15. Dezember 2002 Auch vor seinem 95. Geburtstag an diesem Sonntag denkt der Star-Architekt Oscar Niemeyer noch lange nicht an den Ruhestand. Der Brasilianer arbeitet immer noch von neun Uhr morgens bis neun Uhr abends, sieben Tage in der Woche, in seinem Büro mit großen Fenstern am Strand von Copacabana in Rio de Janeiro. Arbeiten hält jung, und Älterwerden ist Scheiße, kommentiert Niemeyer in seiner typischen drastischen Art.
Noch wichtiger als die Arbeit seien aber Freunde und das Leben, und vor allem diese ungerechte Welt, die wir alle verändern müssen. Erst vor wenigen Wochen brachte Niemeyer das Buch Conversa de Amigos heraus. Es handelt sich um Briefwechsel, bei dem der Ur-Ur-Großvater, der seit 70 Jahren mit seiner Frau Annita (92) verheiratet ist, über Politik, Familie, Ungerechtigkeit und US-Imperialismus debattiert.
Arbeitsverbot während der Militär-Diktatur
Der Herr der Kurven, der die gerade Linie verabscheut und laut Le Corbusier die Berge von Rio in den Augen hat, gelangte schon vor vielen Jahrzehnten zu Weltruhm, wenn auch begleitet von manchen kritischen Tönen. Bereits 1947 entwarf er das UN-Gebäude in New York. Ende der 50er Jahre kreierte er die Reißbrett-Hauptstadt Brasilia. In Deutschland baute er ein Appartementhaus für das Hansaviertel in Berlin (1957).
Als eines von sechs Kindern eines deutschstämmigen Kaufmanns in Rio geboren, begann für Niemeyer bald nach dem Architekturstudium 1938 durch die Zusammenarbeit mit seinen größten Vorbildern, Lucio Costa und Le Corbusier, der rasante Aufstieg. Während der Militärdiktatur (1964-1985) wurde der Marxist in Brasilien verfolgt und mit einem Arbeitsverbot belegt. Im Exil baute er aber eifrig weiter: In Israel und Algerien, in Frankreich und beim Wiederaufbau der von Erdbeben (1972) und Bürgerkrieg zerstörten Hauptstadt Nicaraguas, Managua.
Brasilias sinnliche Kurven
Zum Architektur-Papst (Magazin Istoe) wurde er aber mit Brasilia. Auf der Hochebene fern jeglicher Zivilisation entfaltete Niemeyer seine tropische Fantasie (Gropius). Die Architektur darf nicht nur funktionell oder von Dogmatik kastriert, sie muss auch schön, kreativ und fantasieanregend sein, erklärte er einmal. Seine Kurven seien nicht mit dem Kompass gezogen, sondern frei und sinnlich. Die Haltung brachte ihm nicht nur Bewunderer ein.
Kritiker bemängeln, dass Niemeyers Bauten den Bedürfnissen der Menschen nicht gerecht werden. In Brasilia, wo die Paläste in der Luft zu schweben scheinen, finden sie Argumente. Die Stadt ohne Straßenecken hat kaum Flanierstellen. In der Präsidentenresidenz Alvorada hält es wegen schlechter Belüftung kaum ein Staatschef aus.
Aktuelle Projekte in vier Ländern
Der Kunde interessiert mich einen Dreck, rutschte es Niemeyer einmal vor vielen Jahren heraus. Dennoch kann er seine Aufträge und Preise nicht zählen. Sogar die Organisatoren des Rio-Karnevals wollen ihn 2003 ehren. Vor wenigen Wochen erst wurde sein Projekt eines futuristischen Museums in der südlichen Provinzhauptstadt Curitiba fertig gebaut. Niemeyer arbeitet zur Zeit an Aufträgen aus Italien, Frankreich und Portugal und ist dabei relativ zufrieden.
Womit er sich überhaupt nicht abfinden kann, ist die Zunahme des Elends. Wenn die Verzweiflung das Herz der Armen erreicht, wird eine Weltrevolution unvermeidlich sein, sagt er voraus. Reichtum sei zum Teilen da. Ich habe mehr als 600 Projekte in 20 Ländern realisiert, bin aber ärmer als in den 50er Jahren, weil ich es so will. Geld ist eine schmutzige Sache.
Text: dpa
Bildmaterial: AP, dpa, FAZ.NET