Ausstellung

Die Schönheit und ihr Preis

Von Daniel Boese

Ravinder Reddy: Tara, 2004

Ravinder Reddy: Tara, 2004

21. März 2005 Wie taub die nackten Füße vom Schnee waren, das sieht man nicht. Die Fotos von Rong Rong und seiner Freundin Inri zeigen die Künstler, nackt auf einem zugefrorenen See vor dem Fujiyama, Japans höchstem Berg.

Drei Tage lang waren sie alleine auf dem See und haben sich mit dem Selbstauslöser fotografiert. Man sieht ihre Fußspuren, man sieht, wie sie aufeinander zu und voneinander weg laufen und wie sie im Schnee liegen. Wo zuerst noch Wolken die Bergspitze verschleiern, klart am Ende der Himmel auf, der Schnee auf dem Vulkan leuchtet in der Ferne.

Rong Rong & inri: in Fujisan, Japan 2001

Rong Rong & inri: in Fujisan, Japan 2001

Es fröstelt einen beim Betrachten, man spürt, wie die Kälte die zwei Körper geschmerzt haben muß. Und während man vor den Lichtkästen mit den Fotos „In Fujisan“ steht, da taucht ganz leise die Frage auf: Ist das jetzt schön oder doch erhaben? Wie war das doch gleich bei Kant? Der Schauer vor der unendlichen Macht der Natur, klar, das muß erhaben sein. Aber die Freude an diesen mutigen Bildern ist auch so ganz ohne Interesse - man muß die Bilder nicht besitzen, und schon gar nicht möchte man selbst nackt durch den Schnee springen, um sich an ihnen zu freuen, also ist es wohl doch schön. Denn es ist diese Leichtigkeit, mit der das Künstlerpaar aus Peking sich dem Winter entgegenstellt, die begeistert.

Was ist Schönheit?

Wu Hung, dem Kurator, würde die Frage gefallen. Denn seit drei Jahren wundert er sich: Was ist das, Schönheit? Der Professor für Kunstgeschichte in Chicago war zu Anfang ratlos. Er störte sich an den Antworten, die auf den Konferenzen und Ausstellungen zur Schönheit gegeben wurden, die er besuchte. Die präsentierten nur eine bestimmte Sicht der Schönheit, meistens die westliche, aus der Tradition des Abendlandes. Und deshalb wollte er eine Ausstellung, die nicht sagt, „das ist schön“, sondern eine, die Fragen stellt. Und so wie er aus Peking stammt und dann in Harvard promovierte, so sollten dabei die Werke von Künstlern aus dem Osten und dem Westen unterschiedliche Traditionen der Schönheit zusammenbringen.

Wang Gongxin & Lin Tianmiao: Here? Or There? (detail), 2002

Wang Gongxin & Lin Tianmiao: Here? Or There? (detail), 2002

Als Wu Hung am Donnerstag die Presse durch seine Ausstellung führt, von Shirin Neshats Video „Passage“ zu Nam June Paiks Installation „Moon is the Oldest Television“, da merkt man, wie sehr er möchte, daß nun das Publikum über diese Kunst nachdenkt. In schnellen Sätzen sagt er bei jedem Werk, warum er es ausgewählt hat, was es über Schönheit sagt. Denn natürlich hat er inzwischen eine Antwort gefunden.

Die Kunst und die Theorie

Am Ende seines Essays im Katalog ist sie zu lesen, und sie zeigt, wie leicht diese Ausstellung hätte scheitern können: Schönheit ist keine Eigenschaft von Kunstwerken und auch nicht die sinnliche Reaktion des Betrachters; Schönheit ist „ein Feld für Problematisierungen in der Produktion und in der Würdigung heutiger Kunst“. Das ist abstrakt, solch eine These garantiert noch lange keine gute Themenausstellung, sondern droht die Kunst hinter der Theorie verschwinden zu lassen. Aber die Kunst rettet Wu Hungs Konzept. Wenn man die Eingangshalle des Hauses der Kulturen der Welt betritt, ist der Fußboden bedeckt von großen Blumen in knalligem Rot und Pink, die an Andy Warhols Flower-Bilder erinnern. Michael Lin, der in Paris lebt, hat die Motive von Stoffen, die in seiner Heimat Taiwan als Schlafzimmerdekoration verwendet wurden, zu einem Bodengemälde verarbeitet.

Heri Dono: Flying Angels (1-11), 1996

Heri Dono: Flying Angels (1-11), 1996

Das ist eine gelungene Form der Übertragung von Schönheit aus einer Kultur in die andere: Während die vormodernen Blumen in Taiwan kaum noch verwendet werden, verschaffen sie der großen Halle, die oft nur als Durchgang genutzt wird, verdiente Aufmerksamkeit. So betonen sie die modernistische Architektur von Hugh Stubbins, der in den fünfziger Jahren die damalige Kongreßhalle mit dem markant geschwungenen Dach entwarf. Schon damals war sich die amerikanische Regierung als Auftraggeber der Kraft der Schönheit bewußt, es wurde eigens ein Hügel für die Halle aufgeschüttet, damit sie über die Spree hinweg auch im Osten der Stadt weithin zu sehen war.

Wie alt das Thema Macht und Schönheit ist, zeigen die vier großen Foto-Panoramen von Liu Zheng aus Peking. Sie erzählen die Geschichte von vier Frauen, den „Four Beauties“, die durch ihre Schönheit die chinesische Geschichte veränderten. So wurde „Diao Chan“ 300 vor Christus zwei konkurrierenden Warlords als Ehefrau versprochen; einer tötete den anderen, aber die Dynastie wurde gerettet. Das ist zwar faszinierend anzusehen, bleibt aber auch unverständlich, der Austausch der Kulturen stößt an seine Grenzen. Auf seiner Führung erklärt Wu Hung zwar enthusiastisch, daß auf den Fotos ein Mythos überarbeitet wird, aber inwiefern eine schwangere, nackte Konkubine das chinesische Verständnis von Schönheit veränderte, das bleibt doch unklar.

Umfangreiches Programm

Matthew Barney: CREMASTER 5, 1997

Matthew Barney: CREMASTER 5, 1997

Um den Anspruch zu erfüllen, die Bedeutung von Schönheit in einer globalisierten Lebenswelt zu verhandeln, gibt es zur Ausstellung ein umfangreiches Programm: Performances von Tänzern aus China, Japan, Indien und Berlin; Projekte über Stadt und Körper und zum Abschluß eine internationale Konferenz mit Giorgio Agamben und Gayatri Spivak. In der Ausstellung selbst ist man dagegen froh über die Beschränkung auf vierundzwanzig Künstler, weil man gut durch die Räume des Hauses der Kulturen der Welt kommt, ohne museumsmüde zu werden.

Auf dem Presserundgang würde Wu Hung bei jedem Künstler gerne noch ein paar Fragen aufwerfen, aber der Kurator des Rahmenprogramms, Ackbar Abbas, Professor für Komparatistik in Hongkong, gibt mit einem resoluten „zur nächsten Arbeit“ ein straffes Tempo vor. Auch inhaltlich sagt er, wo es langgeht, und formuliert die These, daß es heute keine Entschuldigung mehr gebe, nicht schön zu sein. Die Schönheitsindustrie breitet sich mit Fitneß, Kosmetik und Operationen im Alltag aus. Hans-Peter Feldmann zeigt mit seiner Arbeit „Beauty“, wie sehr sich die Schönheitsideale dabei weltweit angeglichen haben und Schönheit zum Produkt geworden ist. In einem Heft, das jeder mitnehmen kann, hat er aus seinem Bildarchiv Anzeigen für Parfüm und Kosmetik aus der ganzen Welt zusammengestellt: Alle Gesichter sind geairbrusht und glänzen unwirklich.

Silikonstatue im Bambuswald

Zhuang Hui: Chashan County - June 25. 2001-02

Zhuang Hui: Chashan County - June 25. 2001-02

Wie nahe medizinische Körpermodifikationen, Schönheit und Trauma beieinanderliegen, macht die Arbeit von Zhuang Hui erfahrbar. „Chashan County“ zeigt die Silikonstatue einer jungen Frau in einem surrealen Bambuswald, voller Blumen, zwischen Farnen wächst eine Sonnenblume, rosa Wolken hängen zwischen den Bambusstäben.

Man läuft auf einem Kiesweg durch die Installation und kann so ganz nahe an die Frau herantreten, die sich in stillem Schmerz zusammenkrümmt. Ihre Lider sind geschlossen, und es läuft Blut aus ihnen. Das wirkt wie eine Szene aus einem japanischen Fantasy-Film, beruht aber auf einer wahren Begegnung: Einer chinesischen Wanderarbeiterin wurden ihre Augen geraubt und von Organhändlern für Tausende von Dollars verkauft. Hier weckt die Schönheit den Schrecken vor der grenzenlosen Grausamkeit der Menschen.

Haus der Kulturen der Welt, bis zum 15. Mai. Katalog 28 Euro.



Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 20.03.2005, Nr. 11 / Seite 32
Bildmaterial: © 1997 Matthew Barney / Leihgabe der Gladstone Gallery, New York, © The artists, Courtesy the artist, Leihgabe der Walsh Gallery, Chicago © 2004, Rong Rong & i n r i, Zhuang Hui

© Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH 2009.
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