Comic

Der Mann ohne Namen

Von Andreas Platthaus

Der Zeichner und sein Held: Will Eisner und “The Spirit“

Der Zeichner und sein Held: Will Eisner und "The Spirit"

05. Januar 2005 Wir kannten das Todesdatum seines größten Helden: Denny Colt alias „The Spirit“ wurde 1970 erschossen, wie man 1951 in einer Comic-Erzählung von Will Eisner lesen konnte, die den Titel „Future Death“ trägt. Aber Eisner selbst wirkte unsterblich. Bis zuletzt saß der Siebenundachtzigjährige täglich acht bis zehn Stunden am Zeichenbrett und schrieb Comic-Geschichte.

Seine erste Arbeit trug den Titel „At the ,Forgotten' Ghetto“. Da war William Erwin Eisner sechzehn Jahre alt, und er wußte, wovon er sprach. Am 6. März 1917 in Brooklyn geboren, wuchs er in einem jüdischen Viertel der Bronx auf, wo damals schon nur die Elenden zurückgeblieben waren - und nur weitere Elende zuzogen. Immerhin reichte es für Will zum Schulbesuch, und bei der Schülerzeitung des DeWitt Clinton College brachte er sein Debüt unter, in dem das Thema vorgegeben wurde, das ihn nicht mehr loslassen sollte: die Erinnerung an seine Bronx.

Der Blick auf den Alltag

Selbst der von 1940 bis 1952 publizierte „Spirit“, der ihn berühmt gemacht hat, ist geprägt von Eisners Blick auf den Alltag in New York: „Alle Erlebnisse im ,Spirit' waren meine eigenen“, hat er 1978 erklärt, als er als Sechzigjähriger zum größten Schritt seiner Karriere ausholte und dafür den Begriff des „Gezeichneten Romans“ (graphic novel) erfand. Angesichts dieser neuen Pläne behauptete er: „Ich bin kein Ernest Hemingway, aber ich möchte es gern werden.“ Dabei war er es längst: durch den „Spirit“.

Jede Woche, zwölf Jahre lang, war eine siebenseitige Geschichte erschienen - immer sonntags im Rahmen eines sechzehnseitigen Supplements, das amerikanischen Tageszeitungen beigelegt wurde. Bald hatte es eine Auflage von fünf Millionen pro Woche, und der „Spirit“ wurde zur Sensation.

Graphisches Geschick

Das lag an Eisners graphischem Geschick, beginnend bei der ersten Seite einer jeden Geschichte, die trotz knappsten Raums als ganze für ein einziges Bild geopfert wurde, das aber durch seine Gestaltung und die virtuos integrierten Textteile eine unentbehrliche Vorbereitung auf Inhalt und vor allem Stimmung der folgenden Erzählung ist.

Denny Colt galt als tot, bekämpfte aber maskiert von einem Geheimversteck aus das Böse. Sosehr das nach bloßem Plagiat der schon erfolgreich etablierten Superhelden Batman und Superman klingt (und auch so gemeint war), so ganz anders gestaltete Eisner die Abenteuer. Er erzählte gereimt oder im Ton eines Romans aus dem neunzehnten Jahrhundert, es gab stumme „Spirit“-Geschichten und solche, in denen der Held nur am Rande auftrat. Mehr und mehr entfaltete Eisner am Beispiel der fiktiven Central City das Porträt New Yorks und seiner Bewohner.

Die verkannten kleinen Leute

Einer davon, Eisners besonderer Liebling Gerhard Schnobble, trat nur einmal 1948 in einer „Spirit“-Erzählung auf. Schnobble kann fliegen, aber niemand glaubt es ihm. Als er sich eines Tages entschließt, vor aller Augen von einem Wolkenkratzer zu schweben, kommt ihm eine Verfolgungsjagd des „Spirit“ in die Quere: Eine verirrte Kugel trifft ihn in der Luft, und er stürzt auf das Pflaster, bevor irgend jemand bemerkt hat, daß er geflogen ist. Eisner sah in dieser Geschichte eine Allegorie auf das Bemühen so vieler kleiner Leute, in ihrer Besonderheit wahrgenommen zu werden, ohne daß es jemals gelänge.

Er selbst war das Gegenbeispiel: eine Legende, Vaterfigur eines ganzen Genres. Das hängt mit seinem Atelier zusammen, in dem der kaum Zwanzigjährige seine talentierten Generationsgenossen ausbeutete (wie Eisner später freimütig einräumte); nur Jerome Siegel und Joe Shuster ließ er sich trotz deren Angebot, für ihn zu arbeiten, samt Superman durch die Lappen gehen.

Die wichtigste Auszeichnung: der Eisner

Aber unter ihm schufteten irgendwann alle anderen Großen des sogenannten Golden Age im amerikanischen Comic: der Batman-Zeichner Bob Kane, Jules Feiffer, Wallace Wood, Al Feldstein, der phantastische Jack Cole, Joe Kubert (der 1938 als Zwölfjähriger zum Kaffeekochen eingestellt wurde) und vor allem Jack Kirby, der das Superhelden-Genre auf eine völlig neue Basis stellen sollte. Kirby nennt man in Amerika den „King of Comics“; für Eisner gibt es erst gar keinen Begriff. Aber 1988 benannte man nach ihm die wichtigste Comic-Auszeichnung. Seitdem werden Jahr für Jahr die Eisners verliehen.

Kein anderer Comic-Zeichner kann zudem für sich in Anspruch nehmen, mehr für die Entwicklung seines Fachs geleistet zu haben. Wie Eisner durch kleine, schmale Bilder und dann wieder spektakuläre Seitenarrangements die Tempi seiner Erzählungen variierte, das hatte man nicht einmal auf den Sonntagsseiten der Frühzeit des Zeitungs-Comics gesehen. Er ist oft als Adept des Kinos bezeichnet worden, aber welcher Regisseur hätte jemals die Leinwand während des Films eingeengt oder von der Horizontalen in die Vertikale gekippt? Eisenstein wollte es, aber die technischen Mittel fehlten ihm. Eisner besaß nur Papier und Tusche, doch damit ging alles.

Ein Vertrag mit Gott

1978, nach langen Jahren als Zeichner von Ausbildungs-Comics für das amerikanische Militär, erschien dann sein erster „Gezeichneter Roman“: „A Contract With God“, eigentlich eine Kurzgeschichtensammlung, die einen ganz neuen Stil in den Comic einführte. Schreiben ohne Rücksicht darauf, wieviel Platz man braucht - das war Eisners Definition dieser Gattung, und so entstanden Arbeiten, die Hunderte von Seiten umfassen konnten oder eben nur ein paar Dutzend. Nahezu alle sind in der Bronx seiner Kindheit angesiedelt, und es gibt für dieses Thema keine bessere literarische Quelle. Dafür wurde Eisner selbst eine. In dem mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichneten Roman „Kavalier und Clay“ gestaltete Michael Chabon seine Helden als Kombination aus Kirby und Eisner.

Seine theoretischen Studien „Graphic Story Telling“ und „Comics and Sequential Art“ entstanden aus der Lehrtätigkeit an der School of Visual Arts in New York, wo Eisner von 1973 an eine neue Generation prägte. Bis zuletzt arbeitete er an einem Sach-Comic über die Entstehung der „Protokolle der Weisen von Zion“, dessen deutsche Ausgabe, „Die Verschwörung“, im Sommer bei der DVA erscheinen soll. Will Eisner wird sie nicht mehr sehen. Er ist am Montag in Fort Lauderdale nach einer Herzoperation gestorben. Jetzt kennen wir nicht nur sein Todesdatum, sondern das einer Ära.

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 06.01.2005, Nr. 4 / Seite 31
Bildmaterial: AP

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