Fotografie

Bilder aus dem Chemiebaukasten

Von Andreas Platthaus

Wei Na: New Clothes

Wei Na: New Clothes

08. November 2006 Daß neben der gegenwärtig durch Deutschland wandernden sensationellen Fotoausstellung „Humanism in China“ (siehe: MMK-Ausstellung: „Humanism in China“) nun in Mannheim eine weitere große Überblicksschau zur chinesischen Fotografie gezeigt wird, ist zunächst einmal erfreulich. Denn nach Jahren der einseitigen Rezeption, in der China zum begehrten Objekt westlicher Fotografen wurde, wird nun auch der Reichtum einheimischer Beobachter sichtbar, der den wegen der fernöstlichen Dynamik ebenso faszinierten wie bisweilen delirierenden Blick um Innenansichten ergänzt, die von Außenstehenden nicht zu erwarten sind. „Humanism in China“ ist trotz des Titels keineswegs eine blinde Beschwörung eines Sozialismus mit menschlichem Antlitz, sondern eine scharfsinnige und häufig auch scharf anklagende Dokumentation der chinesischen Entwicklung, seit die Kommunisten an die Macht kamen. Was liefert demgegenüber die Mannheimer Schau, die die noch unverfänglichere Bezeichnung „FotoChina“ trägt?

Ihre Organisatoren grenzen sich von „Humanism in China“ deutlich ab, wenn sie ihrer Ausstellung das Attribut „kreative Fotografie“ verleihen. In der Tat: In Mannheim spielt die Dokumentation als Aufgabe der Fotografie kaum eine Rolle, es herrschen experimentelle Versuche vor, die mit allen Mitteln von der Montage bis zur digitalen Bearbeitung modern erscheinen wollen. Man merkt, daß hier junge Fotografen am Werk waren, die die Möglichkeiten ihres Mediums ausreizen wollen und sich darum bemühen, den Anschluß an die internationalen Trends nicht zu verpassen. Da so das Motiv gegenüber dessen technischer Bearbeitung in den Hintergrund tritt, ist freilich das spezifisch Chinesische, das in „Humanism in China“ dank der allein inhaltlich begründeten Auswahl für jeden Betrachter evident war, im Falle von „FotoChina“ nur noch durch die Herkunft der Bilder präsent, nicht mehr durch ihren Gegenstand. Nur einem mit der chinesischen Bildtradition vertrauten Besucher werden bestimmte Details oder einzelne visuelle Anspielungen verständlich sein, und leider geizt die Präsentation mit Erläuterungen.

Mehr als hundert Fotografen

Insgesamt werden im Mannheimer Reiss-Engelhorn-Museum und dem ihm benachbarten Zephyr-Raum Arbeiten von mehr als hundert chinesischen Fotografen gezeigt. Sie sind die Gewinner eines im vergangenen Jahr ausgeschriebenen Wettbewerbs, der anläßlich der Einweihung einer neuen Produktionsstätte der BASF in Nanking von dem deutschen Chemiekonzern in Zusammenarbeit mit der chinesischen Fotografin Xiao Hui Wang veranstaltet wurde. Als Motto wurde „Faszinierende Zukunft in Harmonie“ gewählt. Alle Chinesen waren aufgerufen, sich zu beteiligen, und immerhin 26.000 Fotografen reichten Bilder ein.

Sonderlich kritische Aufnahmen vom Leben in China durfte man bei diesem Wettbewerbsmotto und auch angesichts des Interesses der BASF an einem gedeihlichen Auskommen mit der politischen Führung nicht erwarten. Unter den Preisträgern dominieren denn auch optimistische Motive: Privates Wohlergehen, Verständigung zwischen den Generationen, Einklang mit der Natur und prosperierende Wirtschaft sind gerngewählte, oft allegorisch behandelte Themen - durchaus im Einklang mit der chinesischen Tradition, die schon immer eine Vielzahl von bildlichen Glückssymbolen kannte, die hier denn auch fleißig zitiert werden. Nur vereinzelte Aufnahmen wie etwa eine Serie von fünf Fotos mit kleinen Abbruchhäusern vor gewaltigen Wolkenkratzern, der Hongshuo Cai den Titel „Organic and Inorganic“ gegeben hat, bieten einen zwiespältigen Blick, der es dem Betrachter überläßt, die Zuordnung der jeweiligen Architektur zum Organischen oder Unorganischen vorzunehmen. Das ist aber auch schon der mutigste Beitrag der gesamten Ausstellung.

Zuviel Gefälligkeitsfotografie

Obwohl eine unabhängige internationale Jury die Preisträger bestimmte, gibt es viel zuviel Gefälligkeitsfotografie zu sehen. Der Gipfel wird erreicht mit drei identischen Abzügen eines Bilds, das eine Straßenszene zeigt, in die der Fotograf Xu Zheng jeweils ein anderes Graffito eingesetzt hat: „Do you know BASF?“ steht auf dem ersten Bild, das zweite antwortet auf chinesisch: „ja“, und das dritte ergänzt: „Die gibt es überall.“ Immerhin vermied die Jury die Peinlichkeit, Xu zum Preisträger der Rubrik „BASF Special Award for Creative Photography“ zu machen, die Arbeiten auszeichnete, die sich an der Corporate Identity des Konzerns orientieren - obwohl auch da genug Anbiederndes zu sehen ist -; aber daß solch ein Reklamemotiv überhaupt prämiert wurde, zeigt, daß hier den mutmaßlichen Erwartungen des Sponsors recht willfährig entsprochen wurde. Bisweilen kann man sich gar des Verdachts nicht erwehren, die chemischen Manipulationen mancher Bilder sollten auch eine Hommage an die BASF sein.

Ob die Betonung von „Kreativität“ der Auswahl gutgetan hat, darf man also füglich bezweifeln, und ob wir es hier tatsächlich mit Kreativität zu tun haben, noch mehr. Natürlich ist dieser Ausschnitt nicht repräsentativ. Aber daß man ihn uns als Bestandsaufnahme der jungen chinesischen Gegenwartfotografie anbietet, ist bezeichnend für einen Ausstellungsbetrieb, der mit chinesischen Werken welcher Art auch immer die Zukunft der Kunst auszustellen meint, ohne dafür bereits ästhetische Kriterien zu besitzen. Auf diese Weise aber wird das westliche Publikum von China schnell übersättigt sein.

Bis zum 7. Januar. Der englisch- und chinesischsprachige Katalog kostet 29,80 Euro.



Text: F.A.Z., 08.11.2006, Nr. 260 / Seite 40
Bildmaterial: Reiss-Engelhorn-Museum

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