Ikea in der Pinakothek der Moderne

Du musst nur fest dran schrauben

Von Niklas Maak

Jetzt im Museum zu Hause: Billys mit Bechern

Jetzt im Museum zu Hause: Billys mit Bechern

17. April 2009 Es gibt diesen verräterischen Moment bei Ikea an der Kasse. Es ist ein Spiel, das alle spielen, obwohl sie es nicht zugeben. Das Spiel heißt: Zeige mir, was du auf deinem Einkaufswagen hast, und ich sage dir, wer du bist.

Da ist der Familienvater, er kauft einen „Klinteby“-Teppich fürs Kinderzimmer, den Übertopf „Kardemumma“ für den Balkon und drei „Billy“-Regale. Da ist, an der Kasse neben ihm, der Mann, der den Dessertteller „Charmör“ kauft und einen Kerzenständer namens „Skimmer“. Draußen, auf dem Parkplatz, wirft er diese Dinge auf den Beifahrersitz seines BMWs und donnert los, der Familienvater schaut wütend, während er versucht, die „Billy“-Regale hinten in den VW Touran zu schieben, dann tritt ein kaltes Lächeln auf sein Gesicht, man ahnt, was er denkt: Warte nur, schöner Mann mit dem BMW, bald lernst du eine Frau kennen, servierst ihr Eis auf dem „Charmör“-Teller, und bald hast du auch eine Großraumlimousine und drei Kinder und „Kardemumma“ im Kofferraum. Über all diesen latenten Dramen dröhnen, wie die Stimmen grimmiger Götter, die Ansagen durch die Hallen: „Die kleine Josefine will aus dem Kinderparadies abgeholt werden, ich wiederhole, die kleine ...“ - „... Der kleine Nils möchte ...“ - „Die Eltern der kleinen Alvine ...“

Showroom für Skulpturen

Nicht immer so stilsicher: Gartenmöbel-Sitzgruppe im rumänischen Marsmännchen-Design

Nicht immer so stilsicher: Gartenmöbel-Sitzgruppe im rumänischen Marsmännchen-Design

Oft haben die Kinder die gleichen Namen wie die Produkte von Ikea. Dass Möbel überhaupt Namen bekommen, war die Idee von Brita Bayley, der Sekretärin von Ingvar Kamprad, der 1943 in Elmtaryd bei Agunnaryd I-K-E-A als Vertrieb für Haushaltsbedarf gegründet hatte und ab 1956 Möbel als Bausätze verkaufte. Einige Ikea-Namen sind einleuchtend, andere weniger: Ein rotlackiertes Regal heißt „Lack“, ein eckiger Schrank „Kubist“, das Pflegemittel für das Sofa „Säter“ heißt „Absorb“, das versteht man alles noch, aber: Warum ist ein „Kasten mit Deckel“ ein „Flört“ und ein Messer-Set „Legitim“? Und heißt der dicke Teppich „Dragör“ auch in Frankreich so, wo man sich nicht gern zu einem „dragueur“ auf den Teppich rollt?

All diese Fragen beantwortet die Münchner Ikea-Ausstellung nicht. Sie versammelt Meilensteine des günstigen Möbeldesigns aus sechs Jahrzehnten, auch solche, die es in Deutschland nie gab: den Tisch „Lövet“ von 1956 zum Beispiel, das erste Selbstbaumöbel von Ikea, das heute auch auf einer Auktion als sündteure Kostbarkeit der skandinavischen Designmoderne im Stil von Aalto durchginge. Nicht immer war Ikea so stilsicher, wie eine quietschorange Sitzgruppe namens „Skopa“ zeigt, die so aussieht, als hätten Marsmenschen in Rumänien aufgrund sehr unscharfer Fotos Möbel von Panton nachbauen lassen. Aber die Ausstellung will keine Kultur- und Mentalitätengeschichte liefern; sie präsentiert die Massenmöbel fast sakral, wie MoMA-fähige Skulpturen, und will beweisen, dass „democratic design“ durchaus waschechte Kunstwerke hervorbringen kann. Man hätte die sozialdemokratisch-skandinavische Utopie Ikea auch anders zeigen können.

Vom Aufständischen zum Sitzenbleiber

Schickes schwedisches Auto, Möbel im Karton: So sah Ikea schon vor dreißig Jahren aus

Schickes schwedisches Auto, Möbel im Karton: So sah Ikea schon vor dreißig Jahren aus

„Billy“, „Ivar“, „Lauri“ - die Möbel stellen sich mit Vornamen vor, wie es seit der berühmten „Duz-Reform“ der sechziger Jahre auch in schwedischen Behörden üblich war. Auflösung der Hierarchien - das war auch eine Botschaft von Ikea. Kamprad zitierte gern die Reformpädagogin Ellen Key und ihre Parole von der „Schönheit für alle“, eine Idee, die auch Werkbund, Bauhaus und die Hochschule für Gestaltung in Ulm verfolgten. Ikea war eine Gegenbewegung zur Musealisierung des Lebens: Während sich das junge bürgerliche Paar verschuldete, um sich eine Schlafzimmergarnitur, eine Eichenfurnier-Anrichte mit Mahagonibilderrahmen darauf zu leisten, und die Wohnung als Kokon entwarf, in dem das zukünftige Leben musealisiert werden konnte, war der Ikea-Kunde anders. Ikea-Möbel der siebziger Jahre sahen aus, als hätte man spontan eine Kiefer zersägt und zu Betten, Regalen, Tischen zusammengenagelt. Sie behielten immer die Aura des Vorläufigen und entkamen der Melancholie des endgültig Eingerichteten. Das „abreisefertige Aussehen“, das Ernst Bloch der modernen Architektur bescheinigte, fand sich ebenso in den schnell wieder auseinanderschraubbaren Möbeln von Ikea. Sie versprachen Veränderbarkeit, statt nur die bestehenden Verhältnisse zu möblieren, und wurden so auch zu einer politischen Aussage.

Ikeas Produkte sind ein präziser Seismograph gesellschaftlicher Ängste und Wünsche - und entsprechend ging auch der gesellschaftliche Übergang vom Hippie- zum Yuppieesken an Ikea nicht spurlos vorüber. Die Sitzgruppe „Revolt“ verschwand aus dem Programm, der Bürosessel „Direktör“ tauchte im Angebot auf. Zum Öko-Klassiker „Ivar“ von 1975 kam das berühmte, optisch deutlich kältere Regal „Billy“, in dessen reduzierter Form Designexperten sogar einen Nachhall von Minimal Art und Hochhaus-Internationale sehen wollen - ein Seagram Building für Bücher. In einer Epoche, in der die Freude am Neuen und Vorläufigen der Angst vor Terror, Immigranten und Infektionen gewichen ist, wirbt Ikea mit dem Slogan „Weil Zuhause der wichtigste Platz auf der Welt ist“. Im aktuellen Katalog heißt es: „Wenn du dich auf ein Karlstad-Sofa setzt, willst du nie mehr aufstehen, wetten?“ Nie mehr aufstehen: Das ist das, wovor die Ikea-Kunden der siebziger Jahre, die auf „Revolt“ Suhrkamp-Bändchen lasen, Angst hatten.

Utopien für Scheidungskinder

Ikea wurde von allen geliebt, die ihr Geld nicht gern fürs Wohnen ausgaben und dafür das elende Geschraube in Kauf nahmen

Ikea wurde von allen geliebt, die ihr Geld nicht gern fürs Wohnen ausgaben und dafür das elende Geschraube in Kauf nahmen

Die heute klassischen Ikea-Möbel waren das Produkt einer Gesellschaft, die dem bürgerlichen Sesshaftigkeitskonzept eher kritisch gegenüberstand und die Tätigkeit „Wohnen“ in scharfer Abgrenzung zu Heidegger nicht als Äquivalent, sondern als Verhinderung des eigentlichen „Seins“ empfand. Diese alte Skepsis lebt noch im Slogan „Wohnst du noch oder lebst du schon?“ weiter. Wie so oft scheitert die Ideologie aber an den materiellen Grundlagen. Auf die Frage „Wohnst du schon oder schraubst du noch?“ ist bei Ikea die Antwort leider immer: schraube noch. Wobei das Auseinandernehmen von Ikea-Möbeln die eigentliche Herausforderung ist - Scharniere brechen aus dem Pressspan, Beine wackeln, baut man Ikea zu oft auf und ab, bleibt am Ende oft nur ein nicht mehr gut zusammenfügbarer Haufen Schrott. Das Ikea-Mobiliar zwingt gewissermaßen, weil es sonst auseinanderfällt, zu der endgültigen Sesshaftigkeit, gegen die es angetreten war - und so ökologisch wie viele ihrer Kunden war die in Billiglohnländern gefertigte Wegwerfmoderne auch nicht immer.

Ikea hat ganze Generationen aus der Wohnverschuldungsmisere befreit. Andererseits: Blutig geschlagene Finger, schiefe Bretter, falsch Verdübeltes, fehlende Teile - Beziehungen zerbrachen schon über dem nächtlichen Aufbau von Ikea-Schränken, und nicht immer trat zwischen „Ivar“, „Billy“ und „Hemnes“ das Familienglück ein. Einmal, im Katalog von 1999, schlug Ikea dementsprechend auch für das Scheitern des Lebens die passende Einrichtung vor. „Hier leben wir“, sagt in diesem Katalog ein kleines Mädchen. „Mein Papa und ich. Na ja, eigentlich bin ich nur ab und zu hier, und mein Papa wohnt hier die ganze Zeit. Der Vorhang ist aus zwei Ullört-Decken à 39 Mark zusammengenäht.“ Auch das verkaufte Ikea: Utopien für Scheidungskinder. „Die Eltern des kleinen Ivar werden gebeten, sich im Kinderparadies zu melden. Ich wiederhole: Der kleine Ivar möchte dringend . . .“ Wir aber lieber nicht.

Democratic Design - Ikea. München, Pinakothek der Moderne, bis zum 12. Juli. Kein Katalog.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Die Neue Sammlung (A. Laurenzo), dpa, Ikea

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