Von Wiebke Hüster
19. April 2006 Fast alle Frauen lieben und verstehen Luxusmode, aber für die meisten bleiben die Modelle der Haute Couture etwas, das man im Fernsehen und in Modezeitschriften betrachtet. Welche traut sich schon, den Salon Christian Diors in Paris ohne die Absicht zu betreten, für eines der Kleider maßnehmen zu lassen, nur aus Neugier und Bewunderung? Auch wenn man dort, bei Chanel oder Lanvin für sie vielleicht Verständnis hätte. Im Hause Hermes etwa schwärmt man von der Kundin, die zwanzig Jahre lang mit sehnsüchtigem Gesichtsausdruck an den Auslagen vorübereilte und dann eines Tages den - definitionsgemäß einmaligen - Kauf ihres Lebens tätigte.
Um den Frauen das Warten vor den Schaufenstern zu verkürzen, hat unsere Zeit die Modeausstellung erfunden. Zwar darf man die Kleider auch hier noch nicht anfassen, aber die trennende Glasscheibe fehlt. Samt und Seidentaft entfalten ihre verführerische Wirkung in unmittelbarer Nähe, ganz ohne störende Reflexe und männliche Vertreter des Realitätsprinzips.
Ihre Einfälle sind naughty
In der Retrospektive von Vivienne Westwood, die das Düsseldorfer NRW-Forum zeigt, sorgt gedämpfte Beleuchtung für eine andachtsvolle Atmosphäre. Das derart festlich gestimmte Publikum strebt leisen Schrittes unter der rückwärts dreizehn Stunden umrasenden Uhrziffer hindurch, deren Original über dem Eingang zu Frau Westwoods Londoner Laden World's End hängt. Dahinter stehen die Puppen in dünnem Musselinhemd von vor dreißig Jahren, auf das zarte blaue Brüste aufgemalt sind, oder in jenem T-Shirt, das zum Filmstart von Brokeback Mountain gepaßt hätte: Cowboys zeigt zwei unterhalb der Taille nackte Kuhhirten, die sich guten Tag wünschen.
Für solche Einfälle wird man in England naughty genannt. Die ungezogene Dame Vivienne ist auf einem Foto aus der Zeit dieser Entwürfe zu sehen, mit gelbem Bürstenhaarschnitt, dunkel geschminkten Lippen und langen, schönen Beinen. Noch heute zeigen ihre Models auf dem Laufsteg keck aus Korsetten hervorlugende Brustwarzenansätze, üppig ausstaffierte Kehrseiten und Röcke, die wegen ihrer Kürze diesen Namen nicht verdienen. Ihre Mädchen laufen auf Schuhen, die neben ihrem Fetischcharakter keinerlei praktischem Nutzen dienen.
Französische Couture vermählt mit englischer Schneiderkunst
Der Unterschied zwischen den mit Riemen und Reißverschlüssen geschmückten Ledersachen aus der Frühzeit für Teds, Rocker und die Sex Pistols und den phantastischen Watteau-Abendkleidern der jüngeren Kollektionen ist nicht der zwischen Punk und Pomp. Mode soll die erotische Wirkung einer Person erhöhen, ob mit Sicherheitsnadeln oder wippenden Krinolinen, die bei jedem Schritt ungewohnte Einblicke gestatten. Vivienne Westwood ist in den dreißig Jahren, seit sie mit Malcolm McLaren, dem Manager der Sex Pistols, Seite an Seite anfing, nicht braver geworden, sondern raffinierter. Nachdem sie mit der Piraten-Kollektion Anfang der achtziger Jahre festgestellt hatte, daß sie es als Modemacherin alleine schaffen konnte, fing sie an, ihre Anregungen nicht mehr in der ganz der Gegenwart verpflichteten Jugendkultur zu suchen, sondern in Gemäldegalerien, Theatern und Bibliotheken.
Sie studierte Schnitt-Techniken früherer Jahrhunderte. Sie träumte, und das läßt sich in der Ausstellung, die viele Stücke aus Frau Westwoods Privatbesitz zeigt, sehr gut erkennen, es würde ihr gelingen, französische Couture und englische Schneiderkunst zu vermählen und so die beiden für die Geschichte des Stils bedeutendsten Modenationen zu vereinen. Es ist ihr gelungen.
Sie fordert die Silhouette
Als Robert Wilson vor drei Jahren in der Neuen Nationalgalerie in Berlin eine Retrospektive für Giorgio Armani ausrichtete, führte er das Publikum in nicht enden wollenden schlangenlinienförmigen Gängen zwischen den Kleidern des italienischen Modeschöpfers hindurch. So konnten die Betrachter in einem Meer von Modellen baden, in einer Menge schön bekleideter Puppen aufgehen.
Ganz das Gegenteil ist in dieser Ausstellung, die Claire Wilcox für das Victoria & Albert Museum konzipiert hatte, festzustellen, wo die Kleider schlicht aufgereiht oder hinter rostigen Betongitterzäunen versammelt sind. Vivienne Westwoods Definition femininer Eleganz widerspricht Armani entschieden. Wo sich die Kleider des Italieners an den Körper schmiegen, da fordert die Engländerin die Silhouette, die den Körper verändert - mit allen Tricks vom Reifrock bis zu Polstern. Wo Armani seinem sanften Frauenbild treu bleibt, da verwandelt sich die Westwood-Frau mit den Jahrzehnten.
Piratin, Freieheitskämpferin, Strickliesel
In Nostalgia of Mud schwelgte sie als naturnahe Elfe in braunem Lammfell, grüner Wolle, Schlapphüten und bunten Bändern. Die Kollektion Clint Eastwood steckte sie in Bomberjacken mit riesigen Strickbündchen. Mal verschwand sie in Tweed, Mohair oder sackartigen Wollkleidern, mal sah sie aus wie Boy Georges kleine Schwester (Punkature), mal wie eine Piratin (Tied to the Mast) oder wie die Queen als kleines Mädchen (Harris Tweed), dann wieder trat sie als Dienstmädchen auf (Mini-Crini), mal wie eine Heroine des schottischen Befreiungskampfes (Anglomania), mal, mit künstlichen Weinflecken auf den zarten Ranken des von Juwelenschnecken und -käfern bekletterten Kleides, wie eine Actrice von Peter Greenaway (Summertime) und schließlich wie eine Strickliesel: Das Lieblingskleid der Designerin aus der On Liberty-Kollektion zieren Häkelblumen.
In Düsseldorf sind unglaublich viele Kleider zu sehen, für die man zwanzig Jahre sparen möchte. Vivienne Westwood ist wild, sie ist frei, sie war roh mit dreißig, jetzt, mit fünfundsechzig, ist sie meisterhaft darin, Epochen geistig zu plündern, um den Stoffen und den Frauen der Gegenwart gerecht zu werden, Exzentrikerinnen wie sie.
Bis 14.Mai. Der Katalog von Claire Wilcox mit dreihundertfünfzig von Vivienne Westwood ausgesuchten Abbildungen ist auf deutsch bei der Nicolai'schen Verlagsbuchhandlung erschienen und kostet 34,90 Euro.
Text: F.A.Z., 19.04.2006, Nr. 91 / Seite 38
Bildmaterial: Corinne Day, Rankin, Victoria & Albert Museum, London, Vivienne Westwood London