Disneys Zeichner

Die Spielwütigen

Von Patrick Bahners

13. September 2004 Gebt ihm eine Perücke! Der kann die Hexe spielen! Lustig ging es zu bei den Proben für "Schneewittchen und die sieben Zwerge", den ersten abendfüllenden Spielfilm aus dem Disney-Studio. Der Zauber wirkte, und aller Skepsis der Branche zum Trotz wurde der Film ein historischer Erfolg. Aber wieso gab es Proben? Es tritt doch gar kein Schauspieler auf. Alles ist gezeichnet, das ist der Trick. Ging nicht Skizzieren hier über Studieren?

Die Vermenschlichung der Tiere, das Wunder, daß der Kinozuschauer um das Überleben von Kunstfiguren bangt, die ersichtlich gemacht waren, um zerquetscht und zerfetzt zu werden, glückte den Disney-Zeichnern, weil sie nicht nur mit dem Stift arbeiteten, sondern sich mit Haut und Haar in ihre Geschöpfe verwandelten. Das Grimassenschneiden, das viele Fotografien aus der goldenen Zeit des Studios dokumentieren, war nicht nur Entlastung für Kreative unter Hochdruck, die weit mehr verwerfen mußten, als sie verwenden konnten.

Fabelwesen als Menschen

Von den Charakteren her wurden die Filme konzipiert, und der Schaffensprozeß war eine Scharade: Gestalten wurden dargestellt, die erst noch zu erfinden waren und doch wiedererkennbar sein sollten. Buchstäblich aus der Luft wurden sie gegriffen, aus der Atmosphäre der gemeinschaftlichen ernsten Arbeit am spaßigen Produkt, des enorm anstrengenden, aber auch extrem vergnüglichen Ringens um die Pointe. Unter den künstlichen Bedingungen des Büroschabernacks lernten die Fabelwesen, sich wie Menschen zu benehmen, viel seltsamer und viel liebenswürdiger als bei Äsop.

In dieser hochprofessionellen Laienspieltruppe war Walt Disney nicht nur der Regisseur. Viele Hauptpartien sprach er selber vor, Mickey Mouse lieh er seine Stimme. Aber wenn der junge Hexenmeister sich wegbegab, um den freien Lauf der Phantasie seiner Angestellten nicht zu blockieren, dann war unter den Zauberlehrlingen Frank Thomas, der jetzt im Alter von zweiundneunzig Jahren verstorben ist, derjenige, in den der größte Teil von Disneys unheimlichem Verwandlungstalent schoß.

Der unverwechselbare Touch

Thomas spielte sozusagen Walt, die heimliche Hauptfigur aller Disneyfilme, wenn er die Kollegen antrieb, aus sich herauszutreten und die eigenen Geisteskinder in den Raum zu stellen. Niemand prägte in gleichem Maße wie Thomas den Stil, der in aller Welt als Disneys Handschrift erkannt wird, als der wie bei Lubitsch unverwechselbare touch. Bei Disney ist das charakteristische Produkt jener unmerklichen Berührung mit dem Zauberstab, die ein Kunstwerk, das fast zu perfekt scheint, zum Leben erweckt, die Virtuosität des Anrührenden, eine Sentimentalität, die dem Kritiker just in dem Moment die Sprache raubt, da er den Kitschverdacht äußern will. Das Meisterstück gelang Thomas mit "Bambi".

Disney ließ ihn häufig mit Milt Kahl ein Team bilden: Kahl war das zeichnerische Naturtalent, Thomas der geborene Schauspieler. "Neun alte Männer" tüftelten gemeinsam die klassischen Disneyfilme aus. Sie waren alle noch so jung wie ihr Chef, als er ihnen Roosevelts Bezeichnung für den Obersten Gerichtshof als Spitznamen verpaßte, und hatten Zeit, in Disneys Diensten dann wirklich alt zu werden und den Zeichentrick für Jahrzehnte zu bestimmen.

Die Summe des Papiertheaters

Was ist ein Tragöde? Ein Schauspieler, den niemand kennt. Da auch dem Trickfilmer die Nachwelt keine Kränze flicht, errichtete Thomas selbst gemeinsam mit seinem Studienfreund Ollie Johnston das Monument für die glorreichen neun, von denen nun nur noch Johnston lebt: "The Illusion of Life", ihr mit zahllosen Sequenzen illustriertes Buch von 1981, ist die Summe des Papiertheaters. Hier wird erzählt, wie in Balu, den Bären mit wenig Verstand, der ursprünglich im "Dschungelbuch", dem letzten von Disney überwachten Film, nur eine Nebenrolle spielen sollte, die Stimme des Schauspielers Phil Harris fuhr.

Ein unverkennbarer Typ, der da dieses Dubidu sang - aber was für einer? Die Zeichner lernten ihn kennen, indem sie sich ausmalten, er wäre ihr Kollege. Gemütlich hätte er sich eingerichtet in seinem Büro, überall Papier, Füße auf dem Tisch, Kaffeeränder und Kekskrümel auf den Zeichnungen. Man solle nur hineinkommen, sich auch einen Keks nehmen und sich erst einmal hinsetzen. Problem nur: kein freier Platz.

Es kam Thomas darauf an, den Entschluß Balus, sich des Menschenkindes anzunehmen, das im Urwald mit ihm zusammengestoßen ist, als Instinkthandlung darzustellen. "Der Kleine bringt sich noch um, wenn er weiter große Kerle anrempelt! Das ist kein geistiges Problem, sondern ein körperliches und liegt keineswegs jenseits des Bärenhorizonts." Was bedeutet die Bewegung? Man versteht die Illusion des Lebens, die Spontaneität des Körpers, ohne die Ideen zu kennen, die von den Zeichnern durchprobiert worden sind. Alles Rollenspiel wäre für das brave Tier zu hoch gewesen. Aber jedes zappelige Menschenkind darf hoffen, daß auch in ihm ein grundgütiger Bär steckt.



Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 14.09.2004, Nr. 214 / Seite 33
Bildmaterial: AP

 
FAZ.NET Suchhilfe
F.A.Z.-Archiv Profisuche