Michael Eissenhauer im Interview

Zur Restitution gibt es keine Alternative

Michael Eissenhauer, künftiger Generaldirektor der Staatlichen Museen zu Berlin

Michael Eissenhauer, künftiger Generaldirektor der Staatlichen Museen zu Berlin

22. August 2008 Museen sind Orte der kulturellen Überlieferung. Doch der Fortschritt macht auch an ihren Türen nicht Halt. Michael Eissenhauer, künftig der mächtigste Museumsdirektor Deutschlands, stellt sich der Frage, wie viel Gegenwart das Museum verträgt.

Herr Eissenhauer, Sie sind amtierender Präsident des Deutschen Museumsbundes und noch Direktor der Staatlichen Museen Kassel, die seit 2006 Museumslandschaft Hessen Kassel heißen. Unter Ihrer Leitung wurde gerade eine Entschädigung für ein Bild gezahlt, das die Nationalsozialisten aus jüdischem Besitz geraubt hatten. Kommt mit den Rückgabeforderungen eine Krise auf die deutschen Museen zu?

Das kann ich nicht erkennen, denn für uns ist das Washingtoner Abkommen absolute Handlungsgrundlage. In diesem zwischenstaatlichen Abkommen ist geregelt, dass verfolgungsbedingt entzogene Kulturgüter ihren jüdischen Besitzern restituiert werden sollen. Die Staaten, die dieses Abkommen unterschrieben haben, haben sich darauf geeinigt, unabhängig vom bestehenden Recht. Die Verjährungsfrist wurde damit also bei uns außer Kraft gesetzt.

Zur Frage der Verjährung haben sich recht schrille Gegenstimmen gemeldet – auch innerhalb der Museen?

Der Deutsche Museumsbund war in der von Kulturstaatsminister Bernd Naumann eingerichteten Arbeitsgruppe zur Provenienzforschung mit einem Sitz vertreten. Wir haben an der Handreichung mitgearbeitet, sie Satz für Satz mit durchgeknetet. Zu Restitution gibt es, wenn der Fall eindeutig ist, keine Alternative.

Das Deutsche Historische Museum hat eine Datenbank zum „Sonderauftrag Linz“ ins Netz gestellt, zugleich entstehen große kunsthistorische Datenbanken wie das Bildportal Kunst, dem sich die Kasseler Museen angeschlossen haben. Trotzdem hinkt Deutschland, was die Digitalisierung von Museumsobjekten angeht, noch weit hinterher. Warum?

Es kommt immer darauf an, mit wem man sich vergleicht. Im internationalen Vergleich liegen wir weit hinter den großen amerikanischen Museen, ihre nationalen Sammlungen sind bereits im Netz verfügbar. Im Vergleich zum Rest von Europa stehen wir aber recht gut da. Dabei muss man auch berücksichtigen, dass die deutsche Museumslandschaft mit ihrer föderalen Struktur ein Sonderfall ist.

Zugespitzt gefragt: Stellt die digitale Revolution die deutschen Museen vor Aufgaben, für die das Personal und die Mittel fehlen?

Sie können sie bewältigen, aber es braucht Zeit. Was ich aber bemerkenswert finde: Es gibt keine Diskussion mehr darüber, ob man ein Kunstwerk – das war vor fünf Jahren noch anders – überhaupt im Netz verfügbar machen sollte. Ich bin ein ausgesprochener Befürworter davon. Seit den siebziger Jahren wurde darüber debattiert, wie die Schwellenangst für Besucher gesenkt werden soll. Die unmittelbare Folge war, dass die Museumseingänge aus der zentralen Gebäudeachse herausgerückt worden sind und immer verschämter an die Seite rutschten – bis hin zu K20, damals noch Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, wo der Eingang unter dem Haus versteckt wurde, wo kein Mensch ihn findet. Zugang für alle erreichen wir heute wirklich über das Internet.

Vom Personalmangel sind vor allem kleine Museen betroffen. Wenn die Öffentlichkeit durch das Internet erreicht wird und den kleinen Museen die Mittel fehlen, ist dann unsere föderale Museumskultur bedroht?

Das würde ich nicht sagen. Unsere Museumslandschaft profitiert offenbar von einem Mitnahmeeffekt. Im Fokus stehen natürlich die großen Häuser, über deren Ausstellungen schreiben Zeitungen, sie tauchen in den Medien auf. Aber das breite Publikum wird dadurch für das Stichwort Museum sensibilisiert und besucht das Museum vor Ort.

Die Einwohner von Offenburg lesen, dass in Hamburg eine Ausstellung stattfindet, und gehen ins Heimatmuseum?

Ja, das ist so. Hinter der statistisch beeindruckenden Zahl von 108 Millionen Museumsbesuchen im Jahr 2007 verbergen sich auch die Besucherströme der großen Kunstausstellungen. Aber man darf sich nicht täuschen: Es sind besonders die kleinen, lokalen Museen, die zusammengenommen ein großes Publikum anziehen, die Heimat- oder Freilichtmuseen.

Die meisten Museen in Deutschland – rein zahlenmäßig – sind ja auch Heimatmuseen.

Richtig. Ich halte nichts von dem Lamento, uns würde das Publikum wegsterben. Die Zahlen sprechen eine andere Sprache. Kinder – vom Vorschulalter bis zu vierzehn, sechzehn Jahren – kommen alle zu uns ins Museum, wir haben großen Zuspruch von Bildungseinrichtungen. Und es könnten noch mehr sein, die Lehrer bräuchten mehr Zeit in ihren Lehrplänen, um Museen besuchen zu können.

Einer der erfolgreichsten Museumstypen ist das kleine, unverwechselbare Heimatmuseum. Widerspricht das nicht der Ankaufspraxis vieler Museen, die – vor allem in den achtziger Jahren – durchgängig dieselben Künstler gekauft haben, in dem Glauben, ein Museum bräuchte diese Namen, um zu überleben?

Mit diesem Problem müssen alle Museumsdirektoren umgehen, wir hier in Kassel stehen auch unter diesem Druck der Uniformisierung. Eigentlich ist unser Ankaufsprofil für unsere moderne Sammlung in der Neuen Galerie ganz eindeutig: Wir konzentrieren uns auf das Genre der Malerei, da wir aus der Tradition der Kasseler Akademie kommen. Das verbindet die Sammlung der Alten Meister, die bis zu Dürer und den Holländern des siebzehnten Jahrhunderts zurückreicht, mit der Zeit, in der die Kasseler Akademie am Ende des achtzehnten Jahrhunderts gegründet wurde. Ich als Direktor sehe dieses Erbe als verpflichtend an. Wir haben in der Tradition des malerischen Genres auch Farbfeldmalerei gekauft. Wir müssen uns aber unentwegt rechtfertigen, warum wir beispielsweise keine Kunst – ich formuliere das jetzt mal so – aus der Steckdose kaufen.

Die Museen stehen also unter Normierungsdruck?

Zynisch formuliert: ja – aber unsere Rettung ist die große Unübersichtlichkeit des Kunstmarkts. Niemand kann sich mehr auf die Kriterien einigen, nach denen Gegenwartskunst gekauft werden soll. Das gibt uns Freiheit.

Früher sah die Arbeitsverteilung vor, dass die Kunstvereine das Neueste testen, die Museen das Bewährte kaufen. Inzwischen kaufen auch die Museen junge Gegenwartskunst. Was bedeutet das für die Zukunft des Museums?

Darüber müsste bei uns eine intensive Diskussion geführt werden. Wie viel Gegenwart verträgt das Museum? Ich persönlich finde es problematisch, dass Orte, die die kulturelle Überlieferung sichern, den gleichen Namen tragen wie Orte, in denen Gegenwartskunst experimentell ausprobiert wird. Es gibt auch einen Unterschied zwischen einer Staatsbibliothek und einem Literaturhaus.

Wie ist es dazu gekommen?

Vielleicht hängt es auch mit dem Rechtfertigungsdruck zusammen, dem ewigen Vorwurf, Museen seien Elfenbeintürme, verstaubt, ohne Bezug zur Realität. Aber wir müssen uns doch die grundsätzliche Frage stellen: Warum werden Museen staatlich alimentiert? Antwort: Weil sie die kulturelle Überlieferung sicherstellen. Sie haben die gleichen Aufgaben wie Bibliotheken und Archive. Sie geben uns Identität durch die Vergangenheit und Vergewisserung für die Zukunft.

Was heißt das für die großen Staatssammlungen?

Sehen Sie sich an, wie die amerikanischen oder die französischen Museen sammeln. Die Gegenwart hat dort durchaus ihren Platz im Museum, aber die großen Staatssammlungen kaufen meines Wissens nichts an, was nicht mindestens so alt ist, dass es aus dem Urheberschaftsrecht herausfällt, in Deutschland sind das siebzig Jahre. Ich finde, das ist eine bedenkenswerte Position. In Amerika, auch in Frankreich, werden aus Staatsmitteln keine Kunstwerke von Künstlern angekauft, die noch leben.

Ein Robert Rauschenberg könnte also erst seit dem 12. Mai dieses Jahres angekauft werden, dem Tag, als er starb?

Zumindest sind die Rauschenbergs in amerikanischen Museen nicht aus Staatsmitteln angekauft, auch nicht in der National Gallery in Washington, sondern sie sind Schenkungen und Leihgaben vom Künstler selbst, von Sammlern und Mäzenen.

Das kann auch schiefgehen. In Deutschland haben wir ein fast zerstörerisches Jahrzehnt hinter uns, in dem Privatsammler ihre Sammlungen aus den Museen wieder abgezogen haben – Beispiel Sammlung Bock und das Frankfurter Museum für Moderne Kunst.

Wissen Sie, was ich an diesen Fällen merkwürdig finde? Die Skandale haben immer die Sammler in Misskredit gebracht. Dass aber dafür immer ein Kurator oder Museumsdirektor notwendig war, der dieses zugelassen hat, das wird viel zu selten gesagt. Da bin ich vielleicht in Preußen bald am richtigen Ort: Ich bin mir sehr darüber im Klaren, dass ich das, was ich tue, nicht nur vor mir selbst rechtfertigen muss, sondern im Grunde vor jedem einzelnen Steuerzahler, der mich bezahlt.

Die Fragen stellten Niklas Maak und Julia Voss.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: picture-alliance / dpa/dpaweb

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