14. November 2009 Arno Fischer ist Berliner. Keiner, der dies als Bekenntnis verkündet, sondern von Geburt her und mit großstädtischem Understatement; auch hört man es, wenn er spricht, was er allerdings öffentlich fast nie tut. Ähnlich zurückhaltend, dabei eigensinnig selbstbewusst, war er auch immer mit dem Ausstellen seiner Arbeit. Und so ist es ein Glück, dass ihm die Bundeskunsthalle in Bonn und das Institut für Auslandsbeziehungen eine große Retrospektive ausgerichtet haben. Nach Bonn macht sie noch kurz in Cottbus Station, dann geht sie auf Welttournee. Die Mauer ist dabei nur Kontext, unsichtbar in diesen Bildern, gleichwohl prägend für viele der Menschen, die Fischer fotografierte, aufregend beiläufig, meist als Statisten am Rande der Ereignisse.
Unter den hundertsiebzig Bildern, die Matthias Flügge zu einer strengen, klaren Schau zusammengestellt hat, ist keines, das Arno Fischer nicht selbst geprüft und aus einigen hundert, die er als sein Lebenswerk gelten lassen will, ausgewählt hat. Ikonen darunter wie Müritz, 1956“, ein Quartett einzelner Menschen, deren Blicke aneinander vorbei den leeren Horizont fixieren, eingerahmt von der Brüstung einer Seebrücke; eine offene Erzählung, vom Leben komponiert. Oder die Staten Island Ferry“, entstanden 1978 in New York. Der ausgezeichnete Katalog zeigt die Negativstreifen dieser Arbeit, aufgenommen im Abstand von wenigen Sekunden, in denen nichts geschieht, nur sechs Menschen stehen herum, die Silhouette von Manhattan betrachtend oder ins Wasser schauend, ein in sich gekehrter älterer Mann steht am Scherengitter. Nichts weiß man von diesen wie auf einer stählernen Insel gefangenen Menschen, mit sich allein vor der großen Stadt, schreibt Flügge in seinem kenntnisreichen Essay. Fischer habe das Negativ ausgewählt, das diese Geschichte am deutlichsten erzählt.
Erstes Bild in Cannes
Das früheste Bild der Ausstellung, aus dem Jahr 1943, zeigt das brennende Berlin, da war Fischer sechzehn Jahre alt. Er wird ein Jahr später noch in den Krieg geschickt, beginnt 1948 Bildhauerei zu studieren, zuerst im Osten der Stadt, dann im Westen. 1953 entstehen die ersten gültigen Bilder, wieder in Berlin, das blinde Mädchen am Riesenrad, das träumende Paar im Autoscooter, der Riss in der Wand – reale Situationen und zugleich Metaphern dieser Zeit. Zehn Jahre lang fotografiert er die Stadt, schon geteilt in vier Sektoren, aber noch nicht zertrennt durch die Mauer. Er besucht Demonstrationen hüben wie drüben, den Lustgarten im Osten, den Kurfürstendamm im Westen, Rummelplätze, Kneipen und überall vereinzelte Menschen, resigniert oder glücklich. Es sind Bilder ohne vordergründige Ästhetik, vom wirklichen Leben.
Der Bildband, der daraus entstehen sollte, Situation Berlin“, wird verboten. Ausgestellt 1961 auf der Herbstmesse in Leipzig, stießen sich Funktionäre daran, wahrscheinlich nur am Titel, weil sich ihrer Ansicht nach die Situation“ erledigt hat. Die Legenden, die sich fortan um dieses nie erschienene Buch woben, erledigten sich erst 2001, als es der Nicolai Verlag herausgibt. Nachgeholter Ruhm, der Fischer, so wird erzählt, nicht glücklich gemacht haben soll. Nun ist die einzigartige Serie in Bonn zu sehen.
Glamour und Stars tauchen selten in diesem Werk auf; wenn doch, dann nur beiläufig. Eine Ausnahme: die berühmte Serie über Marlene Dietrich 1964 in Moskau. Fischer war zu einem Modekongress gefahren, erfuhr zufällig von diesem Auftritt im Estradentheater, fotografierte die Diva bei der Probe und wurde am Abend, beim Konzert, wie er jetzt in Bonn erzählte, eingeklemmt in der zehnten Reihe, zwischen den Damen des Diplomatischen Corps. Als die Dietrich, so Fischer berlinernd, Sag mir, wo die Blumen sind“ sang, hätten sie alle geheult, standen aber glücklicherweise auf, der Fotograf kämpfte sich zur Bühne vor. Das Bild von Marlene Dietrich als Schattenriss am Bühnenrand, mit ausgestreckten Händen, wurde ihr Lieblingsfoto, sie erbat sich ein zweites Negativ davon.
Mundharmonika und Violine
Seine Modefotos in Bonn zu zeigen, musste Fischer überredet werden. Ein Mundharmonikaton in einem Violinkonzert, behauptet er eigensinnig. Gleichwohl sind sie unentbehrlich, denn Arno Fischer war der Mittelpunkt jener Gruppe, die in den sechziger Jahren begann, eine eigene Bildsprache für dieses Genre zu entwickeln. Weil das einfach alles so schrecklich ausgesehen hat, lautet seine lapidare Begründung. Die andere Mode, die anderen Models – selten Profis, aber schöne, sich ungezwungen bewegende Frauen – muten heute an wie Bilder aus einer individualistischen Parallelwelt zur kollektiven HO-Mode für die werktätige Frau und Mutter. Eine Gegenästhetik, die Spuren hinterließ. Fischer fotografierte Mädchen in weißen Blusen vor der Katastrophenlandschaft von Bitterfeld, durchs Bild flattern subversiv weiße Gardinen, die damals natürlich niemand im Ernst unter den rußspeienden Himmel gehängt hätte. Modefotografie als Nische, die zur Normalität auszubauen das (unerreichbare) Ziel der Gruppe um Fischer war.
Seine Bilder aus New York, diskret beobachtete Momente einer Großstadt, die nie zur Kulisse wird, sondern ein riesiger Raum ist, in dem sich einsame Menschen bewegen. Manch einem fehlt hier die Intimität der Berliner Situation“, aber Fischer beobachtet nicht nur eine ganz andere Stadt in einer völlig anderen Situation, er selbst hat seine Kunst verändert. Das New-York-Buch durfte erst 1988 erscheinen. Die Kulturbürokratie fürchtete wohl die Sehnsüchte, die es wecken könnte, gerade weil es kein Reisebuch war.
Eine ganz andere Schule des Sehens verlangt das letzte Kapitel dieser großartigen Ausstellung. Fischers Zyklus Der Garten“ versammelt Polaroids aus dreißig Jahren, Stillleben vom Wegesrand, aus seinem Künstlergarten, von ihm für die Bonner Schau zu 22 Triptychen zusammengefügt, die keiner Chronologie folgen. Fischers SX 70, schreibt Thomas Martin in seinem Essay, sei der Nabokovsche Kescher, der weniger Technik voraussetze als Übung. Fischer hat diese sich stetig wandelnden, sehr privaten poetischen Bilder in Teebüchsen und Pappschachteln verwahrt und sie erst einer Öffentlichkeit zugänglich gemacht, als die Produktion von Polaroid-Filmen eingestellt wurde. Es sind Solitäre, wirkliche Originale, an deren Wahrheit kein Computer etwas ändern kann, nur die Zeit.
Arno Fischer. Fotografie, Bundeskunsthalle Bonn, bis 3. Januar 2010; der Katalog, erschienen im Hatje Cantz Verlag, kostet in der Ausstellung 15 Euro.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Arno Fischer