11. Oktober 2008 Sie wünschte, sagt Helena bei Euripides, ihre Schönheit wegwischen zu können wie die Farben einer Statue. Dann würde sie, statt Kriegsbeute zu sein, endlich in Frieden leben können. In den Zeilen des Griechen sieht Vinzenz Brinkmann, Leiter der Antikensammlung im Frankfurter Liebieghaus, eine Bestätigung seiner bunten Götter. In siebenundzwanzigjähriger Forschungsarbeit rekonstruierte er aus Farbspuren auf griechischen und römischen Statuen eine Kunst, die unsere Vorstellung von antiker Skulptur über den Haufen wirft.
Wie schon die Ausgräber und Künstler der Renaissance und später Winckelmann, dem die Antike je weißer, desto schöner war, glaubten wir an weiße Götter. Die Folgen dieser Ignoranz treffen uns beim ersten Schritt in die Ausstellung.
Irritierende Farbigkeit
Ungläubig wandert das Auge hin und her zwischen einem der berühmten Kykladenidole und seiner Rekonstruktion. Das 2700 v. Chr. entstandene Original zeigt den altvertrauten, farblosen Frauenkörper, primitiv und raffiniert zugleich auf Umrisse verknappt. Die Rekonstruktion dagegen frappiert mit einem azurblauen Schopf, gleichfarbenen sichelförmigen Brauen und Stecknadelpupillen, roten Tätowierungen auf den Jochbeinen und spitzem Kirschenmund.
Nach kurzem Atemholen bei bemalten Statuen und Mumienmasken Altägyptens, der Lehrmeisterin der Griechen, steigt die Irritation: Im sonst der Athena des Myron vorbehaltenen Tempietto des Liebieghauses steht die eigens für Frankfurt angefertigte Kopie des Perserreiters ( F.A.Z. vom 26. September). Erbsgrün der Schweif, rotgrünstreifig die Mähne des Pferds, ockergelb die Hufe. Der Reitertorso träg Beinlinge mit gelben, grünen und roten Rauten auf blauem Grund, Po und Leisten bedeckt ein Schurz mit Tropfenornamenten, die Füße stecken in roten Stiefeletten.
Kunstlehre vor Kunstgenuss
Der mangels eindeutiger Befunde nur hauchzart getönte Pferdekörper (Brinkmann vermutet aufgemalte Zotteln) wirkt wie ein Ruhepol im bunten Trommelfeuer. Damit ist es im nächsten Saal vorbei. Sympathisch unbefangen sind dort die üblichen Grenzen zwischen Original und Abguss aufgehoben; nicht der Kunstgenuss, die Kunstlehre dominiert. Dicht an dicht stehen eine knallbunte Rekonstruktion der Grabstele des Aristion und der kostbare Diskobol des Liebieghauses, Myrons Athena teilt sich den Platz mit einer Replik des melancholischen Hermeskopfs aus dem Pergamonmuseum und zwei farbstrotzend rekonstruierten Koren.
Staunend steht man vor der Rekonstruktion der Peploskore (520 v. Chr.), die 1886 auf der Akropolis in Athen entdeckt wurde. Anhand der reichen Farbspuren des Marmororiginals hat Brinkmann nicht nur das mit vielfarbigen Tierstickereien übersäte gelbe Gewand und fleischfarbene Körperpartien rekonstruiert, sondern auch einen Strahlenkranz aus Pfeilspitzen. Damit ist die Figur als Artemis identifiziert. Ein tolles Ergebnis, doch den verdutzten Besucher beschäftigt mehr der Widerstreit zwischen dem Eindruck eines furchterregenden Idols und dem einer grellen Jahrmarktsfigur. Die Kuratoren haben Artemis und dem Anliegen der Ausstellung einen schlechten Dienst erwiesen, sie neben Myrons Athena zu stellen. Nicht trotz, sondern wegen der bunten Rekonstruktion strahlt die kristallin weiße Myronfigur fesselnde Anmut und Ruhe aus.
Ist es Verblendung?
Schreiende Farbigkeit zeigen auch der persischbunte Paris oder der in Goldharnisch und blauweißrotem Untergewand flammende Panzertorso. Irgendwann fällt einem Ariane Mnouchkines herrliche Orestie ein, in der die Regisseurin mit den bunten Kostümen und Masken indischer Tempeltänzer griechische Archaik verlebendigte. Aus dieser Perspektive fesselt zunächst auch die Athena ( 490 v. Chr.) des Aphaia-Tempels mit ihrem bunt geschuppten, barbarisch anmutenden Ziegenfell (Ägis), das gesäumt ist von giftgrünen züngelnden Schlangen, deren Köpfe sich drohend wie die gezückte Lanze der Göttin zum Betrachter recken. Doch der Effekt verpufft rasch, und dann vermisst man angesichts der brütenden Idolatrie der bunten Doppelgängerin die wache Majestät des entfärbten Originals.
Ist das Verblendung, die aus unserem vom Klassizismus codierten Blick resultiert? Vor der Rekonstruktion des bronzenen Vorbilds für den marmornen Kasseler Apollon versagen alle loyalen gedanklichen Ausweichmanöver: Die gleißende Figur im Liebighaus macht den Gott zum testosteronstrotzenden nackten Goldfasan, der Lockvogel eines von Lysistrata und ihren Gefährtinnen geleiteten Bordells sein könnte. Nicht Phidias, sondern Jeff Koons hat hier Pate gestanden.
Allzumenschliche Götter
Trotzdem: Brinkmanns bunte Götter zwingen uns zur Erkenntnis, dass wir fanatisch am überkommenen Bild von der Erhabenheit der Götter und Heroen, ihrer stillen Größe festhalten. Der Wissenschaftler aber hat die Antike auf seiner Seite: Wenn Kühe und Pferde oder Löwen Hände hätten, so schrieb Xenophanes 500 v. Chr., und wie der Mensch Kunstwerke machten - die Götter der Pferde würden wie Pferde aussehen, die der Kühe wie Kühe.
Wir müssen seinem abfälligen Urteil recht geben: Kein Mythos, der nicht das Übermenschliche der Olympier, ihre schreckliche Macht und furchterregende Schönheit betont - keiner aber auch, der nicht von menschlichen, teils liebenswürdigen, teils abstoßenden Schwächen spricht. Die bunten Götter im Liebieghaus scheinen Ausgeburten dieser Sicht und müssen wohl als Wiedergänger einer antiken Kunst anerkannt werden, die Götter zu Menschen und Menschen zu Göttern machen wollte.
Der totgeschminkte Kaiser
Dazu zählte zwingend die Farbe, so wie es der römische Historiker Plinius d. Ä. überliefert, den Brinkmann zitiert. Der legendäre Bildhauer Praxiteles, so Plinius, habe auf Lobeshymnen erwidert, den Erfolg seiner Statuen verdanke er nur ihrer farbigen Fassung durch den Maler Nikias. Von Plinius' Anekdote aufgeklärt, steht man vor dem Marmorkopf (40 n. Chr.) des jungen Kaisers Caligula, sieht einen schmallippigen Neurotiker, dessen jugendlich füllige Wangen Vorzeichen späterer Verhärmung tragen - und vergleicht ihn mit der Farbrekonstruktion, die einen pausbäckigen, somnambul stierenden Strizzi mit krakelig gestrichelten Wimpern, schweinchenrosa Teint und Unterbiss zeigt.
Verantwortlich dafür sind der völlig ebenmäßige, Nuancen verschleiernde Farbauftrag und die Stumpfheit der Farben. Sie spiegeln kein Licht, sondern absorbieren es, atmen nicht, sondern versiegeln, geben Caligula wie den anderen Rekonstruktionen nicht das Aussehen Lebender, sondern geschminkter Toter.
Soll alle Kunst nur ein Malgrund sein?
Damit aber stehen sie in elementarem Kontrast zu allem, was uns an griechisch-römischer Malerei überliefert ist. Selbst provinzielle pompejanische Kopien hellenistischer Gemälde bezaubern durch subtile Lichtreflexe, delikate Farbübergänge, irisierende Hauttöne, Lasuren und Sfumato. Die gemalten Personen der Antike leben. Das Gleiche gilt, selbst wenn alle Farbe von ihnen verschwunden ist, für die antiken Statuen.
Wir bewundern an den entfärbten Kunstwerken, wie Stein und Bronze das Spiel von Sehnen und Muskeln, die Verästelungen von Adern und das Geschlängel von Locken, Gewandfalten, Altersfurchen oder Jugendrundungen nachzeichnen. All dies, dazu die Sorgfalt des Polierens, die den Figuren Lichtspiele und damit Leben schenkt, soll nichts anderes sein als geschliffener Malgrund, auf dem dann Farbe jede Feinheit tilgt, aus lebhaft Handelnden starr Posierende macht?
Die alten Farben werden nicht wieder lebendig
Die Ausstellung liefert Gegenbeispiele. Die tönerne Urne einer Etruskerin (140 v.Chr.) zum Beispiel. Die Verstorbene ist auf einer Kline lagernd wiedergegeben. Die gut erhaltene Bemalung unterstreicht das Faltenspiel der Gewänder, hebt die Kostbarkeit und Geschmeidigkeit der Stoffe hervor, zeigt sogar Rouge und Lippenrot. Hat einzig das Verblassen der Farben bewirkt, dass wir ein wirkungssteigerndes Zusammenwirken von Plastik und Malerei wahrnehmen? Dieselbe Frage werfen die wunderschönen Aquarelle auf, in denen Emile Gilliéron um 1880 den Dreileibigen und die Sphinxaugenkore von der Akropolis samt Farbspuren festhielt. Ziehen sie uns an, weil der Maler nicht, wie Brinkmann, die ursprüngliche Buntheit anstrebte, sondern die ausgeblichenen Farben wiedergab oder sogar abmilderte?
Vinzenz Brinkmann jedenfalls hat akribisch rekonstruiert, hat Mikroskopie, Pigmentanalyse, Streiflichtfotografie und UV-Fluoreszenz eingesetzt, mineralische und Erdfarben nachgemischt und aufgetragen. Wir müssen einsehen, dass die Kunst der Alten enorm bunt war. Was aber uns und Vinzenz Brinkmann fehlt, ist ein Nikias, der die Farben aufträgt. Es wird sich kein neuer finden. Jede Zeit schafft ihre eigenen Götter. Unsere sind bunt wie Kate Moss oder Batman.
Bunte Götter. Die Farbigkeit antiker Skulptur. Liebieghaus, Frankfurt am Main, bis 15. Februar 2009. Der Katalog kostet 34,90 Euro.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Wonge Bergmann