14. April 2008 Ihr Essay Why have there been no great women artists ist ein Gründungstext der feministischen Kunstwissenschaft. Er erschien 1971, da waren Sie vierzig Jahre alt. Was war da los?
Ich hatte gerade meine zweite Tochter bekommen und kam aus Italien zurück, wo ich ein Jahr lebte. In Amerika redeten alle von der Frauenbewegung, in Italien hatte ich nichts davon gehört. Zu Hause drückte mir eine Freundin gleich die neuen feministischen Streitschriften in die Hand, Red Stockings Newsletter oder Get off our backs.
Ihr erster Kontakt mit feministischer Literatur?
Nein. Ich hatte Simone de Beauvoir gelesen und hielt mich eigentlich für eine aufgeklärte Frau.
Welche Rolle spielte 1968?
Um mich herum gab es viel politischen Aktivismus. Aber wissen Sie, gegenüber Frauen hieß es einfach: Mach' die Beine breit oder kleb' die Briefmarke auf den Umschlag. Ich war 1968 bis 1969 in Italien, als ich zurückkam, verstand ich sofort: Das ist wichtig, das betrifft Dich.
Wie reagierten Sie als Kunsthistorikerin darauf?
Ich habe das Thema meines Seminars geändert, in Künstlerinnen und die Darstellung von Frauen in der Kunst. In diesem Kurs wollten alle Studenten mindestens zwei Referate halten, es war einer der aufregendsten Seminare, das ich je gegeben habe. Es gab keine Bücher, keinen Kanon, keine verbindlichen Inhalte. Wir mussten die Geschichte neu entwerfen.
Die männlichen Studenten wollten auch zwei Referate halten?
Es gab nur Studentinnen, das Vassar College, wo ich lehrte, war eine Frauenhochschule. Aber das Thema erreichte auch Menschen außerhalb der Universität. Eines Tages sagte ein befreundeter Galerist zu mir: Ich würde sehr gerne Künstlerinnen zeigen - aber warum gibt es keine bedeutenden Künstlerinnen? Eine gute Frage, fand ich. Und dachte darüber nach, sowohl über die mögliche Antwort als auch die Frage.
Eine sehr lustige Antwort, die Sie 1971 gaben, lautete: Es gibt keine bedeutenden Künstlerinnen - so wenig wie es Eskimotennisspieler oder litauische Jazzpianisten gibt. Was lehrt uns das Fehlen von Eskimotennisspielern über Frauen in der Kunst?
Dass es keine Förderung für Frauen in der Kunst gab, niemand ermutigte sie. Es gab keine Vorläuferinnen, keine Vorbilder und keine Belohnung. Sie durften lange nicht einmal Aktzeichnen lernen, obwohl das grundlegend war. Sie waren vom System ausgeschlossen. Interessant ist aber, wie schnell sich so etwas ändern kann. Ich sprach damals von litauischen Jazzpianisten, heute haben wir immerhin erfolgreiche tschechische Tennisspieler!
Dank Ivan Lendl?
Ja. Alles kann sich ändern. In meiner Jugend kamen die Tennisspieler aus Australien, Kalifornien, England. Danach waren die Tschechen sehr erfolgreich. Und das heißt, dass ein Umfeld geschaffen wurde, in dem sich junge Tschechen ermutigt fühlen, Tennis zu spielen, und gefördert werden. Das umfasst Institutionen, Sportplätzen, Medaillen, Preise.
Der andere Teil Ihrer Antwort wurde Ihnen auch übelgenommen: In Ihrem Essay schrieben Sie nämlich auch, dass die italienische Malerin Artemisia Gentileschi weniger bedeutend als ihr Zeitgenosse Caravaggio sei. Das kann man auch anders sehen, oder?
Ach, Größe, Bedeutung, das interessiert mich immer weniger. Was mich beschäftigt ist, ob etwas gut ist, interessant, bewegend, anders. In der Kunstgeschichte gibt es keine Frau, die Michelangelo entspräche, seiner Größe. Das spielt für mich aber keine Rolle.
Das englische Wort great hat im Deutschen viele verschiedene Bedeutungen. Was meinen, wenn Sie sagen Michelangelo war great?
Erhabenheit, klassische Sujets, große Formate. Das sind fabelhafte Werke, sicherlich, nur mich interessieren sie nicht besonders. Oder sehen Sie sich Raffaels Schule von Athen an, eines der schönsten Gemälde überhaupt, die Figuren, ihre Haltungen, alles perfekt. Aber die Frage ist doch: Kann man ein Bild von großen Denkern malen, das zeigt, dass sie große Denker sind? Warum interessieren wir uns für Platon oder Aristoteles? Doch nicht deswegen, weil sie so herrliche Gewänder tragen. Wir bewundern sie wegen ihrer Philosophie, der Dialektik, aber die können sie nicht abbilden. Und genau das macht das Gemälde langweilig.
Auch Michelangelo?
Nehmen Sie die Sixtinische Kapelle. Ich bin nicht religiös, aber natürlich bewegt mich die schiere Größe und der Ehrgeiz dieses Deckengemäldes. Aber, um ehrlich zu sein: Es interessiert mich nicht besonders.
Und warum Impressionismus?
Dafür gibt es ästhetische wie politische Gründe. Es ist eine Epoche des Wandels, säkular, nicht an starre Hierarchien oder religiöse Gebote gebunden. Die Kunst beschäftigt sich mit dem Moment, mit Menschen in ganz alltäglichen Situationen, mit der Natur, mit einer säkularisierten Gesellschaft. Und mir gefällt der Malstil, er ist sehr offen, ehrlich. Es geht nicht um Perfektion, man ist stolz auf Unmittelbarkeit, darauf anwesend und für den Betrachter sichtbar zu sein.
Zu Ihren Spezialgebieten zählt der französische Realist Gustave Courbet. Ist das nicht überraschend für eine feministische Kunsthistorikerin?
Ich hoffe, dass es überraschend ist. Es gibt nichts Langweiligeres, als leicht eingeordnet werden zu können. Über Courbet habe ich geforscht, weil er ein ästhetischer und politischer Rebell in seiner Zeit war. Wenn ich das so sage, scheint mir doch, dass es sehr auf einer Linie mit meinen feministischen Arbeiten liegt.
Nur dass Courbet nicht gerade ein Feminist war.
Nein, sicherlich nicht. Aber wer war in der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts schon Feminist? Es gab ein paar Denker, aber Künstler?
Die Kunst- und Museumswelt wird immer noch von Männern dominiert. Wenigstens weniger als früher?
Ja. Es gibt heute viel mehr Galeristinnen, Künstlerinnen werden mehr ausgestellt. Die Preise erhalten sie meistens noch nicht, aber Künstlerinnen wie Louise Bourgeois sind heute eine feste Größe. Eines muss man allerdings dabei sagen: Als Ausnahme waren Frauen immer Teil der Kunstgeschichte. Rosa Bonheur zählte unter die erfolgreichsten Künstler des neunzehnten Jahrhunderts, Georgia O'Keefe war ebenfalls unglaublich erfolgreich. Ihre Blumen sind auf Postern, in der Werbung, überall. Insofern muss man es wohl so zusammenfassen: Es gibt schon lange erfolgreiche Künstlerinnen, in jeder Zeit immer eine, als Ausnahme.
Die Ausnahme, die die Regel bestätigt?
Ja. Frauen galten nicht als begabt, schon gar nicht als Genie. Aber die eine Ausnahme machte man. Das ist natürlich witzlos, Gleichheit hieße, Künstlerinnen ebenso als Regel zu akzeptieren wie männliche Künstler.
Die Frankfurter Kunsthalle Schirn zeigt gerade die Impressionistinnen Berthe Morisot, Mary Cassatt, Marie Bracquemond und Eva Gonzalès.Der Slogan der Frankfurter Ausstellung lautet Impressionismus ist feminin. Stimmt das?
Ganz ehrlich, ich kann Ihnen die Frage, was feminin ist, nicht beantworten. Ist Berthe Morisot femininer als Monet? Gute Frage. Die Impressionisten jedenfalls erlaubten Frauen, an ihren Ausstellungen teilzunehmen und die Frauen, die teilnahmen, zeichneten sich durch eine Vielfalt von Stilen aus.
Das Bild, über das Sie geschrieben haben, malte Morisot 1879/80 und es heißt Amme mit Kind. Warum ist das ein interessantes Bild?
Stellen Sie sich das einmal vor: Eine andere Frau zu malen, wie es Morisot tut, während diese Deinem Kind die Brust gibt. Das ist ein außerordentliches Sujet. Niemand hatte das je gemalt.
Woran arbeiten sie jetzt?
Mein Buch über Courbet ist fertig, ein Essay über eine japanische Fotografin auch. Ich würde gerne eine Ausstellung über das Alter machen.
Weil sie selbst älter geworden sind?
Ich bin siebenundsiebzig, ich sollte wohl jetzt mit ja antworten. Natürlich suche ich mir Themen aus, die mich selbst beschäftigen. Aber es geht mir nicht um eine schlichte emotionale Reaktion, das fände ich intellektuell zu wenig. Nur: Eine Kunstgeschichte, die von Dingen handelt, die uns nichts angehen, schiene mir sehr langweilig.
Die Fragen stellte Julia Voss.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Matthew Begun
