Leonardo, Michaelangelo & Co.

Ätsch, ich bin es ja selbst!

Von Dirk Schümer

Das Turiner “Grabtuch Christi“

Das Turiner "Grabtuch Christi"

02. Juli 2009 Über das sogenannte „Grabtuch Christi“, das in der Kathedrale von Turin aufbewahrt wird, ist schon viel spekuliert worden. Handelt es sich wirklich um den Abdruck vom Gesicht des sterbenden oder toten Jesus nach der Kreuzabnahme? Geht es vielleicht um das „Schweißtuch der Veronika“, mit dem die Heilige beim Gang nach Golgatha dem schweißbedeckten Christus einen Porträtabdruck auf Leinen abnahm?

Oder ist die „Sacra Sindone“ - so der italienische Name - nicht eher eine Fälschung des Mittelalters mit vage aufgepinselten Gesichtszügen eines schmalen, bärtigen Mannes - so wie man sich zur Zeit der Kreuzzüge eben Jesus vorstellte? Dass auch wissenschaftliche Untersuchungen des Stoffes und darin enthaltener Pollen in die Richtung einer uralten Fälschung weisen, hat der Verehrung der nur selten gezeigten, in einer Sonderkapelle aufbewahrten Stoffbahnen keinen Abbruch getan. Jeder sieht darin, was er will.

Der Rauschebart mit dem abwesenden Blick

Zum Vergleich: Diese Zeichnung ist möglicherweise ein frühes Selbstporträt da Vincis in einem Notizheft

Zum Vergleich: Diese Zeichnung ist möglicherweise ein frühes Selbstporträt da Vincis in einem Notizheft

So auch jetzt wieder: Denn nun tritt - passend zur anbrechenden Sommer- und Sauregurkenzeit - eine selbsternannte Expertin aus Amerika mit einer reichlich abstrusen These auf den Plan: Das Gesicht auf der „Sacra Sindone“ stellt nicht Christus dar, sondern Leonardo da Vinci. Lillian Schwartz von der New Yorker „School of Visual Arts“ will das Turiner Tuch mit allen möglichen Sonderlichtbestrahlungen untersucht und mit Leonardos verbürgten Selbstporträts überblendet haben, bis auch der letzte Zweifel beseitigt war: Der Rauschebart mit dem abwesenden Blick kann nur Leonardo da Vinci sein.

Was immerhin für die These spricht, ist der miserable Erhaltungszustand des verwaschenen Abbildes. Viele von Leonardos Werke, allen voran das technisch missratene und blätternde Abendmahl in Florenz, sind gleichfalls nur unvollendet oder schwer beschädigt durch die Zeiten gekommen.

Eine verblüffende Ähnlichkeit

In einer Fernsehdokumentation für einen englischen Sender lässt die New Yorker „Grafik-Expertin“ generös offen, ob Leonardo sein Konterfei eigenhändig aufs Grabtuch gemalt hat - oder ob nicht gar genialische Fotoexperimente mit einer Camera Obscura das magische Porträt hinterlassen haben: Die „Sacra Sindone“ als Fototapete sozusagen. Die vermeintlichen Funde von Lillian Schwartz regen im übersinnlich abgestumpften Italien, wo man im Abruzzendorf Manopello auch noch ein weiteres, „authentisches“ und vielleicht gar vor 2000 Jahren bereits fotografiertes Wunderporträt von Jesus ausstellt, niemanden sonderlich auf.

Gegen einen Durchbruch in der Leonardoforschung und für eine etwas aus dem Ruder gelaufene Dan-Brown-Lektüre spricht auch das Faktum, dass Frau Schwartz vor einiger Zeit schon die These aufstellte, auch die Mona Lisa - heute im Louvre zu Paris - stelle niemand anderen dar als - Leonardo da Vinci höchstpersönlich. Zumindest würde diese These ihr hintersinniges Lächeln erklären: Ätsch, ich bin es ja selbst! Und haben nicht auch Barack Obama und Michael Jackson - mal abgesehen von Bart, Augen und Hautfarbe - eine verblüffende Ähnlichkeit mit Leonardo da Vinci und der Mona Lisa?

Manischer Hang zum Versteckspiel

Vielleicht hat in Turin aber auch nicht Leonardo den Pinsel (oder den Fotoapparat) geschwungen, sondern hat sein toskanischer Weggefährte Michelangelo Buonarotti listig ein Leonardoporträt in Leinen gewickelt und als Jesus verkauft. Michelangelos Selbstporträt wollen die Restauratoren nämlich soeben in der Capella Paolina im Vatikan entdeckt haben, was auf einen fast schon manischen Hang der Renaissance-Großmeister zum Versteckspiel mit ihrer Identität hindeuten würde.

Der Vatikan präsentiert die restaurierte “Grablegung“ von Michelangelo, das angebliche Selbstporträt ist leider nicht im Bild

Der Vatikan präsentiert die restaurierte "Grablegung" von Michelangelo, das angebliche Selbstporträt ist leider nicht im Bild

Die Capella Paolina ist die einstige Privatkapelle des Papstes, die Michelangelo in der Mitte des sechzehnten Jahrhunderts mit zwei Fresken - Konversion des Paulus und Kreuzigung des Petrus - geschmückt hatte. Seit dieser Woche sind sechsjährige Restaurierungs- und Reinigungsarbeiten beendet und freie Blicke auf die Fresken wieder möglich.

Der Wirrkopf Limonardo

Auf einem der Gemälde, oben links, soll sich unter einem strahlend blauen Turban Michelangelo - als Reiterfigur - ewigen Zugang zur Heilsgeschichte und zu den intimsten Gemächern des Vatikans verschafft haben. Gegen die kühne These spricht zwar, dass dieses nicht unwichtige Detail trotz der Verherrlichung des Künstlers schon zu Lebzeiten nie einem Betrachter aufgefallen war. Für die Besichtigung der päpstlichen Prunkräume, allen voran der Sixtinischen Kapelle, gibt es jetzt aber außer Dan Browns englisch-dämonischen Phantasien einen guten Grund mehr: Michelangelo ins Auge zu sehen.

Michelangelo, wie die Spätergeborenen ihn sahen

Michelangelo, wie die Spätergeborenen ihn sahen

Der Kult der beiden Titanen Leonardo und Michelangelo, die noch vor hundert Jahren von ihrem umbrischen Kollegen Raffael an Ruhm und Verehrung übertroffen wurden, kennt jedenfalls keine Grenzen mehr. Kein Trick, den man solchen Wundertieren der Kunstgeschichte nicht zutrauen würde. Im Falle des Turiner Leichentuchs bestünde Leonardos Genie nicht nur darin, sich Zugang zum Kirchenschatz verschafft und das heilige Linnen manipuliert, sondern dem Heiland auch noch dreist die eigenen Gesichtszüge aufoktroyiert zu haben. Ob dabei die Illuminaten ihre Hände im Spiel hatten? Oder ob es umgekehrt war: Leonardo wollte als Freak jesusmäßig aussehen und mit seinen merkwürdigen Spiegelschrift-Zeichnungen und seinem Look - zu dem auch noch eine blaugefärbte John-Lennon-Sonnenbrille gehörte - die Nachwelt gründlich verwirren. Im Fall von Lillian Schwartz scheint ihm das gut gelungen zu sein.

Was der Forscherin helfen könnte, ist in einem Donald-Duck-Comic bereits Wirklichkeit geworden: Mittels einer Zeitmaschine gelangt der berühmte Maler Limonardo da Wischi aus Florenz nach Entenhausen. Doch das Abenteuer endet schlecht: Der Wirrkopf Limonardo macht sich im städtischen Museum sofort über seine unvollendeten Gemälde her und bessert sie mit dem Pinsel nach - und wird sofort von den Wärtern verhaftet. So weit sollte es beim gut verwahrten Turiner Leichentuch nicht kommen.

Text: FAZ.NET
Bildmaterial: AP, Cinetext /Sammlung Richter, Reuters

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