Jörg Immendorff gestorben

Einmal Nationalmelange ohne Zucker

Von Niklas Maak

LIDL und Spätdadaismus: Jörg Immendorff

LIDL und Spätdadaismus: Jörg Immendorff

29. Mai 2007 Im September 2005 war er zum letzten Mal zu einer großen Ausstellungseröffnung erschienen, und die Veranstaltung war, das war allen Gästen des Abends auf eine furchtbare Weise klar, auch ein Abschied von Jörg Immendorff. Wenn er die ursprünglich für 2010 geplante Schau noch erleben solle, hatte der Maler den Veranstaltern der Retrospektive ein Jahr zuvor mitgeteilt, werde man sich beeilen müssen. Immendorff litt damals schon an einer weit fortgeschrittenen Form der tödlich verlaufenden amytrophen Lateralsklerose, einer Nervenkrankheit, die den Körper nach und nach lähmt.

Die Schau, die man auch aus diesem Grund vorgezogen hatte, war schon von weitem ein beeindruckender Anblick: Man sah die gravitätische Neue Nationalgalerie in Berlin, den strengsten Container der klassischen Moderne, ganz Glas, schwarzer Stahl und Mathematik; und darin die temporäre, wild zusammengewürfelte rote Stadt aus leuchtfarbenen Kuben, die Immendorff selbst für seine große Retrospektive entworfen hatte – ein Agitprop-Westerndorf der Utopie, in dem Werke aus vier Jahrzehnten gezeigt wurden.

LIDL - Schlachtruf für spätdadaistische Auftritte

Es ist kein effektvollerer Kontrast denkbar als der zwischen Mies van der Rohes minimalistisch stilvoller, strenger Feier des Industriellen, Überindividuellen und Rationalen von 1968 und den Werken des damals dreiundzwanzigjährigen Immendorff aus demselben legendären Protestjahr in der Geschichte der Bundesrepublik: Schon die sechs signalroten Pavillons der großen Ausstellung waren eine Hommage an Immendorffs frühe Entwürfe für eine LIDL-Stadt, eine experimentelle Papiersiedlung, die Teil jener Aktionen war, mit denen der Künstler Ende der sechziger Jahre bekannt wurde. LIDL: Das war keine Anspielung auf die Supermarkt-Kette, an die man heute unweigerlich denkt, sondern ein Nonsense-Wort, das vom Geräusch einer Babyrassel abgeleitet war und das Immendorff als Schlachtruf für seine spätdadaistischen Auftritte diente.

LIDL war es, wenn Immendorff, der bekennende Maoist und KPD-Anhänger, mit einem in den Nationalfarben bemalten Holzklotz in der damaligen Bundeshauptstadt herumspazierte; LIDL war es, das Verhältnis von Darstellung und Zeigbarem, Bildmacht der Sprache und Sprachhaftigkeit der Bilder zu hinterfragen, wenn Immendorff etwa auf ein kleines Bild nur Wörter malte, „Rennendes Pferd – Wiese – hauender Adler“ auf eine Leinwand schrieb, ein kleines, querstehendes Poem, ein Bild als Anleitung seiner selbst. In einem anderen Bild verdrängt die gelbe Farbe das Rot und das Schwarz der Nationalfarben. Immendorffs frühe Bilder, seine LIDL-Aktionen waren Enterhaken im politischen Alltag und in einer Ikonographie des nationalen Selbstverständnisses.

Bekannt durch Café-Deutschland-Zyklus

1945 in Niedersachsen geboren, war Immendorf mit neunzehn zum Schüler von Beuys geworden, flog wegen seiner LIDL-Aktionen von der Akademie, arbeitete neun Jahre als Kunstlehrer an einer Düsseldorfer Hauptschule und wurde schließlich mit seinem Café-Deutschland-Zyklus bekannt. Immendorff belebte das Genre des Historienbildes auf seine Weise neu.

Ein Ort war in Immendorffs Gemälden zentral: das Café. Das reale „Café de Flore!“, das imaginäre „Café Deutschland“, in dem es nicht nur um die Befindlichkeit und die Ikonographie der gespaltenen Nation ging, sondern auch um das Café als utopischen Ort. Immendorff, der selbst mit dem „Paloma“ in Hamburg eine Kneipe eröffnet hatte, liebte diese Dichte, das Gedrängte am Tresen, die Hitze übergroßer Nähe. Viele Gesichter, die aus seinen Bildern herausglühen, sehen aus, als würden sie vom Widerschein eines Brandes erhellt.

Wunschkonstruktionen

Die Bilder sind Wunschkonstruktionen: Leute sitzen beieinander, die sich im Leben nicht trafen, geben sich Feuer. Die Traumwelten Beckmanns leihen den Szenen ihr seltsames, magisches Licht. Es ist, als habe jemand den Stein hochgehoben, der auf dem wirtschaftswunderlichen Land lag: Nun schaut man auf das erschreckte Gewimmel plattgedrückter Gestalten in übermooster, schwarzer Erde. Die halbkompostierte Weimarer Republik mit ihrem halbvergessenen Erbe, mit Dada, Dix und Surrealismus, meldet sich hier. Wo andere ungebrochenes malerisches Pathos an den Tag legten, scheint Immendorff dieser Direktheit zu misstrauen; er collagiert, er malt, als wäre er Comiczeichner, zeichnet, als hätte ihm Max Ernst befohlen, eine Werbetafel für den Surrealismus zu entwerfen, die auch Dalí gefallen könnte.

Mit gutem Geschmack hatte er nichts am Hut: Lustvoll halbverdorbene, furchterregende Magentafarben, naiv verbogenes, schief Schmierendes verursacht Schmerzen in den Augen, bewahrt manches Bild aber auch vor der einschläfernd milden Gefälligkeit und dem kraftlos brummenden Pathos neuerer deutscher Malerei. Sein Porträt Gerhard Schröders zeigt den Gasprom-Mitarbeiter in Gold und in Begleitung von Affen als Allegorien der Künstler.

Es bleibt ein aufrüttelndes Geräusch

Man hat Immendorff, um ihm Gutes zu tun, bei den letzten öffentlichen Gelegenheiten immer wieder in die Nähe von unumstrittenen Größen der Kunstgeschichte gerückt; Picasso, wenigstens aber Gerhard Richter wurde erwähnt. Aber es geht in Immendorffs Kunst nicht nur um eine eine überhitzte Entgegnung auf die Untiefen von Richters kühl perfekten Ästhetizismen.

Bei allem lederjackenhaft-kumpeligen Auftritt und allen Kokain- und Bordellskandalen war er derjenige, der Ende der sechziger Jahre die heroische Künstlerfigur, die Arbeit am eigenen Künstlermythos, entschlossen auseinandergenommen hat und zu einer anderen Art von Kunstproduktion und -rezeption kommen wollte: darin liegen sein Verdienst und seine Bedeutung. An diesem Montag starb Jörg Immendorff an den Folgen seiner Nervenkrankheit. Was bleibt, sind das aufrüttelnde Geräusch seines LIDL-Rasselns und das Leuchten einer roten Stadt.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP

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