Von Oliver Jungen
13. Mai 2008 Sol invictus: Der herabgesandte Geist kam als Sonnenflut in diesem Jahr, und alle Kreaturen verstanden einander, wie es sie dürstete in der Hitze. Und sind sie denn auch so verschieden? Welches Schwein hat keine Träume? Ein Gespenst geht um an den Trögen, das Gespenst vom Nachruhm. Kunstschwein werden, grunzt man sich zu, das wär’ was. Nicht Supermarktschwein. Es soll da einen Meister geben, in Österreich natürlich. Hunderte Schweine schon fuhren voller Hoffnung dorthin, wo ich hinfahre, gaben ihr Blut für uns und für alle, die sehen wollen, wie es literweise auf nackte, gekreuzigte Körper rinnt, ausgewählt schöne nackte Körper.
Ich fahre nach Prinzendorf. Hermann Nitsch, der in diesem Jahr seinen siebzigsten Geburtstag begeht, hat wieder einmal zum Pfingstfest auf sein abgelegenes Schloss geladen, diesmal ohne Kreuzigungen (auch wenn das nächste Sechstagespiel in Vorbereitung ist). Zugleich eröffnet eine Ausstellung in dem einer Klosteranlage nachempfundenen, architektonisch beeindruckenden Nitsch-Museum im angrenzenden Mistelbach, das damit sein einjähriges Bestehen feiert: die Kirche der Nitschianer. Ausgestellt sind die Relikte der 20. Malaktion“, die im Jahr 1987 in der Wiener Secession stattgefunden hat, allesamt mit roter Farbe und Blut eingesaut im einzig wahren Sinn des Wortes.
Kuratorenrhetorik peitscht auf uns ein
Noch steht mir das alles bevor, liege ich in Wien im südostasiatisch überhitzten Hotelzimmer (wo kommen diese Temperaturen her?). Am nächsten Morgen bleibt Zeit für einen Bummel durch die berückend pittoreske Stadt: Der große Dirigent nämlich hat auch die Anreise komponiert. Vor dem Hotel springt mir eine Wiener Eigentümlichkeit ins Auge: das Misttelefon“. Die Nummer ist auf jeden Mülleimer aufgedruckt. Wer auf Mist stößt, braucht nur anzurufen. Kann nicht schaden, mir die Nummer zu notieren.
In der S-Bahn wird es dionysisch: Körbeweise Wein und Brot wuchten Helfer hinein. Ein Vorgeschmack nur auf die Weinmengen, die uns im Museumskomplex erwarten. Als wir halb benebelt die mit fünfhundert Besuchern vollbesetzte, tribünenartig sich erhebende Piazza erreichen, erkenne ich den Ort auf Anhieb: Apocalypse Now“, die Playboybunny-Szene, mit Primärreizen aufgepeitschte GIs. Hier peitscht Kuratorenrhetorik auf uns ein: Alle Register des Malrituals seien bei Nitsch vollendet gezogen. In den Schüttungen und Spritzungen kämen Schwer- und Fliehkraft zu sich selbst. Ergo? Bibamus!
Die Medientauglichkeit seines Mythenwütens will er nicht wahrhaben
Nitsch macht es den Kuratoren auch nicht leicht. Man muss die intellektuelle Unterfütterung seines Schaffens, obwohl sie Bände füllt, als schwach bezeichnen. Pathosformeln des menschlichen Leidens nachzuäffen, Befreiung des Verdrängten, Schmerz als Bedingung des Schöpferischen – alles nicht eben tiefgründelnd, eher ein psychoanalytischer Floskelsalat. Aber es geht hier ja gar nicht um Bedeutung, sondern um deren rigide Ausschaltung, um Ekstase: Ich wollte stets nur die Intensität und damit das Spektrum des menschlichen Empfindens maximal steigern“, sagt Nitsch. Intensität um ihrer selbst willen also. Nicht zufällig hat der Daueraktionist sein Gesamtlebenskunstwerk parallel zur Durchsetzung der Mediengesellschaft entwickelt, in der ja (mit Ansage) das Signifikat verschwand.
Wie das Medium Botschaft wurde, bleibt bei Nitsch nur das sinnentleerte Ritual bestehen: das Herz der Medien sozusagen, die ja im wesentlichen Bedeutung in Erregungszustände umrechnen. Anästhetik, die Ausschaltung der Empfindungsfähigkeit, ist vermutlich nicht nur – mit Wolfgang Welsch – das grenzgängerische Doppel der Ästhetik“, sondern ihr Alleinerbe. Doch Nitsch ist nur versprengter Epigone dieser Entwicklung. Die ihn reich gemacht habende Medientauglichkeit seines Mythenwütens will er nicht wahrhaben. Stattdessen glaubt er allen Ernstes an die große Regression durch Ritualamalgamierung und Besoffenheit.
Das Werk an sich dürfte kaum überlebensfähig sein
In den Ausstellungshallen sieht es wieder aus wie nach einem Massaker, traurig in erster Linie. Es mag wohl sein, dass das Orgien Mysterien Theater“ oder seine malerischen Vorstufen einmal kraftvoll wirkten, aber nach fünfzig Jahren und Hunderten immergleicher Aktionen“ mit Tausenden von ausgeweideten Tierkörpern ist davon nur stumpfe Serialität übriggeblieben. Der schwerste Schlag: Österreich erkennt seinen Ritualmetzger inzwischen an, nicht einmal die FPÖ erregt sich mehr. Das Werk an sich aber dürfte kaum überlebensfähig sein. Die Gemälde, künstlerisch belanglos, sind in ihrem Gruseldusel bestenfalls eine Form von Kitsch, Nitsch-Kitsch, eher bei den Simpsons zu verorten als in der Realität. Gleichwohl gibt es eine Fangemeinde, in Österreich wie in Italien: In Neapel entsteht zur Zeit ein weiteres Nitsch-Museum.
Ich werde nach dem Schlachtfeldbesuch wieder in Wien ausgespuckt: immer noch pittoresk, aber auch bedrückend jetzt. Heldenplatz, Praterstern, Secession. Ich sehe das Blut überall. Todeskutscher, Todesküsse, blutrote Springbrunnen. Ein Gegengift muss her, die entrückte Ästhetik anästhesieren, mit einem Wort: Punk. Die Thermals retten mich, lassen den beleidigten Allmächtigen mächtig zurückschlagen in meinem Ipod, das Land verwüsten: Fear me again! Know I’m your father!“ Aber ich will in den Dschungel zurück.
Glockengeläut, Blasmusik und - vor allem - Unmengen an Wein und Essen
Am nächsten Vormittag stehe ich wieder am Bahnhof Mistelbach, wo mich eine sehr liebenswürdige, leicht verhuschte Mitarbeiterin des Meisters abholt und durch Felder und Dörfer zum Schloss bringt. Was kostet ein Nitsch, frage ich. Aus den Neunzigern stammende Leinwände um die 90.000 Euro, ältere bedeutend mehr.
Traumhaft ist das renovierte Schloss, sein Garten, der Innenhof, schöner kann ein Schloss nicht werden. Wenn nur nicht überall diese Fotos der mit Innereien bedeckten Nackten hingen: Die Därme scheinen ihnen herausgerissen. Auch hier sind alle unfassbar nett zu mir, verführerisch nett. Im ersten Stock werden Devotionalien verkauft, Bücher und DVDs, deren Hüllen nach Ekelpornos aussehen. Gleich mehrere Interessenten findet ein vor schwarzen Flecken starrender Lappen, Blut wohl: Sehr schön, wieder ein großes Stück.“ Im Hof erneut Glockengeläut, Blasmusik und – vor allem – Unmengen an Wein und Essen. Verloren und fasziniert, taumle ich umher, fühle mich wie Tom Cruise in Eyes Wide Shut“, Wein um Wein weniger verwundert.
Menschen, deren Leben eine Malaktion verändert hat
Die weihrauchgeschwängerte Kapelle ist übersät mit Fotografien gekreuzigter, blutbesudelter Darsteller, dazwischen katholische Kruzifixe, in der irren Annahme, die beiden Ikonographien hätten sich etwas zu sagen. Stattdessen schreit hier ein italienischer Schreikünstler seine Litanei verspritzen Blutes herunter. Gleich daneben, im schönsten Schlossraum, die 122. Aktion“, jene aus dem Burgtheater im Jahre 2005, auf Großbildleinwand.
Ich rede mit dem Informatiker Anton, dessen Leben eine Malsession mit Nitsch verändert hat. Rede mit seiner schönen Freundin Barbara, die sagt, sie würde sofort an einer Aktion teilnehmen. Stoße mit einem Yeti zusammen, den ich später in dem Video entdecke, wie viele weitere Gäste. Da herrscht mich plötzlich der Herr des Purgatoriums an: Und? Was haben Sie verbrochen?“ Ich – bin Vegetarier. Unwirsch die Antwort: Fressen's was!“
Es geht um Antischöpfung, die Apokalypse als Eigenwert
Der bekannteste kunsttheoretische Reflex zur Ein- und Heimholung Nitschs besteht in der Zuschreibung eines kritischen Potentials. Kann man seine Schlachthauskunst nicht mit Lyotards radikaler, von Agamben später austheoretisierter Formulierung zusammenbringen, wonach die Blut-und-Boden-Orgie der Nationalsozialisten in die Absurdität einer Welt geführt hat, in der nur noch Blut und Scheiße“ existieren? Man kann es nicht.
Ob nun geplant oder nicht: Das blutige Orgientheater ist zu Esoterik geronnen. Die vom Guru minutiös festgelegten Rituale sind Gesetze geworden, welche die über das Internet kommunizierende Gemeinde in den Spielen genau befolgt. Die Kunstfreiheit deckt eine Religion. Aber was ist das für eine Religion?! Sie feiert in abschreckender Ernsthaftigkeit das nackte Leben im Moment seines Aushauchens, eine Feier des anästhesierten Tötens. Gefesselt erwarten die Darsteller die Vergewaltigung durch den Tod. Mit Schöpfung hat das – alles Brahma-Vishnu-Shiwa-Geraune beiseite – nur im Negativen zu tun: Es geht um Antischöpfung, Auflösung des Kreatürlichen in Material, die Apokalypse als Eigenwert. Dahinter steht eine unendliche Hybris.
Im Namen des Schweins
Der Wein tut seine Wirkung in dieser Hitze. Ich stehe in Kambodscha, Willard inmitten des Regimes von Colonel Kurtz. Nur dieses Ende darf es nicht nehmen. Bin ich denn schon infiziert? Insgeheim mitgerissen vom Gefühl der kollektiven Überhebung, der Nacktheit, des Blutfetischs? Stürze ich mich gleich auf das Hofschwein und reiße ihm die Gedärme heraus? Fressen's was. Da spüre ich den Ipod in der Innentasche, die Thermals sind zur Stelle: I might need you to kill.“
Also gut, ich besorge mir mein Handy wieder, das mit dem Gepäck weggeschlossen war. Eine freundliche Frauenstimme vom Band: Willkommen beim Misttelefon.“ Ich gebe die Koordinaten durch. Im Namen des Schweins. Während die Gemeinde zur dionysischen Prozession aufbricht, die bei Sonnenuntergang in irgendeiner Eselstadt ankommen wird, verlasse ich das Schloss, den Dschungel, das Land. Im Flugzeug müsste ich flüstern: Der Horror“, tue es aber doch nicht, sondern denke an den Kater am nächsten Morgen.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP, Museumszentrum Mistelbach , picture-alliance / dpa, picture-alliance/ dpa, picture-alliance/ dpa/dpaweb
