Messegeschichte

Wie alles begann in Basel

Von Brigitte Jacobs von Renswou

Art 16, 1985: Dass der Mensch des Menschen Wolf sei - Robert Longo inspiriert ein Paar in Basel 1985.

Art 16, 1985: Dass der Mensch des Menschen Wolf sei - Robert Longo inspiriert ein Paar in Basel 1985.

12. Juni 2007 „Jetzt jagen sich die Kunstmärkte die Aussteller ab“, titelte eine deutsche Zeitung 1971. „Das Kunstmarkt-Karussell dreht sich“, hieß es 1972: Der Markt für moderne Kunst befand sich in einem inflationären, schwindelerregenden Zustand. Am 10. Juni 1968 fand in der Baseler Kneipe SBB Matterhornstübli eine „Galeristenzusammenkunft“ statt, die den Grundstein legte für eine Messe für Moderne Kunst in Basel. Die Initiative ging von Galeristen und Kunsthändlern aus - wesentlich von Trudi Bruckner, Balz Hilt und Ernst Beyeler, die als Berater der Messeleitung zur Seite standen. Emil Bammatter, damaliger Messechef, erinnert sich: „Herr Beyeler kannte die internationale Kunstszene und Frau Bruckner die schweizerische Szene bestens, und die beiden haben mir dann gesagt, wen ich um eine Teilnahme anfragen sollte. Im ersten Jahr mussten wir aber noch einige Galerien zulassen, die wir eigentlich nicht unbedingt für würdig hielten, an der Kunstmesse teilzunehmen.“

Die Messe sollte helfen, mehr aktuelle Kunst nach Basel zu bringen. Der Zeitpunkt war günstig: Die Pop-Art mit ihrer farbigen großformatigen Malerei und den Sujets aus der Warenwelt erleichterte den Zugang und das Interesse an moderner Kunst, Happenings, Fluxus und Aktionskunst hatten ein neues Bewusstsein geweckt für die Kunst als Erlebnis.

Kölner Konkurrenz

Art 24, 1993: Robert Rauschenberg Superstar - vor seinem großen “In-dependents ROCI USA Wax Fire Works“ von 1990

Art 24, 1993: Robert Rauschenberg Superstar - vor seinem großen "In-dependents ROCI USA Wax Fire Works" von 1990

Das Treffen der Galeristen in Basel war die unmittelbare Reaktion auf die erste Messe für moderne und zeitgenössische Kunst in Köln im Herbst 1967. Den Kölner Kunstmarkt veranstaltete der Verein progressiver deutscher Kunsthändler mit achtzehn Galerien im Kölner Gürzenich. Seinen durchschlagenden Erfolg bescheinigen ein Umsatz von einer Million Mark, 15.000 Besucher in fünf Tagen und starke Resonanz in der Presse. Gleichzeitig wurde dem Verein allerdings das Auswahlverwahren - die Galerien wurden zur Teilnahme eingeladen - als undemokratisch vorgeworfen, als Kartellbildung und Monopolisierung.

Trotz der Proteste hielt der Verein an seinem Einladungsprinzip fest und begründete das mit einer Präsentation auf hohem Niveau. Gegenveranstaltungen ließen nicht lange auf sich warten. Bereits ein Jahr später startete auf Initiative von Konrad Fischer und Hans Strelow in der Düsseldorfer Kunsthalle die Ausstellungsreihe „Prospect'68 - Internationale Vorschau auf die Kunst in den Galerien der Avantgarde“, die vor allem jüngste künstlerische Positionen wie Minimal-, Concept- und Land-Art vorstellte; das Spektrum der teilnehmenden Galerien war, anders als in Köln, international.

Die Baseler Kunsthändler entschieden sich für ein liberales offenes Messekonzept: Die Aussteller wurden ohne Teilnahmebeschränkung zugelassen; angestrebt war eine Gratwanderung zwischen breitem Angebot und möglichst hoher Qualität. Die erste „Internationale Kunstmesse Basel“ fand vom 11. bis zum 16. Juni 1970 statt, ein klares Konzept war noch nicht erkennbar: Renommierte Galerien wie Ernst Beyeler (Basel), Denise René/Hans Mayer (Paris, Krefeld), Bischofberger (Zürich), André Emmerich (New York), Annely Juda (London), Gmurzynska (Köln), Marlborough (London, New York, Rom), Schmela (Düsseldorf), The Waddington Galleries (London) waren ebenso vertreten wie die Kölner Galerie von Ingo Kümmel und sein Hippie-Café Fongi oder verschiedene kleinere Buchverlage und Editionen.

Boykottaufrufe

Der ersten Kunstmesse in Basel im Jahr 1970 wurde von den Kölner Veranstaltern noch kollegial begegnet, sie wurde vom Verein progressiver deutscher Kunsthändler nicht als ernsthafte Konkurrenz wahrgenommen. Aber aufgeschreckt vom Erfolg der ersten Baseler Messe mit einem Umsatz von 5,8 Millionen Franken und der Teilnahme renommierter internationaler Galerien, konterte der Verein progressiver deutscher Kunsthändler im Jahr darauf für die „Art 2'71 Basel“ mit einem Boykottaufruf: Die Mitglieder und Gäste sollten sich für eine Teilnahme entweder in Köln oder in Basel entscheiden.

Um nicht den Anschluss an die internationale Szene zu verpassen und aufgrund der Erkenntnis, dass internationale Galerien auch internationales Publikum und Sammler anziehen, lud man zum Kunstmarkt Köln im Herbst 1971 erstmals offiziell ausländische Galerien ein. Zuvor hatte der Verein ausländischen Galerien wie Castelli/Sonnabend (New York), Denise René (Paris), Feigen und Fischbach (New York) und Rowan (London) nur in den parallel zur Messe stattfindenden Ausstellungen im Kölnischen Kunstverein ein Forum geboten.

Kampf und die Avantgarde

Art 3'72: Die Puppe ist zum Verbiegen - Hildy Beyeler auf der Vernissage der Messe 1972

Art 3'72: Die Puppe ist zum Verbiegen - Hildy Beyeler auf der Vernissage der Messe 1972

Einige Galerien versuchten, die Kölner Restriktion geschickt zu umgehen: Der Münchner Galerist Heiner Friedrich zum Beispiel ließ seinen Partner Fred Jahn unter „Edition Friedrich Jahn“ in Basel ausstellen. Außerdem zeigte der Boykottaufruf aus Köln tatsächlich Wirkung: Die Galeristin Ileana Sonnabend etwa sagte in letzter Minute in Basel ab, da sie eine Einladung für den Herbst 1971 nach Köln bekommen hatte. In einem Artikel für die Zeitung „Die Welt“ konstatierte Axel Hecht am 28. Juni 1971 unter dem Titel „Progressive boykottieren Basel“: „Das Unbehagen am Kunstmarkt konnte auch Basel nicht beseitigen: Obwohl die größte internationale Messe schon durch das Prinzip der offenen juryfreien Aufnahme viele der Querelen ausschließt, die den Parallelveranstaltungen in Köln und Berlin so unliebsame Publicity eintrugen, haben vor einem Jahr Art '70 und nun Art 2'71 nicht die Erwartungen erfüllt, die man zu Beginn in das Unternehmen setzte. Die vorläufige Analyse lässt trotz gesteigerter Teilnehmerzahl den Verdacht aufkommen, die Vorbehalte der Galeristen hätten im Vergleich zu 1970 eher zugenommen.“

Hecht berichtet weiter, „dass viele renommierte Galerien die Reise nach Basel nicht angetreten haben. So fehlen nicht nur die etablierten Unternehmen der New Yorker Madison und Fifth Avenue mit ihrem Programm der Klassiker des 20. Jahrhunderts; es fehlen auch die wichtigen avantgardistischen Downtown-Galleries.“ Und Hecht empfiehlt nach Basel: „Die Veranstalter der Basler Kunstmesse sollten beim Planen von Art 3'72 den Kölner Fehdehandschuh aufnehmen und stärker um die international renommierten Galerien werben, zugleich sollten sie auch versuchen, die Vertreter der Avantgarde für das kommende Jahr intensiver zu engagieren.“

Flexible Strategie

1972 war das Jahr der von Harald Szeemann organisierten documenta 5 und einer Biennale in Venedig. Zu diesen impulsgebenden und publikumswirksamen Ereignissen wurden wichtige Galerien und Sammler aus den Vereinigten Staaten erwartet. Das wirkte sich auf die Art Basel spürbar positiv aus: Die Beteiligung von Galerien und Editionen aus New York stieg von zwei im Vorjahr auf dreizehn an; neben anderen Galerien kamen aus New York Brooke Alexander, Leo Castelli, Robert Elkon, John Gibson, Sidney Janis und Lawrence Rubin: Von nun an sollte sich diese ausländische Beteiligung in Basel fest etablieren.

Seit ihrer Gründung hat die Art Basel immer wieder flexibel auf neue Entwicklungen und Trends des internationalen Markts reagiert und ihr Messekonzept den Veränderungen angepasst. Schon 1973 wurden die One-Man-Shows eingeführt und mit der Sektion „Neue Tendenzen“ dann bisher für eine Kunstmesse unbekannte Strukturen erprobt. Als sich im Jahr 1996 junge Galerien, wie zuvor 1992 die junge Messe „Unfair“ in Köln, zur „Liste 96 - The Young Art Fair“, zusammenschlossen, reagierte die Art Basel wieder gelassen: Die Messeleitung bewertete die neue Kunstmesse nicht als Konkurrenz, sondern als Belebung des Geschäfts und begann ihrerseits verstärkt mit dem Ausbau des zeitgenössischen Sektors in der Abteilung „Art Statements“.

Standortbegünstigungen

Von Beginn an war der Messetermin der Art Basel in der ersten Junihälfte - zwischen den wichtigen internationalen Auktionen mit moderner und zeitgenössischer Kunst, dem Beginn der Biennale in Venedig und der Eröffnung der documenta in Kassel alle fünf Jahre geschickt positioniert. Obendrein haben die liberale Geld- und Devisenpolitik und das Zollfreilager in der Schweiz zum wegweisenden internationalen Erfolg der Art Basel beigetragen.

Lorenzo A. Rudolf, der ehemaliger Leiter der Art Basel, hat 1999 in einem Interview die Notwendigkeit der Anpassungen und des Wandels für die Art Basel so beschrieben: „Der Kunstmarkt ist wie jeder globale Markt gewissen Mechanismen unterworfen. Die Globalisierung macht auch vor dem Kunstmarkt nicht halt. Es gibt immer mehr Fusionen, Übernahmen, Konzentrationsprozesse. . . . Das Erfolgsrezept ist einfach: Die Art muss Hand in Hand mit dem Kunstmarkt arbeiten, dann ist sie am Puls der Zeit.“

Text: F.A.Z., 12.06.2007, Nr. 133 / Seite K6
Bildmaterial: Kurt Wyss

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