Ausstellung: Art of Two Germanys

Eine Schau, die keine Furcht kennt

Von Jordan Mejias, Los Angeles

Martin Kippenberger: „Zwei proletarische Erfinderinnen auf dem Weg zum Erfinderkongress” (1984)

Martin Kippenberger: „Zwei proletarische Erfinderinnen auf dem Weg zum Erfinderkongress” (1984)

30. Januar 2009 Eine 56er Isetta, ein 69er Volkswagenkäfer und ein 72er Trabi bilden das Empfangskomitee. In Kalifornien, wo das Leben übers Auto gelebt wird, ist das fast eine Selbstverständlichkeit. Strategisch vor dem Museumseingang geparkt, ködern sie also den Besucher, der vielleicht nicht unbedingt vorhatte, die nächsten zwei, drei Stunden mit Kunst aus gleich zwei Deutschlands zu verbringen.

Im landestypischen Idiom bereiten sie auf eine Ausstellung vor, die freilich nie die Absicht hatte, allein künstlerische Belange zu schildern. Was nach den Autos auch ein Spalier von Dokumentarfotos bestätigt, die, noch bevor die eigentliche Schau beginnt, einen Schnellkurs in deutscher Nachkriegsgeschichte anbieten. Auf Stoffbahnen ins Großformat gesteigert, beschwören die Bilder Schlüsselmomente aus einem halben Jahrhundert herauf, von den städtischen Trümmerlandschaften am Kriegsende bis zum ekstatischen Fall der Mauer. Das ist der Zeitrahmen für „Art of Two Germanys“.

Ostdeutsche Kunst muss sich nicht verstecken

Bernhard Heisig: “Unterm Hakenkreuz“ (1973)

Bernhard Heisig: "Unterm Hakenkreuz" (1973)

Das Museum betritt das Publikum jedoch keineswegs ahnungslos. Stephanie Barron, langjährige Kuratorin am LACMA, dem Los Angeles County Museum of Art, hat bereits zweimal deutsche Kunst und Geschichte aufgearbeitet, mit den beiden großen Ausstellungen über die Avantgarde in Nazideutschland (“Degenerate Art“) und europäische Künstler, die vor Hitler die Flucht ergriffen (“Exiles and Emigrés“). Und dass das LACMA über eine bedeutende Sammlung deutscher Kunst verfügt und Los Angeles eine Schwesterstadt von Berlin ist, wollte Michael Govan, der smarte Direktor des LACMA, nicht nur am Rande vermerkt wissen.

Allzu weit, ja fehl ginge aber, wer aus dem Zustand der westdeutschen Autos, beide zu makellos funkelnden Museumsstücken restauriert, und dem ziemlich lädiert herumstehenden Trabi Rückschlüsse auf die entsprechende Kunstproduktion ziehen wollte. Jeglicher metaphorische Verweis liefe da ins Leere. Denn „Art of Two Germanys“ versucht, vertraute Erzählungen zu untergraben. Wer noch einmal hören und sehen will, wie Westdeutschland als gelehriges Mitglied eines internationalen Clubs, in dem die Ideen nur so sprühten und der unwiderstehliche Westweltgeist sich in all seiner Fülle und atemberaubenden Geschwindigkeit austobte, dem bedauernswerten, hoffnungslos provinziellen, allenfalls handwerklich versierten, sonst aber künstlerisch und überhaupt total erstarrten Osten davongeeilt ist, wird in Los Angeles nicht auf seine Kosten kommen. Kalifornier können zum ersten Mal mit Künstlern Bekanntschaft machen, die sie bisher nicht einmal dem Namen nach kannten. Deutsche Besucher aber, die später im Jahr Gelegenheit bekommen, über eine Variation der Schau im Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg und Deutschen Historischen Museum in Berlin zu sinnen, werden vor allem eine ostdeutsche Szene entdecken können, deren Nuancenreichtum, widersprüchliche Tendenzen und fortwährender Wandel sich vor westlichen Stiljagden, Konzept- und Perspektivenwechseln nicht zu verstecken brauchen.

Westlich ungehemmte Radikalität

Mit dreihundert Gemälden, Skulpturen, Fotografien, Videos und Installationen von hundertzwanzig Künstlern lässt die Ausstellung in vier Abteilungen Ost und West zusammenprallen; aber nicht weniger oft und überzeugend veranschaulicht sie auch, wie sich Parallelen herausbilden und erstaunliche Korrespondenzen ergeben. Die ersten vier Nachkriegsjahre und ihre düsteren Versuche, neue Wege zu beschreiten und alte, unter Hitler verbotene wiederzubetreten und so mit dem noch kaum überwundenen Horror zurechtzukommen, erleben in der Tat allmählich eine künstlerische Spaltung. Im Osten soll der Sozialismus sich in einer proletarischen Art von heroischem Realismus offenbaren, im Westen die Abstraktion von Freiheit und demokratischen Idealen künden.

Während der fünfziger Jahre verstärkt sich der Trend. Trifft in Los Angeles nun die Gruppe ZERO um Günther Uecker auf den damals doch ziemlich dogmatischen sozialistischen Realismus eines Rudolf Bergander und Heinrich Witz, droht die deutsche Kunstwelt wirklich auseinanderzukrachen. Aber der Osten war weniger homogen, als ihm von westlichen Zungen nachgesagt wurde. Der Plastiker Hermann Glöckner, in der Ausstellung mutig ins Scheinwerferlicht gestellt, hielt sich mit Objekten aus Fundsachen, aus Kartons, Gummibändern, Zeitungen, Klammern wahrlich nicht an die Vorgaben einer parteihörigen Kunst, und Ursula Arnold und Arno Fischer fotografierten den Aufbau des Sozialismus, ohne seine Illusionen zu übernehmen. Auch als in den sechziger und siebziger Jahren der Westen brodelte, als die Nazivergangenheit in den Bildern eines Baselitz, Kiefer, Richter, Immendorff aufbrach, die Studenten auf die Barrikaden gingen, die Mauer gebaut wurde, Vostell und Beuys sich dem Fluxus hingaben, rechneten auf der anderen Seite Bernhard Heisig, Werner Tübke, Wolfgang Mattheuer mit Gegenwart und Vergangenheit ab, wenn auch nicht in westlich ungehemmter Radikalität.

Handicap und unwiderstehliche Verlockung

Was dann aus den achtziger Jahren an unleugbar politisierter, gesellschaftskritischer Kunst gezeigt wird, macht den Fall der Mauer geradezu unvermeidlich. Derweil im Westen der Terror der RAF bei Katharina Sieverding und Lutz Dammbeck, der den Osten gegen den Westen eintauschen durfte, in den Vordergrund drangen und Martin Kippenberger, Isa Genzken, Rosemarie Trockel sich in den postmodernen Diskurs um Gender, Sex und Klassenstrukturen mischten, forderten ostdeutsche Künstler immer frecher den Staat heraus. Los Angeles erfährt jetzt erstmals von den Dresdner Autoperforationisten, die offen gegen den Staatszwang rebellierten, und der Gruppe Clara Mosch. Wo so etwas entsteht, wo die Regierung die Kontrolle über Kunst und Künstler verliert, hat der Totalitarismus keine Chance mehr.

„Art of Two Germanys“ erhebt nicht den Anspruch, enzyklopädisch vorzugehen oder auch nur eine künstlerische Hitparade zu veranstalten. Die Ausstellung entfaltet ein Kunstpanorama, das nach Osten und Westen dem unvoreingenommenen amerikanischen Blick mehr bietet, als ihm in dieser Kombination je vorgesetzt wurde. Es ist eine Schau, die keine Furcht kennt, sich im Spannungsfeld von Kunst und Politik umzusehen, und dort absichtlich und ungewollt verschüttete Dramen freilegt. Zumal den deutschen Besucher zieht sie genau dadurch in ihren Bann, dass sie den Klischees über die Ostkunst misstraut, endlich ihre Vielfalt, Vielschichtigkeit und Widersprüche zu beschreiben beginnt und sich so jeder monolithischen Darstellung, jedem dominierenden Erzählstrang verweigert. Welches Echo dies auf den Stationen in Deutschland hervorruft, darf mit Spannung erwartet werden. Im kalifornischen Kontext aber ergeben sich bereits neue Einsichten, wie Eckhart Gillen von den Kulturprojekten Berlin, der gemeinsam mit Stephanie Barron die Ausstellung organisiert hat, zu Protokoll gibt. Gillen gesteht, wie hässlich ihm auf einmal die deutsche Kunst hier in Kalifornien vorgekommen sei. In einer Gegend, die ihre Vorlieben für verfeinerten Luxus pflegt, ist das sowohl ein Handicap als auch eine unwiderstehliche Verlockung.

Art of Two Germanys. Cold War Cultures. Bis zum 19. April im Los Angeles County Museum of Art. Der umfangreiche Katalog kostet gebunden 75 Dollar, broschiert 45 Dollar.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Nachlass Martin Kippenberger, Galerie Capitain, VG Bild-Kunst, Bonn

© Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH 2009.
Alle Rechte vorbehalten.
Vervielfältigungs- und Nutzungsrechte erwerben
Verlagsinformation

Verpassen Sie nicht den Kündigungsstichtag 30.11. Vergleichen Sie jetzt Ihre Kfz-Versicherung und sparen Sie bis zu 500 €!

FAZ.NET Suchhilfe
F.A.Z.-Archiv Profisuche