Von Mark Siemons
11. Mai 2007 Im Süden Chinas hat es in der Nähe von Hongkong und gleich neben der neuen Metropole Shenzhen eine Malerkolonie namens Dafen zu Berühmtheit gebracht, deren Anteil am Weltmarkt für kopierte Bilder heute auf sechzig Prozent geschätzt wird. Was in Hotelhallen und Wohnzimmern aller Kontinente an gerahmten Ölwerken hängt, hat also mehrheitlich hier seinen Ursprung. Die Produktionsweise ist zunehmend industriell, aber ausdrücklich nicht technisch: Garantiert hundert Prozent handgemalt auf Leinwand lautet etwa die Produktbeschreibung der dort ansässigen Shenzhen Arts Culture & Technology Company.
Was man in Dafen sehen kann, entspricht erst mal der Erwartung: jede Menge röhrende Hirsche und barbusige Blondinen, gerne auch Venedig, häufig die Krönung Napoleons und überhaupt viel neunzehntes Jahrhundert, und natürlich die Klassische Moderne, insbesondere Monet und van Gogh - all die Kunst also, die von jeher ein allgemein anerkanntes Zweitleben als Reproduktionsware führt. Man sieht aber auch, und da wird's mulmig, getreulich in Öl abgepinselte Werke von On Kawara oder Gerhard Richter - Bilder also, die gerade als Reaktion auf den optischen Schauder (Duchamp) und dessen Missbrauch in der gefälligen Vervielfältigung entstanden sind. Dafen steht für eine Erweiterung des reproduktiven Kitschbegriffs ins Zeitgenössische hinein, der einem die Sinne taumeln lässt.
Ein durchdachtes System
Vom bewachten Parkplatz aus geht der Besucher durch die Gassen des Dorfs wie durch ein kleines Montmartre; in manchen Verkaufsläden kann er sogar dem einen oder anderen Maler bei der Produktion zusehen. Man kommt an Werkstätten für Rahmen vorbei, an Transportunternehmen und an Verschlägen mit alten Druckmaschinen, die am laufenden Band Vordrucke auf Leinwand ausspucken, die dann nur noch übermalt werden müssen. Es ist ein komplettes System, bei dem alle nötigen Dienstleistungen ineinandergreifen. In manchen Firmen spezialisieren sich die Maler auf bestimmte Details, seien es Blumen oder Himmelsflächen, so dass die Bilder wie am Fließband hergestellt werden können. Über den nahe gelegenen Hafen und Flughafen von Hongkong können die Erzeugnisse über Zwischenhändler - vor allem einige Russen sollen damit reich geworden sein - rasch und reibungslos in alle Welt geliefert werden.
Angefangen hatte die florierende Kunstwirtschaft mit dem Unternehmer Huang Jiang aus Kanton, der in Hongkong das einträgliche Kopistenhandwerk gelernt hatte. 1989 zog er wegen der niedrigeren Lohnkosten in die damalige Sonderwirtschaftszone Shenzhen um und eröffnete dort mit zehn Angestellten die erste Malerfirma, die dann im Lauf der Jahre immer mehr Konkurrenz bekam. Heute sollen mehrere tausend Lohnmaler in Dafen tätig sein, Absolventen von Kunsthochschulen ebenso wie nicht einschlägig vorbelastete Wanderarbeiter, die die nötigen Handgriffe in kurzer Zeit lernen. Für viele sind die Mietkosten im Ort schon zu hoch geworden, und sie haben sich in umliegenden Baracken einquartiert.
Eine postideologische Situation
Insofern war es durchaus plausibel, dass das Kulturministerium 2004 die Siedlung zur kulturindustriellen Modell-Basis der Nation erklärte. Auf einem kleinen Platz wurde eine Leonardo-Statue aufgestellt. Doch da die neue Kulturpolitik der chinesischen Regierung prinzipiell keinen Unterschied zwischen Kultur und Kulturindustrie macht, wurde auch ein Museum in Dafen errichtet und eröffnet. Bis heute steht es leer: Was sollte man auch darin zeigen? Was die Lohnmaler in Dafen produzieren, ist ja das Gegenteil von dem, wie sich Museumskunst selbst versteht: Bilder, die durch nichts anderes als ihre Nachfrage definiert sind.
Ob Impressionismus, sozialistischer Realismus, Pop-Art (auch deren neuerdings beliebte chinesische Spielart, der Mao-Pop) oder das eigene Porträt, in ein beliebiges Meisterwerk hineinmontiert: Alles wird geliefert, die einzige Bedingung ist, dass jegliche individuelle Absicht, noch der geringste Anschein einer Autorschaft getilgt ist. Der Kunde erhält all die Bilder, die er schon kennt und die er haben will, aber nicht von einer Maschine, sondern von einem oder vielen anonym bleibenden Menschen. Es sind Urbilder des Marktes, die wie die byzantinischen Ikonen immer wieder neu gemalt werden, um der zugrunde liegenden Wahrheit - hier: dem Kundenwunsch - so nah wie möglich zu kommen. Wahrscheinlich ist dieses Modell nur im gegenwärtigen China denkbar: Nicht nur wegen der Billigkeit der Arbeitskräfte, sondern auch wegen der postideologischen Situation, die die Bilder und deren früher einmal beanspruchte Macht freigibt, die politische Repräsentation im nominell sozialistischen Staat ebenso wie jegliche Skrupel hinsichtlich künstlerischer Authentizität im westlichen Kulturbetrieb.
Der Mehrwert des Kopisten
Hat aber das Extreme dieser Verschiedenheit vom Museumskunstbegriff, betrachtet man es von einem sehr abstrakten Blickwinkel aus, nicht wieder etwas von der Radikalität eines Kunst-Statements? Ist die ausschließliche Nachfrage-Orientierung nicht wie der Wiedergänger eines Marktgesetzes, dem auch die autonomste Kunst nicht entgehen kann? Und realisiert die Anonymität dieser Bilderproduktion nicht die Sehnsucht nach einem Verschwinden des Künstler-Ichs, wie sie durchaus auch von mancher neuerer Kunst gepflegt wird (auf vollkommenere Weise allerdings, als es dieser recht wäre)?
Angesichts solcher Irritationen ist es kein Wunder, dass sich jetzt gleich zwei deutsche Künstler von der chinesischen Siedlung herausfordern ließen. Der Konzeptkünstler Christian Jankowski hat für sein Projekt The China Painters einigen der Lohnmaler Fotos aus den leerstehenden Innenräumen des neuen Museums in Dafen gegeben. Er beauftragte sie damit, die Fotos abzumalen und in das leere Museum Gemälde ihrer Wahl hineinzumontieren. So wurden die als bloße Wirtschaftsprodukte gehandelten Werke, von Landschaftsbildern bis zu der Freiheit, die das Volk führt, bei Delacroix, wieder mit der Kunstwelt in Beziehung gesetzt, und der Kopist erzeugt plötzlich etwas, was in der Kunstwelt als Mehrwert anerkannt wird - freilich auf Anweisung, und als aus der Anonymität heraustretender Künstler kommt wieder nur der Auftraggeber in Betracht. Der Fotograf Michael Wolf ging in seiner Serie Copy Artists umgekehrt vor: Wie auf dieser Seite zu sehen, porträtierte er die Maler zusammen mit ihren Werken in eben den Hinterhöfen, in denen diese entstanden. So holt er das imaginäre Museum des mal verachteten, mal ehrfürchtig respektierten globalen Kunstgeschmacks wieder auf den nur allzu realen Boden einer harten Akkordarbeit zurück, die beim Verkauf in China oft nicht mehr als fünfzig Yuan, also fünf Euro, pro Bild abwirft.
Text: F.A.Z., 05.05.2007, Nr. 104 / Seite Z3
Bildmaterial: LAIF, Michael Wolf/LAIF