Kunst

Der amerikanische Fiebertraum

Von Niklas Maak

Paul Chan: “1st Light“, 2005

Paul Chan: "1st Light", 2005

23. Oktober 2006 Wo in letzter Zeit Werke von Paul Chan gezeigt wurden, bei der Whitney Biennale in New York oder in der Londoner Serpentine Gallery, bekam man die erstaunlichsten Geschichten über den Künstler zu hören - und weil sich Paul Chan selbst nur selten sehen und dann nie fotografieren ließ, wurden die Geschichten über ihn immer abenteuerlicher: Chan, der 1973 in Hongkong geboren wurde, sei als Mitglied einer verbotenen linken Aktivistengruppe während des Krieges illegal in den Irak eingereist, habe dort alles mögliche unternommen und sei vom amerikanischen Militär verhaftet worden; und einige erzählten die Geschichte von Paul Chan, der auch dank dieser Anekdoten in der New Yorker Kunstwelt einen fast schon mythischen Ruf als erster Renegat einer neuen, radikal politischen Künstlergeneration genießt, so dramatisch, daß man sich den Künstler mindestens halbverdurstet in einem wüstensandumwehten irakischen Guantánamo sitzend vorstellte.

Tatsächlich saß Paul Chan vor ein paar Tagen am Fenster eines alten schwedischen Backsteinbaus im Stockholmer Frihamnen und schaute den Fähren hinterher, die im Nieselregen den Hafen in Richtung Estland verließen. Man fährt eine ganze Weile mit dem Taxi vom Stockholmer Hauptbahnhof bis hierher, vorbei an dem berühmten Kaufhaus PUB, in dem Greta Garbo arbeitete, als sie noch Greta Lovisa Gustafsson hieß, dann taucht, am Hafen, der langgestreckte Bau auf, in dem sich das „Magasin 3“, eine von dem Unternehmer Robert Weil finanzierte Kunsthalle, befindet - und daß auch hier, bei der Pressekonferenz zu Paul Chans erster Einzelausstellung in Europa, die Journalisten wieder nur wissen wollten, was es mit dieser Irak-Sache auf sich habe, ist fast schade, denn Paul Chans Arbeiten gehören zum Interessantesten, was gerade an neuer Kunst entsteht.

„I will always love you“ auf arabisch

“1st Light“, 2005

"1st Light", 2005

Er sei, sagte, um es kurz zu machen, Paul Chan, der in seinem cremefarbenen Cordsakko eher wie ein hochbegabter Juniorprofessor von irgendeiner efeuberankten Ostküstenuniversität wirkte, vor vier Jahren mit den Aktivisten der „Voices in the Wilderness“ in den Irak gereist; die Gruppe brachte trotz des US-Embargos Medikamente und Nahrungsmittel ins Kriegsgebiet, und weil das nach amerikanischem Recht strafbar ist, habe ein Gericht die Aktivisten verurteilt, wahlweise zehntausend Dollar Strafe zu zahlen oder zehn Jahre ins Gefängnis zu gehen. Keine Verhaftung, kein Kerker: Chan setzte sich nach einer ausufernden Silvesterparty Anfang 2003 in Bagdad in einen Jeep, fuhr nach Amman und reiste wohlbehalten nach New York zurück. Auf seiner Website http://nationalphilistine.com/ versammelt er unter anderem alles, was ihm in Bagdad in die Finger kam, zu einer experimentellen Großreportage: irakische Gegenwartskunst, Fotos von irakischen Popstars, von Parties, die arabische Version von Whitney Houstons „I will always love you“, gesungen von dem syrischen Popstar Mayyada Bselees, die Saddam auf Kundgebungen spielen ließ. Alle Texte und Bilder zeigen vor allem, wie westlich der Alltag in Bagdad aussah, und natürlich sind diese anderen Irak-Bilder auch ein Versuch, gegen die politisch gesteuerten Bilder vom Irak als einer postzivilisatorischen Schreckenswelt anzugehen, welche das öffentliche Bewußtsein im Westen mittlerweile prägen.

Zurück in New York, vollendete Chan ein ebenso monumentales wie monströses Werk, ein Breitwand-Video, das den Titel „Happiness (finally) after 35,000 Years of Civilization“ trägt: Da ist eine orchideenübersäte Wiese zu sehen, auf der sich Zeichentrickfiguren tummeln; Vögel zwitschern, der Himmel ist blau, Mädchen essen Blumen, tanzen zu einem Bach-Menuett und nehmen die Posen von Matisse' Gemälde „Der Tanz“ ein. Irgendwann machen sie alle gleichzeitig einen Haufen ins Gras, und dann erkennt man, daß dieser Film kein Paradies zeigt, sondern der ins Kindliche verschobene Fiebertraum der Zivilisation ist: Es wird eine Orgie gefeiert, Priester, seltsame Akademiker und Videospielsoldaten betreten die Szene, Bungalows geraten in Brand, berühmte Bilder des 20. Jahrhunderts werden als Videospiel reanimiert, nach einem apokalyptischen Kampf hüpfen nackte, posthistorische Glückswesen über geblümte Wiesen.

Roboterhaft eckige Pixelfiguren

Vorbild für dieses Video waren die Zeichnungen des manischen Henry Darger, der, während er tagsüber als Hilfsarbeiter in Krankenhäusern arbeitete, nachts an einem Werk schrieb und zeichnete; dessen Manuskript am Ende monströse fünfzehntausend Seiten umfaßte und von einem namenlosen Planeten handelte, auf dem bisexuelle Kinder eine große Rolle spielten. Chans „Happiness“ übersetzt Dargers seltsamen Weltentwurf in das Medium, in dem mittlerweile die meisten utopischen Kunst- und Gegenwelten wachsen, ins Video: Ästhetisch erinnern Chans roboterhaft eckige Pixelfiguren dabei an altes Nintendo, ans giftgrüne Glühen früher Computer aus den Achtzigern - so, als sei diese Welt nur in der Kindheit des Mediums Video vorstellbar.

Chan war acht, als er mit seinen Eltern aus Hongkong nach Omaha, Nebraska, kam, die Leute dort verstanden ihn nicht, und zwar nicht, weil er Chinesisch, sondern weil er das gute Queens English sprach, das sie ihm in Hongkong beigebracht hatten; die Vereinigten Staaten müssen ihm damals als seltsame Welt erschienen sein, und in seinen Filmen sind sie es noch heute. In seinen neuesten Arbeiten, der Serie „Seven lights“, sieht man ein erleuchtetes Rechteck auf dem Boden; es scheint, als falle starkes Licht durchs Fenster, man sieht den Schattenriß eines Telegrafenmastes, dann steigen plötzlich die Schatten von Formen auf, ganz so, als habe draußen vor dem Fenster die Schwerkraft ausgesetzt: erst schwebt ein Mobiltelefon gen Himmel, dann ein iPod, eine Brille - „Dick-Cheney-Brille“, präzisiert Chan -, dann ein alter Volvo, ein Zugwaggon, die ganze Welt.

Vom Glück der Bodenlosigkeit

Auch das wirkt wie ein Fiebertraum der Moderne, die besessen war vom Zustand der Schwerelosigkeit: Le Corbusiers Villa Savoie von 1929 schien sich vom Boden zu lösen; von der hydropneumatisch schwebenden Citroën DS über die Flugversuche von Yves Klein bis zu den schwerelos über den Mond hüpfenden Astronauten erzählten die mythischen Bilder und Objekte vom Glück der Bodenlosigkeit.

“1st Light“, 2005

"1st Light", 2005

Chans formal streng komponiertes Spiel der aufsteigenden Linien, Formen und Tempi spielt mit diesen Bildern und entfaltet eine hypnotische Wirkung, bis aus der anderen Richtung, von oben, die Silhouetten von Menschen durchs Bild fallen. Man denkt, einerseits, an die schwebenden Astronauten von 1969, andererseits an die Menschen, die aus dem brennenden World Trade Center stürzten. Ein ikonisches amerikanisches Hoffnungs- und ein Schreckbild fallen in eins, wie überhaupt alles, was man in Chans Arbeit sieht, beides sein kann: utopischer Beginn oder apokalyptisches Ende. Chan ist ein großer Dekonstrukteur, und die stürzenden, bedeutungs- und orientierungslos durch Zeit und Raum taumelnden Formen und Objekte sind nicht nur eine dunkle Zivilisationskritik, sondern auch der Vorschein eines entropischen Glücks. Der Fluß der Zeit ist aufgehoben - er halte, erklärt Chan gern, die lineare Zeit überhaupt bloß für eine „schlechte Angewohnheit“ -, die Schwerkraft ist ausgekoppelt, jede Macht- oder Ordnungsstruktur in einer schwebenden Schönheit aufgelöst, und diese Schönheit, sagt Chan, „hat den einzigen Zweck, uns etwas anschauen zu lassen, das zu sehen wir sonst nicht wagen würden“. Was am Ende auch ein sehr präziser Kommentar zum Verhältnis von Kunst und Politik ist.

„Paul Chan“, bis zum 17. Dezember im Magasin 3, Stockholm (www.magasin3.com). Vom 28. Oktober bis zum 3. Dezember zeigt der Frankfurter Portikus eine von Chans „Lights“-Arbeiten.



Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 22.10.2006, Nr. 42 / Seite 31
Bildmaterial: Martin Runeborg, Martin Runeborg, Courtesy Magasin 3, Martin Runeborg, Courtesy: Greene Naftali Gallery, New York

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