkt anschließt, dringlich geworden nach der Eröffnung der Kunst-Biennale in Venedig.

Jahrhundertsommer der Kunst

Das war sie also, die erste Etappe der viel beschworenen „Grand Tour“, die von Venedig über die Basler Messe und die Kasseler documenta zu den Skulptur Projekten Münster führt. Und während die Biennale inzwischen für das allgemeine interessierte Publikum geöffnet ist, findet der besondere Tross schon heute sein Anschlußereignis in der Schweiz, wo eben die 38. Art Basel ihren Preview- und Vernissagetag abhält. Und so, wie die Dinge liegen, könnte der - nach wie vor bedeutendsten - Kunstmesse der Welt für moderne und zeitgenössische Kunst diesmal eine bisher nicht gekannte, neue Funktion zukommen. Denn so erschöpft und ausgelaugt, wie die meiste Kunst sich in Venedig präsentiert - da kann es einem schon angst und bang werden um unser aller Ersatzreligion.

In einer quasi stillen, unausgesprochenen Übereinkunft scheint sich dieser seit Monaten ausgerufene Jahrhundertsommer der Kunst mit sich selbst darauf geeinigt zu haben, Gegenwart nicht länger als radikale Zeitgenossenschaft zu begreifen, sondern als eine Art von künstlerischem Kontinuum in Zeit und Raum, das uns Heutige und Jetzige eben in jedem Sinne anzugehen habe. Bei den Biennale-Machern in Venedig scheint man das allerdings so ausgelegt zu haben, dass der Herbst der Patriarchen noch einmal leuchten möge.

Von Polke über Richter bis zu Ellsworth Kelly im von Robert Storr kuratierten italienischen Pavillon, was die Lebenden unter ihnen angeht. Von González-Torres' Jeder-darf-sich-etwas-mitnehmen-Gesten, die von den Amerikanern noch einmal vorgezeigt werden, bis zu dem gigantischen mexianischen Tohuwawohu von Jason Rhoades in den Arsenale, was die leider schon Verstorbenen betrifft. Einzig Georg Baselitz hat zu frischer Kraft und Gegenwart gefunden, wenn er im Pavillon der Provinz Venetien seinen großen Freund Emilio Vedova mit kraftvollen grau-schwarzen Bewegungen ehrt.

Gebündelte Kraft der Kunstszene

Was uns hier also zur Art Basel, die heute beginnt, und ihrer neuen Aufgabe zurückführt: Genau diese Zusammenschau - von der Jahrzehnte, vielleicht ein ganzes Jahrhundert unserer Gegenwart umspannt werden - ist die Domäne dieser führenden Kunstmesse: ihr alles entscheidender Vorsprung vor den auf der ganzen Welt entstehenden Verkaufsveranstaltungen. Tatsächlich stimmt schon das Durchblättern des Katalogs der Schau, die sich inzwischen schlicht „Die Kunstmesse“ nennt, erwartungsfroh. Der Katalog liest sich wie das auf den aktuellsten Stand gebrachte „Who is who?“ der globalen Galeristen- und Kunsthändlerszene. Der Künstlerindex lässt kaum einen Wunsch offen. Und wenn auch nur ein Teil der abgebildeten Werke tatsächlich auf der Messe gezeigt werden wird (was in aller Regel der Fall ist), so ist in Basel mehr Kraft gebündelt als in der italienischen Lagune.

Hinzu kommt ja, dass es sich die Art Basel schlicht nicht leisten kann, derartige Ermattungserscheinungen zu zeigen, wie sie Venedig gerade demonstriert; sie will und muss verkaufen. Auch deshalb könnte sie zum Gegenstück eines blutarm entschleunigten Ausstellungsbetriebs geraten; denn all die Messeteilnehmer haben ihre besten Stücke bewahrt, um sie in Basel zeigen zu können - eben wegen der großen Tournee.

Die documenta steht nicht im Weg

Wer einen Blick dafür entwickelt hat, findet übrigens im Katalog durchaus Künstler, die dann auf der documenta 12 vertreten sind. Wenn da Lidwien van de Ven, Martha Rosler oder Iñigo Manglano-Ovalle erscheinen, sind das bestimmt keine Zufälle. Und eine lustige Idee beschleicht einen, eine andere Art Utopie: Wir sehen vor uns den tapferen Plutokraten, der Peter Friedls verbeulte Giraffe samt ihrer unerzählten Geschichte erwerben will; den unbeirrbaren Große-Formate-Sammler, der Romuald Hazoumés Benzinkanister-Boot in seine eigene ferne Heimat verladen will; und den aller Gedanken-Kunst aufgeschlossenen Wohltäter, der eine Reisterrasse als Concept-Art-Erwerbung gern akzeptiert. Da wird die documenta nicht ihren Künstlern im Wege stehen wollen!

Doch wer berät die Kaufwilligen? Wir behalten die Entwicklung im Auge. Denn am morgigen Mittwoch beginnt ja die Hundert-Tage-Schau in Kassel mit ihrem Vorschau-Betrieb.

Text: F.A.Z., 12.06.2007, Nr. 133 / Seite X1
Bildmaterial: CAAW, Urs Meile, Galerie Kamm, Galleria Raucci, Gallery Gagosian, Kamel Mennour, Paris, Klosterfelde, Berlin, Raster, Warschau, Rose-Maria Gropp, Thomas Schulte, Berlin

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