Sigmar Polke

Im Labor der Malerei

Von Catrin Lorch

Jenseits des Regenbogens, 2007

Jenseits des Regenbogens, 2007

06. August 2007 „Hier haben Sie einen Maler, dem geht es nicht ums Motiv“, ruft der grauhaarige Herr in der Ausstellung, greift sich eine junge Kamerafrau und schwenkt sie mitsamt ihrer Ausrüstung in tänzerischem Bogen vor einem Großformat von rechts nach links und gleich wieder zurück, denn, „es gibt Bewegung in dem Bild, die müssen Sie einfangen“. In der Mitte der Komposition grinst ein Zwerg aus schwarzem Gestrichel, wie mit dem Federkiel gezeichnet hockt er auf Schätzen, die aus Farbe geschichtet sind, edelsteinfunkelndes Lila, schimmerndes Grün, flammend züngelndes Orange und Gelb. Die Stadt Siegen feiert Sigmar Polke, den sie als Geburtsort von Peter Paul Rubens mit dem elften Rubenspreis ehrt - und Sigmar Polke feiert eine neue Serie, eitel wie das Kerlchen, das da seinen Reichtum ausbreitet.

Sigmar Polke, der von der Jury als „Alchemist“ unter den zeitgenössischen europäischen Malern ausgezeichnet wurde, begießt seine Bilder in jüngster Zeit mit einer dicken Schicht, die aussieht wie durchsichtiger Kunstharz, dem kurz vor dem Aushärten eine gleichmäßige Riffelstruktur eingepflügt wurde, Wellen, die das Gemalte wie Linsen verziehen. Den Effekt moderiert Polke motivisch an: In einem der ersten Säle hängt das Gemälde „Jenseits des Regenbogens“ nach einem Lehrbild aus einem alten Buch über das Sehen. Es zeigt zwei Männer, die einen am Himmel schwebenden Drachen anstarren, die Perspektive wird durch Linien verdeutlicht, die das sehende Auge mit dem Objekt verbinden. Dieses Motiv walkt Polke tüchtig durch: Sich überlagernde Linien bringen einander zum Flirren, es gibt unzählige Variationen des Effekts. Damit keine Zweifel bleiben, hat der Künstler noch eine Reihe Wackelbilder in den angrenzenden Flur gehängt, eigene Zeichnungen, die industriell bearbeitet sind. Doch weder erzeugen die Farbschichten wirklich Bildtiefe, noch überzeugt die Vision von Bewegung - variiert wird nur die notorische Virtuosität des Weltberühmten.

Fast eine Retrospektive

Primavera, 2003

Primavera, 2003

Glücklicherweise wurden auch andere zur Feier geladen: Mit mehr als siebzig Bildern ist die Schau fast eine Retrospektive, die mit Bildern aus dem Jahr 1982 einsetzt. Damals hatte Sigmar Polke bereits die Düsseldorfer Akademie und auch den „Kapitalistischen Realismus“ hinter sich gelassen, eine deutsche Unterabteilung der Pop-Art, die er mit Konrad Lueg und Gerhard Richter begründete. Die Bilder sind eigen, zeigen sowohl eine Handschrift als auch ein begeistertes Misstrauen gegen alles Zeichenhafte und wappnen sich mit Ironie gegen Wörtlichkeit - wo minzgrün gezeichnete Geisterköpfe lugen, da schweben auch abstrakte Knäuel, immer fängt die Farbe das Niedliche und das Scheußliche wieder ein.

Im Eingang des Museums hängen drei große, schwarzgrundige Abstraktionen aus diesem Jahr, sie sind mit mineralischen Pigmenten gemalt, erklärt die Kuratorin Eva Maria Schmidt, deswegen schillern sie in unterschiedlichen Schattierungen. Im Vorbeigehen wirken sie bewegt, fast unstet, wahrscheinlich werden sie ihre Tönung noch verändern - und obwohl sie so flach aussehen, als habe Sigmar Polke die Pigmente in die Leinwand massiert, ballen sich Blau und Rosa und Braun zu toxischen Wolken, jederzeit bereit, ein bisschen Farbe abzuregnen. Sie sind den Arbeiten verwandt, mit denen der im Jahr 1941 in Schlesien geborene Künstler zu einem Star der diesjährigen Biennale wurde.

Erfolg ist er gewöhnt

Sigmar Polke ist einer der größten Koloristen, auch weil er mit Farbe auf Kontur und Kontrast setzt. Rubens nennt er „einen guten Kollegen“, und den Erfolg ist er gewöhnt. Im Jahr 1985 erhielt er auf der Biennale in Venedig den Goldenen Löwen als Großen Preis für Malerei, den Praemium Imperiale und den Kaiserring der Stadt Goslar und kann als dreimaliger documenta-Teilnehmer selbstbewusst seinen Vorgängern wie Cy Twombly, Lucian Freud, Emil Schumacher oder Maria Lassnig begegnen.

Es hat sich schon lange herumgesprochen, dass Polke sich für ausgefallene Stoffmuster begeistert, die ihm Material für „Wandbilder“ sind: Kurioses wie mexikanische Kakteen und Cowboyhüte verwendet er genauso wie einen Polka-Dot aus Mercedes-Sternchen. Wo der Streifen-Stoff wie eine Tapete mit Hirschkopf, Schwert und Bilderrahmen getüpfelt ist, braucht der Maler keinen Pinsel mehr; da setzt er mit der Schere an, heftet zwei Reihen Stars and Stripes in Braunschlamm daran und eine breite Borte in Grünschwarzgrau, die aussieht, als habe Rubens-Preisträger Nummer drei, das war Fritz Winter, eine feuchte Leinwand dreimal darauf abgedruckt.

Alle Tricks und Kniffe der Malerei

Andere Experimente gehen dem Bild an die Substanz. Mit einem speziellen Lack macht Polke die Stoffmuster durchsichtig, so dass darunter der stützende Keilrahmen sichtbar wird, seine Gemälde haben einen Körper und behaupten einen Raum: Der nackte Pflüger in dem Bild „Primavera“ von 2003, ein Rückenakt auf der Scholle, wurzelt im Erdreich eines anderen Motivs. Am unteren Bildrand befindet sich ein Stoff, der mit Mineralien und Kristallen gezeichnet ist, auf den Blattgold und papierdünnes Kupfer geklebt sind. Das Motiv schwimmt obenauf, hereingeweht in ein Vexierbild, das seine Abmessungen mal in der Tiefe des Objekts aus Holz und Stoff behauptet und dann wieder spielerisch alle Tricks und Kniffe der Malerei zitiert.

Ein Konflikt liegt bereits lange zurück, 2007

Ein Konflikt liegt bereits lange zurück, 2007

Seit der Retrospektive „History of Everything. Paintings and Drawings 1998 - 2003“, wo Sigmar Polke solche Riesenformate unter anderem in der Londoner Tate Modern Gallery so ausgiebig zelebrierte, dass das Werk sich über dem Themsenebel fast in Gefälligkeit aufzulösen schien, zeigt sich seine Malerei nun wieder dichter - über Stoffmuster, verschiedene Farbschichten und die Versiegelung verteilt, staffelt sich die Komposition in mehreren Lagen. Es geht um die Tiefe, unter der Oberfläche ist genauso Raum wie zwischen den Rapporten. Polke implantiert der Bildhaut von der Rückseite Holzlatten und Splitter, traktiert sie mit technischen Fasern, Hasendraht und Chemikalien, bis sie aussieht wie geronnener Honig. Er macht die Rahmen so groß wie Paravents, dass die durchsichtigen Bilder darinsitzen wie beidseitig zugekritzelte Fensterscheiben - fast beiläufig spielt Polke hier seine Virtuosität aus.

Den Motiv-Rittern und Realisten der jüngeren Generation, aber auch den Bildbastlern, die mit Tape und Folie fummeln, ist Sigmar Polke so gleichermaßen voraus - luzide, ironisch, auftrumpfend: eine ganze Generation junger angesagter Maler von Anselm Reyle bis André Butzer und Jonathan Meese wird ihn auf seinem Terrain nicht überholen.

Sigmar Polke - 11. Rubenspreis der Stadt Siegen. Bis zum 16. September im Museum für Gegenwartskunst, Siegen. Dort wird auch noch bis zum 6. Januar 2008 die Ausstellung „Sammlung Lambrecht-Schadeberg, Rubenspreisträger der Stadt Siegen“ gezeigt, die Arbeiten aller bisher ausgezeichneten Maler vereint. Beide Ausstellungen werden jeweils mit einem Katalog dokumentiert.



Text: F.A.Z., 06.08.2007, Nr. 180 / Seite 33
Bildmaterial: dpa, Museum für Gegenwartskunst Siegen, Thomas Kellner

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