Fotografien von Helen Levitt

Die Suche nach einem Geheimgang in den Traum

Von Freddy Langer

17. April 2008 Sie habe sich, wird die Fotografin Helen Levitt nicht müde zu erzählen, nie für die einzelnen Menschen interessiert, die sie fotografierte - habe nicht mit ihnen gesprochen und kaum mehr als jeweils ein paar Sekunden bei ihnen verbracht. Klick, klick, klick. Dann sei sie weitergegangen. Und weil sie ihre Aufnahmen mit einem Winkelsucher machte, also bei der Arbeit in eine ganz andere Richtung schaute, hat auch nur selten jemand bemerkt, dass er von ihr beobachtet wurde. „Ich bin keine Soziologin“, begründet sie diese Distanz. Wer jedoch etwas wissen will über den Alltag in den Straßen New Yorks während der dreißiger und frühen vierziger Jahre, über das Leben in solchen Wohnvierteln wie Spanish Harlem und der Lower Eastside, wie Brooklyn und der Bronx, kommt nicht umhin, ihr Werk zu studieren. Es sind lauter Einzelbilder, Schnappschüsse allesamt, aber am Ende fügen sie sich zu einem großartigen Soziogramm zusammen.

Mit mehr als dreihundert Bildern von Helen Levitt zeigt nun das Sprengel Museum in Hannover die bisher umfangreichste Retrospektive der mittlerweile vierundneunzig Jahre alten Fotografin. Eindrucksvoll spannt sich der Bogen von den frühen Arbeiten bis zu Farbaufnahmen aus den siebziger, achtziger und neunziger Jahren. Dabei wechselt nicht nur die Technik, sondern ein wenig auch der Ansatz, fast so, als habe Helen Levitt im Alter einen seltsamen Humor entwickelt, der sie auf die grotesken Seiten des Alltags blicken ließ, während sie früher selbst in Kinderspielen Augenblicke entdeckte, in denen der Ernst des Lebens zu einem Bild geronnen war. Vielleicht ist dieser veränderte Blick nichts anderes als Selbstschutz, ihre Reaktion auf die Veränderung der Umgebung, wo nun Dreck auf dem Bürgersteig liegt und in den Straßen Schrottautos abgestellt sind wie Sperrmüll, ohne dass irgendwer sich daran stört - denn längst ist die Straße zu einem fremden Raum geworden, zur Heimstatt für Obdachlose und Verwirrte.

Die Straße als Verlängerung des Wohnzimmers nach draußen

Wie anders zu Beginn ihrer Arbeit: Da war, zu einer Zeit ohne Klimaanlagen und ohne Fernseher, die Straße die Verlängerung des Wohnzimmers nach draußen. Mütter saßen auf den Treppenabsätzen und tratschten; Jugendliche imponierten vor kleinen Läden durch lässige Gesten und kecke Schritte dem jeweils anderen Geschlecht; vor allem aber tobten Kinder über die offensichtlich völlig verkehrsfreien Straßen, als handelte es sich um Spielplätze. Sie hüpfen selbstvergessen über das Trottoir oder jagen konzentriert Verbrecher, klettern auf Türbögen herum und stecken die Köpfe in Pappkartons, lauern hinter Mäuerchen und erschrecken mit gespenstischen Masken die Passanten. Wie Szenen eines Theaterstücks wirken diese Momente oder sogar eher noch wie Momente einer Ballettaufführung. Denn das Kinderleben wird zu einem berauschenden Tanz.

Nahtlos setzt sich dieser Schwung, diese impulsive Lebensfreude fort in den Kinderkritzeleien auf Hausfassaden und auf dem Asphalt. Und auch darauf richtet Helen Levitt ihren Fotoapparat. Dieser frühen Form der Graffiti widmete sie sogar ein eigenes Buch, gerade so, als wollte sie mit fast schon wissenschaftlichem Interesse eine eigenwillige Art von Ethno-Kunst dokumentieren. Aber das Bild dreier mit Kreide gezeichneter konzentrischer Kreise zeigt, worum es ihr tatsächlich ging. „Button to Secret Passage. Press“ steht in ungelenker Kinderschrift daneben. Genau das scheint immer ihr Antrieb gewesen zu sein: einen Geheimgang zu finden, der sich auf Knopfdruck öffnet - und vom alltäglichen Leben in eine verborgene Welt führt.

Überall im Alltag findet sie Motive des Traums

Ganz am Anfang ihrer Karriere, 1935, gerade zweiundzwanzig Jahre alt, hatte Helen Levitt den französischen Fotoreporter Henri Cartier-Bresson bei seinen Streifzügen durch New York begleitet. Später arbeitete sie als Assistentin beim Schnitt für Luis Buñuel. Umso mehr muss man sich wundern, dass sie so selten in den Umkreis der Surrealisten gestellt wird. Je länger man aber durch die Bilderschau geht, desto mehr begreift man, dass ihre Bilder nur wegen der Aufnahmeorte dokumentarischen Charakter besitzen - von den Moden der Zeit erzählen, der Kleidung etwa, den typischen Gesten oder der Reklame neben den Ladentüren. Und plötzlich versteht man, weshalb sie so ausdrücklich darauf hinweist, keine Soziologin zu sein. Hier ein Schlauch wie ein Rüssel, der zum Fenster heraushängt, dort ein Zeigefinger, der hinter einem Vorhang hervorschaut, einmal eine tote Katze und immer wieder Spielzeugpistolen in den Händen von Kindern, findet sie im Alltag überall Motive des Traums und bindet sie in eine bizarre Poesie des Schreckens. Um ein Idyll der Straße, um fröhliches Kindertreiben und gemütliche Plaudereien war es Helen Levitt nie zu tun. Sie suchte die Tragödie des Lebens.

Manchmal freilich konnten das auch ganz kleine Tragödien sein. So fragte sie einmal, als sie gerade ein weinendes Mädchen und einen lachenden Jungen fotografiert hatte, dann doch, was geschehen sei. Er habe ihr gesagt, soll der Junge erklärt haben, und zeigte dabei auf das Mädchen, dass sie niemals einen Mann bekommen werde.

„Helen Levitt“. Sprengel Museum in Hannover; bis 25. Mai. Das hervorragende zur Ausstellung erschienene Künstlerbuch kostet im Museum 29 Euro; die im Hatje Cantz Verlag erschienene Buchhandelsausgabe kostet 49,80 Euro.



Text: F.A.Z.

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