Jörg Immendorff

Deutschland, ein Kaffeehaus-Märchen

Von Thomas Wagner

14. Juni 2005 Jörg Immendorffs Gemälde gehören heute zum festen Bestand einer deutsch-deutschen Selbstbefragung. Noch in dem monumentalen Gemälde „Langer Marsch auf Adler“ von 1991/92 schmiedet er mit dem Pinsel, nicht mit dem Hammer, die auf dem Amboß der Geschichte liegenden rotglühenden Buchstaben „Einheit“.

Die Befindlichkeiten der Nation in den Zeiten der staatlichen Trennung haben ihn umgetrieben. Und doch spricht aus seinem Werk die Sehnsucht nach Einheit in überschaubaren Verhältnissen. Nicht von ungefähr stehen Freundschaftsbilder im Zentrum seines OEuvres. In düsteren Kaffeehaus-Höhlen sitzen die Künstler beisammen, lebende und tote, reicht der Düsseldorfer Maler durch die Mauer hindurch seinem Ost-Kollegen Penck die Hand. Und es flammen Streichhölzer auf, um die Szene zu illuminieren, etwa wenn Beuys dem Antipoden Duchamp Feuer gibt.

Gespräch befreundeter Geister

Einheit als Ausdruck und Ergebnis von Verständigung entsteht für Immendorff allein aus einem Gespräch befreundeter Geister. Diese, durch das Leben und den Tod getrennt, können sich nur im Bild begegnen. Nur hier können ideale oder zumindest gewünschte Tischgesellschaften zusammenfinden, Zeiten und Ideen einander begegnen. Dabei gibt sich Immendorff gern aufrührerisch, ob er 1966 in seinen „Baby“-Bildern Liebe und Frieden beschwört oder in den neodadaistischen Aktionen der Zeit der „Lidl-Akademie“ gegen die geistlose und unschöpferische deutsche Politik aufbegehrt.

Am 14. Juni 1945 als Sohn eines Offiziers und einer Sekretärin im niedersächsischen Bleckede geboren, studiert er 1963/64 drei Semester bei dem Bühnenbildner und Maler Teo Otto an der Düsseldorfer Kunstakademie, bevor er 1964 in die Klasse von Joseph Beuys wechselt. Von 1968 bis 1980 unterrichtet er an einer Düsseldorfer Hauptschule, arbeitet aber als Künstler weiter, lernt Lüpertz und Penck kennen, mit denen gemeinsam er den sogenannten „Neuen Wilden“ zugerechnet wird.

Geschichte als episches Theater

Im Zyklus „Cafe Deutschland“, seinem Hauptwerk aus neunzehn zwischen 1977 und 1983 entstehenden großformatigen Historiengemälden, inszeniert er Geschichte als episches Theater. Weniger bekannt sind Immendorffs Zeichnungen, ein Archiv von Bildideen, in denen sich der Maler, der sich inzwischen den Affen zum Wappentier erkoren hat, als ebenso bissiger wie humorvoller Kommentator voll „beiläufiger Retourkutschen“ präsentiert. Die Suche nach einer Einheit von Kunst und Politik, Kritik und Witz, hier ist sie am deutlichsten greifbar. Hier findet sein zwischen Traum und Wirklichkeit zerriebener Idealismus ganz zu sich selbst.

Immendorff hat seinem Affen immer reichlich Zucker gegeben. Mal gibt er den Maoisten, mal den Macho, mal den Altrocker, mal tummelt er sich in seiner Bar „La Paloma“. 1998 wird eine unheilbare Nervenerkrankung bei ihm diagnostiziert. Im August 2003 holen ihn die dunklen Seiten des Künstlermythos ein. Aus dem berühmten Maler wird ein Fall für die Öffentlichkeit. In einer Hotelsuite wird er in Begleitung von Prostituierten und im Besitz von Kokain verhaftet, nach einem aufsehenerregenden Prozeß zu einer Freiheitsstrafe mit Bewährung und einer Geldstrafe von 150.000 Euro verurteilt.

Mit Rücksicht auf sein Geständnis und seine Krankheit ein mildes Urteil. Auch Professor darf er bleiben. Ausgerechnet Immendorff selbst hat das Klischee vom Künstler eingeholt - mit Sex, Drogen und Untreue. Ein trauriges Kapitel Künstlergeschichte und Selbsterniedrigung. Dabei hätte auch Immendorff, wie einst sein Lehrer Joseph Beuys, dazu auffordern können: „Schütze die Flamme!“



Text: F.A.Z., 14.06.2005, Nr. 135 / Seite 32
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