Von Julia Voss
11. Februar 2008 Kunstraub betrifft uns alle - das ist der bittere Schluss, der aus dem jüngsten Ereignis gezogen werden muss. Wie die Schweizer Polizei am gestrigen Tag mitteilte, ist die berühmte Züricher Sammlung Bührle durch bewaffnete Täter am Sonntag ausgeraubt worden; gestohlen wurden Ölgemälde von Cézanne, Degas, van Gogh und Monet im Wert von mehr als 110 Millionen Euro.
Auffällig an der Tat ist inzwischen nur noch, dass sie in einer nicht abreißenden Serie von Kunstdiebstählen steht. Es sind keine Einzelfälle mehr, keine Steinschläge, die mal hier oder dort in ein Haus hineinkrachen - es ist ein Erdrutsch, der unsere gesamte Museumslandschaft zu überrollen droht. Ein kurzer Blick zurück genügt, um das Ausmaß zu erfassen: Erst am vergangenen Mittwochabend waren aus einer Ausstellung in der Gemeinde Pfäffikon, südlich von Zürich, zwei Gemälde von Pablo Picasso entwendet worden, wobei es sich um Leihgaben aus dem Sprengel Museum in Hannover handelt.
Eine humanere Form des Kidnappings
2007 wurden zwei Gemälde und eine Zeichnung von Picasso aus der Wohnung seiner Enkelin gestohlen, 2004 überfielen zwei Bewaffnete das Munch-Museum in Oslo, 2003 stahlen Unbekannte einen Leonardo da Vinci aus einem schottischen Schloss, 2002 entwendeten Einbrecher neun Gemälde aus dem Berliner Brücke-Museum, 2000 stürmen Bewaffnete das Nationalmuseum in Stockholm und erbeuteten einen Rembrandt und zwei Renoirs.
An den kunstverrrückten Milliardär, der auf dem Schwarzmarkt gestohlene Meisterwerke für eine heimliches Kellermuseum erwirbt, wird dabei niemand mehr glauben. Ziel des Art-Nappings, der humaneren Form des Kidnappings, sind Lösegelder, die Besitzer oder Versicherungen oft an der Polizei vorbei zu zahlen bereit sind, getarnt als Belohnung für Hinweise zur Wiederbeschaffung. Die Folgen bekommen wir alle zu spüren: Kunstraub ist zu einem lukrativen Betätigungsfeld des organisierten Verbrechens aufgestiegen. Die Versicherungssummen für den Leihverkehr werden damit zunehmend unbezahlbar, die Museen blicken einer Zukunft als Hochsicherheitstrakt entgegen. Der Kunstraub wird nur dadurch einzudämmen sein, dass keine Lösegelder mehr gezahlt werden. Auch Sammlungen dürfen nicht erpressbar sein.
Text: F.A.Z., 12.02.2008, Nr. 36 / Seite 31
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