15. März 2006 Die Installation 245m³ des spanischen Künstlers Santiago Sierra in der ehemaligen Synagoge von Pulheim-Stommeln nahe Köln (siehe: Abgas-Aktion in Synagoge ausgesetzt) ist ausgesetzt worden. Jeden Sonntag, außer Ostersonntag, bis zum 30. April hätten dort die Abgase von den Motoren sechs geparkter Autos über Schläuche in das einstige Bethaus geleitet werden sollen, wo das Kohlenmonoxyd eine tödliche Konzentration erreicht.
Dieser vergiftete Raum konnte am vergangenen Sonntag von Besuchern der Installation mit Atemmaske und in Begleitung zweier Feuerwehrmänner, nach einer schriftlichen Haftungsentbindung der Stadt Pulheim, einzeln betreten werden. Bereits am Sonntag protestierte der Zentralrat der Juden in Deutschland scharf gegen Sierras Installation, die niveaulos sei und über die Grenzen dessen, was angemessen ist, weit hinaus gehe. Der Publizist Ralph Giordano bezeichnete die Aktion inzwischen als Niedertracht sondergleichen: Hätte Sierra auch nur die kleinste innere Beziehung zu der Welt der Opfer, hätte er sich sein Pulheimer Machwerk verkniffen.
Sierra sucht das Gespräch
Für den Jüdischen Weltkongreß sagte Bobby Brown, ungeachtet wohlgemeinter künstlerischer Absichten sei mit der schieren Brutalität des Holocausts vorsichtig umzugehen, insbesondere in Deutschland. Zu Wort gemeldet hat sich jetzt auch der Evangelische Kirchenverband in Köln. Sein Sprecher Günter Menne bedauerte, daß Sierras tiefernste künstlerische Versuchsanordnung einer sinnlichen Annäherung an das Undenkbare gescheitert sei. Fragwürdig sei weiter der Versuch einer Versinnlichung des Grauens; denn die vermeintlich identitätssteigernde Erfahrung im Gas hinter der sicheren Maske bringt uns der Shoah nicht näher.
Sierra selbst hat sich bisher nicht öffentlich geäußert. Er sucht das Gespräch mit dem Zentralrat der Juden in Deutschland, mit der Synagogengemeinde Köln und mit Giordano. Ob es dabei zu einer Verständigung über sein Werk, angesichts dieser extremen Performance, kommen kann, ist fraglich. Tatsächlich ist Sierra, dem Provokationen wirklich nicht fremd sind, bisher niemals bis an eine vergleichbare Grenze gegangen. Die Stadt Pulheim ihrerseits will dann in der kommenden Woche über die Fortsetzung des Projekts entscheiden.
Symbolisch in die Ecke gestellt
Von diesem Mittwoch an bis zum Sonntag ist Frankfurt, im Rahmen der neuen Kunstmesse Fine Art Fair Frankfurt, Schauplatz einer Performance Santiago Sierras. An zehn Orten der Stadt verteilt - wie im Senckenberg Museum, in der Deutschen Bibliothek, im Landgericht oder in der U-Bahnstation unter der Hauptwache - werden zehn Personen täglich von 13 bis 17 Uhr stehen, die Gesichter gegen die Wände gerichtet.
Wie schon mehrfach zuvor arbeitet Sierra mit gezielt ausgewählten, bezahlten Komparsen. Für die Frankfurter Aktion wählte er sämtlich Angehörige der Kriegs- oder unmittelbaren Nachkriegsgeneration. The Punished hat Sierra die Performance genannt. Wer die Bestraften sind und wer symbolisch in die Ecke gestellt ist, wird - soviel ist sicher - neuerlich Zündstoff liefern.
Text: F.A.Z., 15.03.2006, Nr. 63 / Seite 44
Bildmaterial: dpa/dpaweb