Antike

Bunt trieben es die alten Griechen

Von Michael Siebler

Die farbige “Peploskore“

Die farbige "Peploskore"

02. Juli 2004 Die auf die Zeit um 520 vor Christus datierte "Peploskore" (unsere Abbildung) gehört zu den Inkunabeln des Akropolismuseums. Aus Marmor gearbeitete Koren - Töchter der vornehmen Athener Familien - tragen einen dünnen faltenreichen Chiton mit einem darüber extravagant drapierten "Schrägmantel"; die linke Hand hebt mit graziler Geste das lange Gewand etwas an.

Nicht so die "Peploskore". Über einem fein gefältelten Chiton ist sie mit einem enganliegenden, glatten Gewand und einer knöchellangen Weste mit einem kurzen Überwurf bekleidet; der rechte Arm liegt seitlich am Körper an, der linke ist vorgestreckt. Damit fällt die "Peploskore" aus dem ikonographischen Rahmen dieser Gruppe von Mädchenstatuen, ist sie weder als Kore anzusprechen, noch trägt sie einen wollenen Peplos, der anders aussieht.

Des Rätsels Lösung

Der farbige Paris aus dem Münchner Ägineten-Fries

Der farbige Paris aus dem Münchner Ägineten-Fries

Aber was ist sie dann? Aufgrund der mit bloßem Auge erkennbaren Farbspuren unternahm Emile Gilliéron père für die Fundveröffentlichung 1887 zwar einen Rekonstruktionsversuch. Des Rätsels Lösung jedoch wurde erst durch jüngste Untersuchungen mit modernsten naturwissenschaftlichen Methoden möglich. Denn zum Verständnis des Gewandes und damit der Darstellung insgesamt ist die Kenntnis der einstigen Farbfassung unabdingbar. Verwitterungsreliefs auf der Vorderseite des Gewandes zeigen in einem senkrechten Streifen mehrere Tiere und Fabelwesen übereinander, etwa eine Sphinx, einen Steinbock oder einen Eber; auch ein Reiter ist erkennbar.

Mit diesen und anderen Erkenntnissen sind nunmehr der genaue untere Abschluß des Gewandes, seine Form und die verwendeten Farben geklärt. Die "Peploskore" trägt wohl einen Ependytis, ein aus dem Orient stammendes Futteralgewand, das dort dem Herrscher vorbehalten war. Im griechischen Kulturbereich ist er für einige weibliche Hauptgottheiten belegt. Damit liegt der Schluß nahe, auch in der "Peploskore" die Darstellung einer Göttin zu erkennen. Vielleicht war es ein Athena-Kultbild mit Lanze und Schild. Die Bemalung jedenfalls erinnert an berühmte Werke des Phidias, die Goldelfenbein-Statuen der Athena Parthenos und des Zeus in Olympia.

Erst München, dann Rom

Das Ergebnis der aktuellen Rekonstruktion ist jetzt noch einmal in der Münchner Ausstellung "Bunte Götter" zu sehen, die der Farbigkeit antiker Skulptur nachspürt. Nach ihrem Erfolg in den Glyptotheken von München (F.A.Z. vom 17. Dezember 2003) und Kopenhagen mit rund 150.000 Besuchern ist die Schau noch einmal an den Königsplatz zurückgekehrt, bevor sie dann weiter nach Rom wandert.

Die Schau hat mittlerweile auch das Interesse der Museen in New York und Athen geweckt. Es wäre durchaus verlockend, die farbig gefaßten Rekonstruktionen der "Peploskore" oder des "Paris" aus dem Westgiebel des Aphaiatempels in Aigina einmal in der strahlenden Sonne Attikas auf der Akropolis zu sehen. Und bis dahin wäre durchaus mit neuen Erkenntnissen zur Polychromie der Antike zu rechnen.

Denn wie zu hören ist, haben griechische Wissenschaftler in der Rückhalle des Parthenon (Opisthodom) einige Blöcke aus den noch erhaltenen Resten des dort von den Türken errichteten Minaretts herausgenommen. Dahinter kam die alte Steinoberfläche des südlichen Antenkapitells zum Vorschein - gut erhalten und mit reichen Farbresten von Malachitgrün, Ägyptischblau und Ockerrot. Sogar die Gravuren, die der Maler für die Umrisse der Blätter eines lesbischen Kymations einritzte, sind erhalten. (Bis zum 5. September. Der Katalog kostet 24 Euro.)

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 02.07.2004, Nr. 151 / Seite 37
Bildmaterial: Katalog

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