23. September 2005 Soviel rot war selten. Sechs haushohe Kuben stehen seit Donnerstag abend in der gläsernen Halle der Neuen Nationalgalerie, alarmrote Würfel, die von roten Wegen miteinander verbunden werden und auf den ersten Blick aussehen, als habe Giorgio De Chirico hier eine Westernstadt für die Sozialdemokratie errichtet - und vielleicht war es das intensiv strahlende Rot dieses kleinen Kunst-Pueblos, das den Bundeskanzler bei seinem ersten öffentlichen Auftritt nach der Wahlnacht so sichtlich erfreute. Male Lago heißt die Ausstellung - nach einem Western, in dem Clint Eastwood als Rächer eine ganze Kleinstadt zwingt, alle Häuser rot zu streichen.
In der quietschroten Miniaturstadt findet sich eine der größten Ausstellungen, die dem Werk des Düsseldorfer Malers Jörg Immendorff bisher gewidmet wurde. Die Retrospektive zeigt über hundert Arbeiten aus vier Jahrzehnten, von den spätdadaistischen LIDL-Arbeiten der sechziger Jahre über den düster-lakonischen Cafe Deutschland-Zyklus, der das Historienbild als überhitzte Vision wiederauferstehen ließ, bis zu den jüngsten Affenskulpturen und den an Motiven der Renaissance orientierten Arbeiten, die Immendorff aufgrund seiner fortschreitenden Lähmung von Schülern malen ließ.
Das Geräusch der Kinderrassel
Die sechs signalroten Pavillons sind auch eine Hommage an Immendorffs frühe Entwürfe einer LIDL-Stadt - einer experimentellen Papiersiedlung, die Teil jener Aktionen war, mit denen der junge Immendorff in den sechziger Jahren die wirtschaftswunderliche Wohlstandsrepublik durcheinanderbrachte. LIDL war ein Nonsens-Wort, entstanden aus dem Geräusch einer Kinderrassel, das dem Beuys-Schüler Immendorff als Oberbegriff für seinen zahlreichen spätdadaistischen Auftritte diente.
LIDL war, wenn der ehemalige KPD-Anhänger und Maoist 1969 mit einem schwarz-rot-gold bemalten Holzklotz vor dem Bundeshaus in Bonn auf- und abspazierte; LIDL im Geiste waren auch die kleinformatigen Bilder, die den Kunstbetrieb mit Titeln wie Hört auf zu malen aus der Bahn zu werfen versuchten. Oft ersetzte die Schrift den gezeigten Gegenstand und stellte Fragen nach der Darstellbarkeit der Dinge und der Bildmacht der Sprache; auf einem Bild ist nur Rennendes Pferd - Wiese - hauender Adler zu lesen, ein kleines, sperriges Poem. Schon früh wollte Immendorff mit seiner Kunst Enterhaken im politischen Alltag und im nationalen Selbstverständnis setzen - ein Bild heißt Deutsche Farben, das sonnige Gelb drängt darauf einen roten und einen schwarzen Streifen weit an den Bildrand.
Man werde sich beeilen müssen
Am Abend der Eröffnung, zu der neben Immendorff auch der Bundeskanzler angereist war, trat Peter Raue, der Vorsitzende des Vereins der Freunde der Nationalgalerie, zuerst ans Mikrophon und berichtete mit dem notwendigen Ernst von der Genese der großen Retrospektive: Daß man ursprünglich eine Ausstellung von Jörg Immendorff erst für 2010 vorgesehen habe, daß der schwerkranke Maler allerdings erklärt habe, wenn er die Schau noch erleben solle, werde man sich beeilen müssen.
Nach der ebenso herzlichen wie ernsten Ansprache Raues ergriff der Museumsgeneraldirektor Peter-Klaus Schuster das Wort. Immendorff sei ein Führender mit einer theatralischen Sendung, der uns zeige, was wir noch zu erwarten haben, raunte Schuster in den Raum und ließ ein Stakkato von Seltsamkeiten folgen, die angesichts von Immendorffs schwerer Krankheit beklemmend wirkten: der Künstler überlebe durch Kunst - in der Nationalgalerie - dem Tempel - er mußte diesen Tempel besetzen und es ist ihm gelungen - und heute (hier hob sich die Stimme des Festredners, als schwebe er auf einer Wolke aus Fliederduft, Öl und Pathos hoch oben über dem Saal) - feiern wir die - Gewalt der Malerei von Jörg Immendorff.
Feier der Gewalt
Die mit Geistreichlichkeiten (Das Museum ist eine - Muse für den Künstler) parfümierte Feier der Gewalt durch den Generaldirektor gipfelte in Schusters Lob für eine grandiose Volontärin, gegen das Schröders öffentliche Liebeserklärung an Doris ein Paradebeispiel für emotionale Zurückhaltung war. Sie waren - wunderrrrbarrrrr, schnurrte Schuster ins erstaunte Publikum hinein, und man hatte das Gefühl, die belobigte Person hätte in diesem Moment gern eine Falltür unter sich gehabt, die sie unauffällig zu den bereitstehenden Schnittchen ins Untergeschoß des Hauses befördert hätte.
Es folgte der Auftritt eines nachdenklich wirkenden Bundeskanzlers, der vors Publikum trat wie ein Chef, der beim Betriebsfest ein wenig über die Stränge geschlagen hatte. Schröder erklärte, der Herr Schuster solle mal für ihn in die nächste Talkshow gehen, dann werde es nicht so krawallig, um dann in gewohnt bodenständig-warmherziger Manier seinen Freund Jörg als Botschafter Deutschlands in aller Welt und dessen Aktionen und Bilder als kluge Diagnose der Zeit zu loben.
Ein gallischer Häuptling
Später, als alle Reden gehalten waren, sah man Schröder mit seiner Entourage durch die hysterisch rote Kunststadt spazieren, während draußen die lichtarme Berliner Nacht immer schwärzer wurde, und ein wenig erinnerte der Kanzler dabei an einen gallischen Häuptling, dessen Dorf erbitterten Widerstand leistet gegen die römischen Legionen vor der Tür. Währenddessen diskutierten die zahlreich erschienenen jüngeren Künstler über die politische Lage; der Maler Daniel Richter fuchtelte auf einen Vordenker des konservativen Lagers ein und verteidigte Schröders Gutelaunekrawall in der Wahlnacht; Veronica Ferres, die sich für die Finanzierung der Ausstellung eingesetzt hatte, spazierte an einem Bild von 1984 vorbei, das Anbetung des Inhalts heißt, eine Person zeigt, die durch abstraktes Farbrauschen einem gemalten Gesicht entgegenschwebt und offenbart, daß vieles, was Immendorff malt, auch ein energisch in Farbe gepreßter Kommentar auf die Formfragen der Malerei ist.
Und dann, später am Eröffnungsabend, sah man den Kanzler lächelnd an einer großen Fahne vorbeiflanieren, auf der stand: L'autre, c'est moi; und spätestens in diesem Moment war es Immendorff wieder einmal gelungen, einen surrealen Kommentar auf die Lage der Nation zu schaffen.
Text: F.A.Z., 24.09.2005, Nr. 223 / Seite 35
Bildmaterial: AP, Collection Van Abbemuseum, Eindhoven, The Netherlands, ddp, dpa, dpa/dpaweb, Jörg Immendorff, Jörg Immendorff, courtesy Galerie Michael Werner Köln und New York, Jörg Immendorff, courtesy Galerie Michael Werner, Köln und New York, REUTERS, Verein der Freunde der Nationalgalerie