Kunst-Sponsoring

Henris Schaum

Welches Shampoo benutzt Matisse? La Coiffure, 1907

Welches Shampoo benutzt Matisse? La Coiffure, 1907

04. November 2005 Es ist ein begeisterndes Fest der Malerei, das die Düsseldorfer Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen K 20 mit der Ausstellung „Henri Matisse - Figur Farbe Raum“ feiert (siehe auch: Matisse, revidiert: Eine großartige Düsseldorfer Ausstellung). Jeder weiß, daß derart aufwendige Ausstellungen heutzutage ohne Sponsoren nicht realisiert werden können, und jeder wird froh darüber sein, wenn Unternehmen in Kultur statt in andere Marktsegmente investieren.

So nimmt man gelassen zur Kenntnis, daß in einem Zelt hinter der Kunstsammlung ein Unternehmen für „Event-Catering“ exklusiv und mit allem kulinarischen Drum und Dran „Augenblicke verschenken“ will, die man trotzdem „premium“ wird bezahlen müssen. Tiefer ins ästhetische Bewußtsein reicht da schon ein Schock, den man erleidet, wenn man das Gesäusel liest, das sich die Marketing-Lyriker namhafter Firmen zu Matisse zusammengereimt haben.

Leichter, besser und schöner

Noch vergleichsweise harmlos dichtet „Poly Brillance“ von Schwarzkopf, wenn verkündet wird, die Bilder des Künstlers und die „Colorationen“ verbinde vor allem eines: kunstvoll gestaltete Schönheit und intensive Farben. So einfach kann das Leben sein, wenn man sich am Wochenende einen Matisse in die Haare schmiert. Da will das Mutterunternehmen der farbtrunkenen Schwarzköpfe nicht zurückstehen und gesteht: „Seine Werke sind unbeschwert und lebensfroh gestaltet. Genau diese Kunst spiegelt die Vision von Henkel, das Leben der Menschen leichter, besser und schöner zu machen, perfekt wider.“

Sponsoring ist kein Mäzenatentum, sondern ein Geschäft, von dem beide Seiten profitieren sollen. Da kann es nicht verkehrt sein, wenn auch den Marketing-Abteilungen etwas Kultur beigebracht wird. Wer möchte schon so flach und ausgeschnitten herumleben wie eine von Matisse auf die Leinwand gemalte Frau? Und wann ist endlich Schluß mit Naivitäten wie der Widerspiegelung von Shampoo in der Kunst?

Sprüchemacher ohne Kunstverstand

Vielleicht beginnt Unternehmenskultur ja dort, wo man verstehen lernt, daß nicht alles, was schäumt, gleich Kunst ist und die Ausstellung das genaue Gegenteil von dem aufzeigen möchte, was die gutbezahlten Sprüchemacher mit Brillance im Haar, aber ohne Kunstverstand im Hirn über den Künstler verkünden. Solche Platitüden nutzen keinem. Weder dem Unternehmen noch der Kultur, auf deren Trittbrett es springt.

Peugeot-Fahrer erhalten bei Vorlage ihres Autoschlüssels wenigstens freien Eintritt, auch wenn das den ästhetischen Kurzschluß zwischen den Interieurs von Matisse und der Innenraumgestaltung eines Kleinwagens nicht verhindern kann: „Form- und Farbphantasien, Interieurs und sinnlich-emotionale Erlebnisse stehen im Zentrum des Sujets von Matisse, Design, Farben und neue Raumerfahrungen standen auch bei der Entwicklung des Peugeot 1007 Pate.“ Alles klar? Der neue Peugeot „Matisse“ kommt bestimmt. Den Citroen „Picasso“ gibt es ja schon. Nur an dem „Cameleo-Prinzip“, das die Gestaltung des Innenraums mit verschiedenen Dekors erlaubt, muß Henri noch arbeiten. Sonst wird doch nur Shampoo draus. Jedem Sponsor aber sei geraten: Wasch mir den Henri, aber verkauf mich nicht für dumm!

Text: tw / F.A.Z., 04.11.2005, Nr. 257 / Seite 37
Bildmaterial: Succession H. Matisse/VG Bild-Kunst, Bonn 2005

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