Paula Modersohn-Becker

Deutschlands Picasso ist eine Frau

Von Julia Voss

16. Oktober 2007 Diese Geschichte beginnt vor eintausendneunhundert Jahren: Zu dieser Zeit wird das ägyptische Fayum zur Kolonie des Römischen Reiches, das seine Beamten und Soldaten in die Region südwestlich des Nildeltas schickt. Die neuen Machthaber verzichten darauf, Truppen fest zu installieren, aber die örtlichen Polizeieinheiten befehligen von da an römische Centurionen, Männer, die aus ihrer Heimat Riten mitbringen und Frauen heiraten, die seit Jahrhunderten ihre eigenen Sitten und Gebräuche haben.

Römer ehelichten Ägypterinnen, und wenn nun einer von beiden starb, wurde der Leichnam auf ägyptische Weise bestattet, indem man ihn mumifizierte. Auf die Mumie aber malten unbekannte Künstler in römischer Bildtradition ein Porträt des Toten, Gesichter, die sich im heißen trockenen Sand Fayums erhielten und mit weit geöffneten Augen aus dem Bild blicken, so als hätten sie gegen alle Möglichkeit damit gerechnet, Jahrhunderte später gefunden zu werden.

Da öffnet sich die Falltür der Geschichte

Schnitt. Paris, Februar 1903. Die junge Künstlerin Paula Modersohn-Becker besucht während ihres zweiten Aufenthalts in Paris, wohin sie von Worpswede gereist ist, den Louvre. Viermal wird sie in ihrem kurzen Leben in die Seine-Metropole fahren, siebzehn Stunden mit dem Zug, immer geht sie in den Louvre, häufig täglich. In diesem Februar ist es kalt, und weil das Museum keinen Eintritt kostet, kommen nicht nur Kunstinteressierte in den beheizten weitläufigen Bau, sondern auch solche, die sich aufwärmen wollen.

Von zehn Betrunkenen im Saal antiker Bilder berichtet Paula Modersohn-Becker in einem Brief an ihren Mann. Sie geht weiter in die ägyptische Abteilung und stößt dort zum ersten Mal auf die ägyptischen Mumienporträts. In diesem Moment aber muss sich die Geschichte plötzlich wie eine Falltür aufgetan haben, und die Moderne landete mitten im Sand des alten Ägypten. Alles, was die Malerei in diesen Jahren zu erfinden glaubte, der grobe Farbauftrag, der Zug ins Abstrakte, das Pure, Direkte, Rohe - es starrte von fast zwei Jahrtausenden her zurück. Der Schock hätte nicht größer sein können, wenn eine Dampfmaschine aus der Erde ausgegraben worden wäre.

Ein Kapitel der Kunstgeschichte neu geschrieben

Zwei Ausstellungen in Bremen beschäftigen sich nun mit den Paris-Reisen der Künstlerin: „Paula Modersohn-Becker und die Kunst in Paris um 1900“ in der Kunsthalle und „Paula Modersohn-Becker und die ägyptischen Mumienporträts“ in den nahe gelegenen Kunstsammlungen Böttcherstraße. Anlass der Retrospektiven ist das hundertste Todesjahr der Malerin, und man wird jetzt schon sagen können, dass in Bremen ein Kapitel der Kunstgeschichte neu geschrieben wird. Hodler, Matisse, Jawlensky, Picasso, Beckmann, von allen heißt es, ihr Stil sei von den Mumienporträts geprägt worden.

Die Präzision aber, mit der die fantastische, von Rainer Stamm kuratierte Ausstellung die Verbindung zwischen Ägypten und Paris herstellt, ist bisher unübertroffen: Tagebücher, Briefe, Skizzen, Reiseführer wurden mit detektivischem Gespür ausgewertet, der Katalog führt diesen Hintergrund aus. Die Faszination für den Besucher macht aus, was das Auge nachvollziehen kann: Auf der einen Seite die Enkaustik der Mumienporträts im Altertum, eine Maltechnik, bei der unterschiedlich eingefärbte Wachspasten auf eine Holztafel aufgetragen und mit einer glühenden Kohlepfanne erweicht wurden, bis sie sich fest an den Untergrund banden. Auf der anderen Seite Paula Modersohn-Beckers Temperafarben, die sie nur mit wenig Bindemitteln anreicherte, wodurch eine trockene, rissige Oberfläche entsteht, ein der Enkaustik vergleichbarer Effekt.

In der Kunst eine eigene Welt erfunden

Es ist kein Geheimnis, dass Frauen, ergriffen sie den Künstlerberuf, auf starke Widerstände stießen. Im Fall von Modersohn-Becker trifft dies doppelt zu: Zu Lebzeiten stark angefeindet, wurde bald nach ihrem Tod das Werk so sehr vom biographischen Interesse vereinnahmt, dass es zu einer sentimentalischen Illustration eines Frauenschicksals zusammenschrumpfte. Ihre Bilder wurden bevorzugt psychologisch ausgedeutet, im eng gesteckten Rahmen persönlicher Befindlichkeiten. Als Bauernmalerin wurde sie retrospektiv in das ländliche Worpswede eingesperrt, vor dem sie selbst nach Paris geflüchtet war. Jedes Kind, jedes Mädchen, das sie malte, gab angeblich Auskunft über die Sehnsüchte der Malerin, über ihr Frausein.

Damit kein Missverständnis entsteht - gegen Paula Modersohn-Becker fuhr das Umfeld das ganze Bollwerk auf, das Künstlerinnenkarrieren unwahrscheinlich machte wie Tennisstars in der Antarktis: der Unglaube ihrer Familie, dass eine Frau Kunst machen könnte, die Verachtung der Kritiker, die ständigen Vorwürfe, die jeden Versuch, unabhängig oder selbständig zu sein, als Vergehen an Dritten darstellten. Und doch besteht die Stärke der Malerin darin, eben nicht die Kleinheit der Verhältnisse auszupinseln, sondern diese Enge aufgesprengt und sich in der Kunst eine eigene Welt erfunden zu haben.

Paris, wo Paula Modersohn-Becker die meisten Impulse erhielt, wurde mit zahlreichen internationalen Leihgaben nach Bremen geholt und durch Anne Buschhoff in der Kunsthalle zu einer hervorragenden Ausstellung zusammengeführt. Wie raffiniert die Kuratorin dabei Klischees und ihre Überwindung zu inszenieren weiß, zeigt eine Wand, in der mehrere Porträts von Säuglingen nebeneinander hängen. Die Werke stammen von Pablo Picasso, Maurice Denis, Vincent van Gogh und Paula Modersohn-Becker. Jedes Porträt nähert sich in seiner Weise der verschlossenen Eigenweltlichkeit dieser nackten, kleinen Menschen; das gängige Vorurteil, nur Frauen könnten Babys malen, erledigt sich.

Sie füllt eine Wahrnehmungslücke

Dreißig Selbstporträts malte Paula Modersohn-Becker in ihrem Leben, die meisten in den letzten beiden Jahren vor dem Tod. Während ihres gesamten Lebens schuf sie mehr als vierhundert Figurenbilder, zwei Drittel davon zeigen Mädchen. Die Bilder sind ein Glücksfall der Kunstgeschichte. Das neunzehnte Jahrhundert ist nicht reich an guten Frauenporträts, auch wenn sie bis zum Überdruss abgebildet wurden - nackt, tanzend, servierend, sitzend, liegend, sich kämmend. Häufig bedeuten sie dabei etwas anderes als sich selbst, sie sind Symbole der Zeitgeschichte. Das Ornamentale fällt bei Paula Modersohn-Becker ab, sie füllt eine Wahrnehmungslücke.

Mit der Tradition der europäischen Porträtmalerei, immer näher an das Individuum zu rücken, bricht sie und kehrt ins Altertum zurück. Ihre Bildnisse von Menschen sind keine psychologischen Bestandsaufnahmen, Körper und Gesicht erscheinen mit der graphischen Klarheit von Zeichen - und bleiben dabei so entrückt wie Hieroglyphen. Sie, deren Biographie so ausgeleuchtet wurde wie bei kaum einer anderen, schaute auf das Verkapselte von Personen, ihr eigengesetzliches Insichsein. Aus ihren letzten Selbstporträts schaut die Künstlerin uns an wie eine Fremde, von der man sich vorstellt, dass sie es freundlich meint. Sie starb mit einunddreißig Jahren, kurz nach der Geburt ihrer Tochter, an einer Embolie.

Paula Modersohn-Becker und die Kunst in Paris um 1900, Kunsthalle Bremen. Der Katalog kostet in der Ausstellung 20 Euro.

Paula Modersohn-Becker und die ägyptischen Mumienporträts, Kunstsammlungen Böttcherstraße. Der Katalog kostet in der Ausstellung 25 Euro. Beide Ausstellungen laufen bis zum 24. Februar 2008.



Text: F.A.Z., 16.10.2007, Nr. 240 / Seite 37

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