Von Andreas Platthaus, Straßburg
31. Oktober 2007 Der gerade Weg ist nichts für ihn, sein Leben lang hat er vielmehr immer wieder Umwege gemacht. Als gebürtiger Straßburger musste Tomi Ungerer im Alter von vierundzwanzig Jahren 1956 nach New York auswandern, um als Illustrator weltbekannt zu werden. Später lebte er im kanadischen Nova Scotia, dann in Irland, und schließlich bezog er auch wieder eine Zweitwohnung in seiner Heimatstadt.
Vergessen hatte er Straßburg über den internationalen Ruhm allerdings nie. Seit 1975 hat er der Stadt insgesamt achttausend Zeichnungen geschenkt, mehrere hundert Plakate sowie seine gesamte, sechstausend Stücke umfassende Sammlung alter Spielzeuge. Aber dieses Bekenntnis ihres bekanntesten lebenden Sohns zu seiner Heimat war dann wiederum für Straßburg zu direkt: Der ganze Reichtum blieb jahrelang in den Depots der städtischen Museen verborgen. Ungerer aber trommelte und wirbelte und ließ alle seine Verbindungen spielen, und nun hat er es geschafft: Am kommenden Freitag eröffnet in Straßburg das Tomi-Ungerer-Museum.
Prachtvolles Stadtpalais
Ein gerader Weg führt immer noch nicht dorthin: Aus einem ehemaligen Gartenpavillon, der jetzt Kassen- und Verkaufsbereich aufnimmt, geht ein vielfach gewundener Steg durch den Vorgarten hinein in die Villa Greiner. Das prachtvolle Stadtpalais wurde 1885 bis 1887 erbaut und liegt direkt neben dem Nationaltheater. Es ist also im sogenannten kaiserlichen Viertel von Straßburg angesiedelt, das aus jener Zeit stammt, als das Elsass deutsch war. Tomi Ungerer kommt ungeachtet seines Taufnamens Jean Thomas aus einer deutschelsässischen Familie, erlebte die Besatzungszeit von 1940 bis 1945 als Schüler (für vier Jahre hieß er da Hans) und spricht bis heute in drei Sprachen von seinen drei Heimatländern: von Frankreich, Deutschland und dem Elsass.
In dem neu eröffneten Museum kommt dieses polyglotte Selbstverständnis aufs schönste zum Ausdruck. Bei sämtlichen Beschriftungen steht zuerst der deutsche Text, dann der französische. Als dritte Sprache folgt schließlich das Englische, in dem Ungerer die meisten seiner Bücher schuf, wie diverse Textpassagen oder Titel auf den ausgestellten Zeichnungen belegen. Man weiß im Elsass, was man am Weltbürger Tomi Ungerer hat. Kurzerhand wird er zum ebenbürtigen Nachfolger eines Straßburger Künstlerriesen erklärt: von Gustave Doré, dem großen Illustrator des neunzehnten Jahrhunderts.
Ein Seitengang für die Vorbilder
Angesichts dieser lokalen Erbschaft lag es nahe, das Tomi-Ungerer-Museum auch gleich zur Keimzelle eines Centre d'Illustration zu machen, das hier in Straßburg auf dem Grundstock der ungererschen Schenkungen begründet wird. Schon jetzt gibt es in einem kleinen Seitengang des Hauses eine Handvoll Zeichnungen von Saul Steinberg, André François und Ronald Searle zu bewundern - alles Ungerers Vorbilder. Allerdings besteht das Gros dieser Arbeiten aus Leihgaben, die das Cartoonmuseum Basel zur Verfügung gestellt hat. Um das ehrgeizige Ziel eines Illustrationszentrums zu verwirklichen, wird man mehr brauchen als den gewaltigen Ungerer-Bestand: vor allem nämlich die zweite Hälfte der Villa Greiner, die zurzeit noch eine europäische Institution beherbergt.
Allerdings gibt es keinen Grund, mit dem Besuch des neuen Museums zu zögern, denn was sich dort auf drei Stockwerken präsentiert, ist schon jetzt ein Bilderschatz von ungeahntem Ausmaß. Der zudem alle paar Monate gewechselt werden soll - dreihundert Blätter kann man jeweils nur ausstellen - und auf einmalige Weise präsentiert wird, denn die gesamte Innenausstattung der Villa ist in strahlendem Weiß gehalten, von dem sich die Zeichnungen Ungerers abheben wie Erscheinungen. Alle sind hinter ausgestanzten weißen Paneelen angebracht, und viele sind in kindgerechter Höhe arrangiert. Tischvitrinen gibt es nur wenige, und darin werden ausnahmslos Buch- oder Zeitschriftenpublikationen ausgestellt.
Am Anfang die Kinderbücher
Die Bilderpracht ist dem Museum wichtiger als die biographische Würdigung des Namenspatrons. Sie ist auf einen Raum beschränkt, in dem kindliche Skizzen und als Leihgabe aus Ungerers Familie auch einige berückende Zeichnungen gezeigt werden, die Vater Théodore, ein Uhrmacher, angefertigt hat. Der Rundgang jedoch beginnt mit Ungerers Kinderbüchern - jenem Teil des Werks, das ihn von 1957 an erst in Amerika und dann rasch auch in Europa bekannt machte und das er nach zwanzigjähriger Unterbrechung in den neunziger Jahren mit Erfolgstiteln wie Flix, Otto oder noch in diesem Sommer mit Neue Freunde fortgesetzt hat.
Hier sieht man den unendlich vielseitigen und innovativen Zeichner, der nach seiner eher traditionell inspirierten Phase der Tiergeschichten um die Schweinefamilie Mellop, den Kraken Emil oder die Fledermaus Rufus mit seinem 1963 gezeichneten Buch Die drei Räuber eine Revolution in den Kinderzimmern anzettelte, die Maurice Sendak mit seinem im selben Jahr erschienenen Wo die wilden Kerle wohnen tatkräftig unterstützte. Nach diesen beiden Bilderbüchern konnte man Kindern nicht mehr auf dieselbe Weise Geschichten erzählen wie zuvor.
Rehabilitation des Volksliedes
Ungerer blieb trotzdem den alten Märchen und Sagen treu, die er zum Gegenstand zahlreicher Illustrationen machte. Mit seinem Liederbuch von 1975, das im Museum durch Skizzen und fertige Zeichnungen besonders reich vorgestellt wird, rehabilitierte er das deutsche Volkslied. Im Saal kann man dazu sechsunddreißig Lieder erklingen lassen. Filme, die nach Ungerers Bilderbüchern entstanden, laufen im Nachbarraum in Endlosschleife.
Im Obergeschoss wird der politische Zeichner gewürdigt: als bitterer Satiriker und Gesellschaftskritiker. Dagegen sind die thematisch verwandten erotischen und pornographischen Arbeiten ins nur per Aufzug erreichbare Untergeschoss verbannt - die einzige billige Idee des ansonsten sehr schlüssigen Museumskonzepts? Nein, etwas anderes war auch billig: der weiße Fußbodenbelag. Er ist schon durch die Vorbesichtigungen stark verschmutzt. Das ist noch nicht der Weißheit letzter Schluss.
Der französische Museumskatalog kostet 39 Euro, eine deutsche Ausgabe ist in Vorbereitung.
Text: F.A.Z., 31.10.2007, Nr. 253 / Seite 41
Bildmaterial: Diogenes Verlag AG Zürich, Crédit photo : Martin Bernhart, Diogenes Verlag AG Zürich, Crédit photo : Mathieu Bertola, Musées de Strasbourg / Diogenes Verlag AG Zürich, Crédit photo : Martin Bernhart, Musées de Strasbourg / Diogenes Verlag AG Zürich, Crédit photo : Mathieu Bertola, Musées de Strasbourg / Diogenes Verlag AG Zürich, Crédit photo : Nicolas Fussler, Musées de Strasbourg / Diogenes Verlag AG Zürich, Crédit photographique : Nicolas Fussler, Musées de Strasbourg / Tomi Ungerer, Crédit photo : Martin Bernhart, Musées de Strasbourg / Tomi Ungerer, Crédit photo : Mathieu Bertola, Museum, REUTERS, Tomi Ungerer, Crédit photographique : Martin Bernhart