Die Krönung der Kirche

Dem Schatten entronnen

Von Dieter Bartetzko

Krönung nach zehn Jahren Arbeit

Krönung nach zehn Jahren Arbeit

23. Juni 2004 Am 15. Februar 1945, zwei Tage nach dem Untergang Dresdens, stürzte die Frauenkirche ein, die vorher zu aller Staunen scheinbar unversehrt die Ruinenberge überragt hatte. In einigen Augenzeugenberichten heißt es, der mächtige Bau sei lautlos in sich zusammengesunken, nur eine Art dröhnendes Ächzen sei zu hören gewesen, danach Totenstille.

Das ist kaum glaublich. Doch auch als vermutliche Ausgeburt traumatisierter Phantasie hat das Bild eine höhere Wahrheit auf seiner Seite: Mit dem Einsturz der Frauenkirche starb das alte Dresden endgültig, und mit ihm symbolisch das alte Deutschland und seine Kultur. Als Schreckensbild und Allegorie des furchtbaren Tributs, den der deutsche Fall in die Barbarei gefordert hatte, prägte sich dann der stehengebliebene Torso des Chors allen Deutschen ein.

Die Krönung

In ganz Deutschland konnte am Dienstag abend, wer wollte, die Auferstehung der Frauenkirche in einer Live-Übertragung des MDR beobachten. Unter Chorälen und dem Jubel von zirka dreißigtausend Gästen hob ein Spezialkran die Turmhaube und das krönende, acht Meter hohe Goldkreuz auf die Kuppelspitze. Zehn Jahre und einen Monat nach der Grundsteinlegung des Wiederaufbaus ist damit die ursprüngliche Höhe des Gotteshauses von 91,24 Metern erreicht.

Ein Ehrengast der Zeremonie war der Herzog von Kent, der Präsident des "Dresden Trust", der in England rund 750.000 Euro für den Wiederaufbau gesammelt und auch die Nachbildung des Kuppelkreuzes finanziert hat. Sie wiederum ist von einem Silberschmied angefertigt worden, dessen Vater einer der Piloten war, die am 13. Februar 1945 Dresden bombardierten.

Die Spendeninitiative und die Kreuzübergabe sind eine ergreifende Geste der Aussöhnung - der Silberschmied sprach am Dienstag sogar von Reue -, die den Geist von Coventry weiterträgt, jener englischen Kathedrale, die Deutsche am 14. November 1940 bombardiert hatten und die zwischen 1956 und 1962 auch mit deutschen Spenden wiedererstand. Ihr gegenüber erscheint die Unbeirrbarkeit, mit der in London 1992 dem Fliegergeneral Harris ein Denkmal gesetzt wurde, als Anachronismus, der mit englischen Eigenarten der Selbstwahrnehmung zu tun hat, nichts aber mit dem heutigen Verhältnis beider Völker.

Detailgetreue Nachbildung

In einem jedoch sind Coventry und Dresden grundverschieden: Als England seine Kathedrale wieder aufbaute, war man sich einig, daß sie, mahnend und versöhnend zugleich, in einer Doppelgestalt aus konservierter Ruine und zeitgenössischem Neubau wiedererstehen sollte. Als 1994 in Dresden der Wiederaufbau begann, war klar, daß eine detailgetreue Nachbildung entstehen würde. Nicht wenige sahen darin das symbolische Ungeschehenmachen der Zerstörung und damit einen fahrlässigen Akt der Verdrängung, wenn nicht unterbewußten Verleugnung.

Die faszinierend grazile Monumentaliät aber, die sich nach und nach manifestierte, die Schönheit des Bauwerks, die Harmonie und Souveränität, mit der es die klaffende Bombenbrache in Dresdens Mitte füllte, vor allem aber der scharfe, doch nicht brutale Kontrast zwischen dem geschwärzten Mauerwerk des stehengebliebenen Chors und dem hell strahlenden Sandstein der neuen Trakte überzeugten auch Gegner und Skeptiker. Obwohl die Frauenkirche im Äußeren zu mehr als zwei Dritteln eine Kopie ist, hat sie die mahnende Ruine nicht zum Verschwinden gebracht.

Gewandeltes Bewußtsein

So kann denn der Unterschied zwischen Coventry und Dresden als Manifestation gewandelten Bewußtseins gedeutet werden, als Wendepunkt, an dem die von unmittelbarem Erleben geprägte Erinnerung, wie sie sich in der Architektur Coventrys darstellt, in ein Gedenken übergeht aus weitem zeitlichem Abstand. An die Stelle des quasi in Architektur eingefrorenen Kriegsschreckens, wie ihn Coventry oder hierzulande die Berliner Gedächtniskirche darstellen, ist mit der rekonstruierten Frauenkirche eine Art dreidimensionaler Chronik getreten, die das gesamte Geschehen umfaßt - Ursprung, Bestand, Zerstörung und Auferstehung.

In dieser Historisierung wird handgreiflich, was unter dem Begriff "Wir treten aus dem Schatten der Geschichte" in Deutschland und Europa die Runde macht. Im Spiegel der Frauenkirche zeigt dieses Bild allerdings auch Blindstellen, die eine spezifisch deutsche Empfindlichkeit vermuten lassen, die weder die Zeit noch die Gnade später Geburt haben tilgen können.

Makellose Kopie

Ihr Abbild ist das Innere der Frauenkirche, das sich zur Wiedereinweihung des Gotteshauses am 30. Oktober 2005 als nahezu makellose Kopie des einstigen Zustands präsentieren wird: Derzeit werden die Kuppelfresken der vier Evangelisten als Repliken anhand einiger weniger historischer Farbfotografien aufgetragen, der Hauptaltar, den man zertrümmert unter dem Schutt fand, ist aus Hunderten Einzelteilen wieder zusammengesetzt und ergänzt worden; er wird gerade farbig gefaßt.

Die neuen Pfeiler ebenso wie die beiden erhaltenen alten im Chor sind längst mit marmoriertem Stuck überzogen und leuchten, als hätten die Handwerker George Bährs sie gestern erst verputzt; das Gestühl, die Betkammern, der Orgelprospekt - alles wird schimmern und strahlen wie zur ersten Weihe.

Fast lückenlose Inszenierung des Einst

Die Aufgabe, an die Zerstörung zu erinnern, ist allein dem grausig verstümmelten originalen Kuppelkreuz übertragen worden, das ebenfalls in den Trümmern entdeckt wurde und nun in einem Seitenraum der neu-alten Frauenkirche einen Platz erhalten soll. Das ist der entscheidende Unterschied zu Coventry oder Berlin, wo Neubau und Ruine, eins auf das andere verweisend, miteinander verschränkt sind.

Im Innenraum der Frauenkirche dagegen wird den Besucher eine minutiöse, fast lückenlose Inszenierung des Einst umfangen, grandios, erhebend und - vergleichbar einer Shakespeare-Inszenierung in Originalkostümen oder einer Mozart-Symphonie, die auf Originalinstrumenten gespielt wird - gänzlich dem Gestern zugewandt.

Verblassende Erinnerung

Die sinnlich faßbare Erinnerung an das einschneidende Erlebnis in der Geschichte der Kirche, Dresdens und Deutschlands jedoch ist im Inneren an eine untergeordnete Stelle gerückt. Dort könnte sie so verblassen wie die Farbe an den Flickstellen und Ergänzungen des Hochaltars, die man um der Unterscheidung willen blasser halten will als auf den geretteten Originalteilen.

Im Äußeren, so versichern Beteiligte, wird sich Vergleichbares abspielen. Denn der neugebrochene Sandstein wird sich in wenigen Jahren ähnlich dunkel färben wie der erhalten gebliebene Torso der einstigen Frauenkirche. In nicht allzuferner Zukunft also werden die Ruine und der Neubau kaum mehr zu unterscheiden sein. Dann wird sich erweisen, ob der Wiederaufbau ein Zeugnis des gewachsenen historischen Abstands ist oder der letzte Abkömmling einer Ruinenphobie, die uns der Zweite Weltkrieg einpflanzte.

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 23.06.2004, Nr. 143 / Seite 33
Bildmaterial: AP, dpa/dpaweb, REUTERS

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