12. Januar 2004 Auf Jonathan Meese kommt einiges zu in den nächsten Wochen. Am Freitag eröffnet eine Einzelausstellung in der Schirn Kunsthalle Frankfurt am Main, und Ende des Monats ist in der Berliner Volksbühne Premiere des Stückes "Kokain". Meese ist für das Bühnenbild verantwortlich. Er sollte eigentlich entweder in Frankfurt oder in Berlin sein. Aber bis eben war er in Ahrensburg bei Hamburg. Bei seiner Mutter. Zum Ausruhen.
Er solle sich ein bißchen schonen und nicht wieder die Leute anschreien, hat sie ihm zum Abschied mit auf den Weg zurück nach Berlin gegeben. Meese hat ohnehin keine Lust mehr, ständig herumzuschreien. Er sitzt in seiner chaotischen Erdgeschoßwohnung, an deren verhängten Fenstern hysterische Berlin-Mitte-Touristen vorbeikrakeelen, die nicht ahnen können, daß dahinter die schlimmsten Ausgeburten des Wahnsinns aus Farbeimern und Zeitungsschnipseln kriechen. Inmitten dieses Infernos sitzt Jonathan Meese, 33 Jahre alt, und erzählt, in Zimmerlautstärke, von seiner Müdigkeit.
Beim Barte des Kometen
Das gibt es bei ihm also auch. Für den Rest der Welt ist das zunächst einmal eine sehr beruhigende Mitteilung. Denn der Aufstieg des Jonathan Meese ließ sich eigentlich nur noch mit dem Wort "kometenhaft" beschreiben. Das heißt: man stand staunend unten und wartete darauf, wann er verglüht und als Asche herunterregnet. So schnell soviel Erfolg in so jungen Jahren hatte lange kein deutscher Künstler mehr. Allerdings hat auch keiner derart viel Materialaufwand betrieben. Der Durchbruch kam 1998 bei der Berlin-Biennale, als Meese eine unüberschaubare Müllhalde pubertärer Obsessionen in das Postfuhramt gekippt hatte - ein Horrorkabinett zwischen Porno, Charles Bronson und Slayer. Und wer durch diesen Pop- und Kulturschlamm hindurchgewatet war, war für alles andere kaum noch aufnahmefähig.
Der Horror vacui seiner befremdlichen Welten verschlang alles - auch die Aufmerksamkeit des Publikums und der Medien. Später machte Meese Performances, malte "Stalin Erwache" oder "Erzrichard Wagner" auf seine Installationen, schrie mehrere Stunden lang unter anderem Dinge wie "Heil Hitler" und blieb zum Schluß erschöpft in den eigenen Trümmern liegen. Es war die Zeit, als die kühle Videokunst ihren Zenit auf dem Kunstmarkt erreicht hatte. Als es kurz darauf hieß, es dürfe wieder gemalt werden, und als es oft so aussah, als sei unabhängig von den Ergebnissen allein die Tatsache, daß jemand "wieder" einen Pinsel in die Hand nimmt, schon die Essenz seiner Kunst - da hatte Meese schon mehr Leinwände fertig, als andere in ihrem ganzen Leben bemalen können.
Jetzt donnerten Ezra Pound, Wagner, Nietzsche, Pol Pot und wer sonst noch zu diesem Universum der Extremgestalten gehört als Tafelbild-Lawine in die Ausstellungen. Aber mit dem Malen ist jetzt erst einmal wieder Schluß, sagt Meese, das sei eine Sackgasse gewesen. Nach dem Schreiben, Installieren, Performen und Malen gab es zuletzt noch das Bildhauern, und eine Schallplatte liegt selbstverständlich auch vor. Das einzige, was noch fehlt, ist Video, aber da muß man sich keine Sorgen machen, das kommt schon noch. Das Medium als solches ist bei Meese ohnehin nicht die Botschaft.
Tätigkeitsdelirien an sich
Was ist sie dann? Um das zu ergründen, muß man etwas guten Willen mitbringen. Denn Meeses pathetisch umhermäandernde Wortgirlanden können, wenn man es sich sehr einfach macht, schnell den Eindruck erwecken, daß er ein bißchen spinnt, um sich wichtig zu machen. In Wahrheit sind sie aber eher ein erfreulich ehrliches Eingeständnis, daß er den unaussprechlichen Wahrheiten mit unzureichenden Worten suchend hinterherjapst. Die Gedanken rasen in Gefilde, wohin die Sprache nicht folgen kann. Dieser Zustand macht ihn im Prinzip dem Thema des Theaterstücks vergleichbar, für das er die Bühne zu bauen hat. Aber Meese braucht für den Kokain-Rausch kein weißes Pulver. Das wäre schon wieder viel zu irdisch und konkret. Es geht um die Anmaßung, die Überforderung und die Tätigkeitsdelirien an sich.
Schon der Autor von "Kokain", dem Roman, den Frank Castorf jetzt an der Volksbühne inszeniert, ist eine Gestalt, die gut in Meeses Bestiarium paßt: der italienische Journalist, dessen Pseudonym Pitigrilli war, stand unter dem Verdacht, als Agent für die Nazis gearbeitet zu haben, bevor er mit dem Inkrafttreten der Rassengesetze nach Argentinien floh, wo er sich dem Katholizismus zuwandte und mit derselben Inbrunst family values vertrat, mit der er zuvor in seinem Skandalroman dem Kokain gehuldigt hatte. Es ging schon damals um mehr als illegale chemische Substanzen. Es ging um kalte Sehnsucht und manischen Drang. Ein Stoff, der übrigens auch beängstigend gut zu dem Regisseur und seinem Bühnenbildner paßt, die beide auf ihrem Gebiet zu den Ruhelosesten und Besessensten gehören. "Eigentlich", sagt Meese, "muß so ein Dreigestirn in einer Katastrophe enden. Aber dann ist es auch gut."
Vorläufig spricht Meese von der Begegnung mit Castorf aber wie ein glücklich Erweckter. Er hatte gar keine Ahnung, sagt er, was an der Volksbühne los ist. Oder überhaupt im Theater. Er ist nie hingegangen. Er war ja auch in sich selbst Theater genug. Und nun sitzt er "ganz naiv" fast jeden Tag bei den Proben und staunt über Castorfs manische Akribie.
Der Castorf-Transport
Die Volksbühne und Meese machen ein großes Geheimnis daraus, wie das Bühnenbild aussieht. Es ist ohnehin noch in Arbeit. Am Anfang war es wohl ein archaisches, kreuzartiges Zeichen, im Moment sei es aber dabei, eine Art Weltraumkapsel zu werden. Wahrscheinlich muß man sich das vorstellen wie den urzeitlichen Knochen, der in Kubricks "2001" in die Höhe geschleudert wird, wo er als Space Shuttle ankommt. Nur, daß da, wo bei Kubrick der Schnitt ist, bei Castorf derart schweißtreibende Quälereien stehen, daß sogar Meese verblüfft ist, der für die Arbeit zwei Tage eingeplant hatte. Und nicht vier Monate. Meese, der sich selber einen "Großpathetiker" nennt und wie rasend über die Oberflächen fegt, hat einen Widerpart gefunden, der nicht nur ähnlich titanisch zu Werke geht, sondern zusätzlich auch noch akribisch "jede Pestbeule der Welt einzeln seziert". "Ich habe kein Problem damit, diesem Mann Gold in die Hände zu legen und in der zweiten Reihe zu stehen", sagt Meese - und daß er froh sei, endlich einmal ein bißchen Verantwortung abgeben zu können.
Am Ende dient nämlich genau das der Richtigstellung einiger Mißverständnisse. Denn die bisherige One-Man-Show, das autokratische Gebaren als Frontschwein des eigenen Mysterienspiels hatte es immer so aussehen lassen, als sei Meese der Urknall, der fortwährend neue Kosmen gebiert. Dabei ist er selbst nur ein Passant, der wie Indiana Jones in die Tempel des Todes geraten ist, wo dann allerdings lauter Untote herumspuken: Stalin, Wagner, Pound, Alex de Large, Hitler - das sind immer nur neue Inkarnationen für das Extreme und Ultimative, dem Meese auch in seinen sprachlichen Manövern nachjagt, etwa wenn er die bösen Namen mit der Vorsilbe "Erz-" überhöht.
Dämonen vom Rande des kulturellen Bewußtseins
Ab Freitag wird man in der Schirn diesen Mythenwald durchwandern können. Meese baut dort ältere Installationen aus der Hamburger Sammlung Falckenberg neu auf und ergänzt sie um zwölf auratische Bronze-Skulpturen, die er gerade fertiggestellt hat, weil er einmal etwas "Prähistorisches" tun wollte. Der Titel "Kepi Blanc" spielt auf die Fremdenlegion an, dieses große wilde Geheimnis aus dem Herzen des aufgeklärten Europa. Es wäre ein Mißverständnis, bei Meese von Privatmythologien zu sprechen. Sie sind öffentlich und für jeden zugänglich, der lesen kann und einen Fernseher besitzt.
Es sind die Dämonen vom Rande des kulturellen Bewußtseins, in deren Kultstätten Meese auf eigene Faust herumstromert, "weil sonst keiner dort ist". Wenn man sein Gewühle im Schlick des Totalitären unverantwortlich nennt, sagt er: "Die Verantwortung liegt beim Gegner." Wer gegen die Inkarnationen des Radikalen vorgehen will, müsse noch radikaler sein. Noch ultimativer. Der müsse sie in der Kunst übertreffen, um sie im wirklichen Leben als Albdruck und Faszinosum zu entwerten. Meese ist auf der Suche nach dem radikaleren Wort als dem vom "totalen Krieg", nach dem radikaleren "Staatsbuch" als die "120 Tage von Sodom" - von denen er selbstverständlich nicht einen einzigen in der Wirklichkeit erleben wollen würde.
Kunst als Bannmeiler
Einerseits ist das ein Verlangen nach Dosenerhöhungen, die jedem Drogenberater angst machen müßte. Andererseits ist es auch ein rührend trotziges Glaubensbekenntnis an die Kunst als abgezirkelten Tempelbezirk, der auf keinen Fall mit dem Leben kurzgeschlossen werden darf. Das ist natürlich nicht ganz unproblematisch in einer Welt, in der nie ganz klar ist, ob nicht doch die virtuellen Exzesse von Computerspielen, Rockbands, dunklen Büchern und Kunstwerken eine Rolle spielen bei der realen Gewalt auf den Straßen und Schulhöfen.
Insofern braucht Meese den Kunstzirkus, den er gern als leidenschaftslos und karrieristisch beschimpft, so dringend wie ein Reaktor die Betonmauern des Kernkraftwerkes um sich herum. Wo so bedrückend viele Kollegen immer nur eine "künstlerische Position" besetzen, von der aus sie "Sehgewohnheiten verstören", während ihre eigenen Sehgewohnheiten strikt auf Stipendien gerichtet sind, ist Meese weitgehend unangefochten in seiner Rolle als langhaariger Messias, der den Mumm hat, nicht cool zu sein, sondern pathetisch bis zur völligen Verausgabung. Es ist ja auch ein undankbar altmodisches Künstlerbild, das er da zu neuem Leben erweckt: das des Platonikers, der der wahren Essenz mit viel Mühe allenfalls immer nur näher kommen kann, ohne sie wirklich zu erreichen. Das ermüdet natürlich.
Andere könnten auch mal was schreien
Und Meese (der in den Galerien zwar herumberserkert, aber im sozialen Umgang einer der liebenswürdigsten Menschen ist, die man sich vorstellen kann) wünscht sich, daß ihm "jemand mal was abnehmen" würde. Er habe keine Lust, immer der Spinner zu sein, der "Staatspornographie" schreit. Andere könnten auch mal was schreien, etwas noch Pathetischeres. Auch andere könnten mal die Hosen runterlassen. Ihm helfen beim Kampf gegen die Dämonen und auf der Suche nach Eldorado. Es gehe doch gar nicht um ihn. Sein theatralischer Wahnsinn ist immer nur Mittel zum Zweck, eine propagandistische Waffe.
Inzwischen sieht es fast so aus, als sei Meese selbst zu so einem freien Radikal geworden, das davon träumt, eingefangen, oder wie Meese sagen würde: "entwertet" zu werden. "Wann ist man selber entwertungswürdig?" überlegt er dann, weil er ja privat gar nicht so anmaßend ist, wie er beruflich tut. Immerhin scheint sich sein künstlerisches Prinzip neuerdings ganz gut in seinem Verhältnis zu Frank Castorf abzubilden. Jonathan Meese nennt ihn "Respektsperson". Und dann, weil dieses Wort natürlich nicht pathetisch genug ist: "Castorf ist ein prähistorischer Gott."
"Kepi Blanc": Schirn Frankfurt, 16.1. bis 12.4.
"Kokain": Volksbühne Berlin, Premiere am 29.1.
Am 22.1. präsentiert Meese in der Volksbühne seinen Lieblingsfilm: "Zardoz".
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 11.01.2004, Nr. 2 / Seite 19
Bildmaterial: Jochen Littkemann