Kölner Stadtarchiv

Der Preis der U-Bahn

Von Andreas Rossmann

Geborgen: Eine alte Urkunde aus dem Haupturkundenarchiv im Hinterhaus des eingestürzten Historischen Stadtarchivs

Geborgen: Eine alte Urkunde aus dem Haupturkundenarchiv im Hinterhaus des eingestürzten Historischen Stadtarchivs

05. März 2009 Was der Einmarsch der Franzosen 1794 und der Zweite Weltkrieg nicht vollbracht haben, hat der U-Bahn-Bau in Köln, der mit großer Wahrscheinlichkeit die Ursache für den Einsturz des Hauses Severinstraße 222–228 ist, geschafft: Das Historische Archiv der Stadt, in dem mehr als tausend Jahre ihrer Geschichte aufbewahrt wurden, ist weitgehend zerstört, das Gedächtnis des Gemeinwesens ausgelöscht. Was davon gerettet und aus den Trümmern geborgen werden kann, ist noch unklar, doch vermag brüchiges Pergament Beton und Stahl wenig entgegenzusetzen. Nicht zuletzt wird es auf das Wetter ankommen, für die kommenden Tage sind erhebliche Regenfälle angekündigt worden, und das Archivmaterial ist bislang nur durch Planen vor eindringendem Wasser geschützt.

Die Aussage seiner Fassade schien eindeutig, beruhigend: Was in diesem Haus verwahrt wird, ist sicher; ist geschützt vor den Einwirkungen des Lichts und des Klimas, vor Brand und Diebstahl, wird erhalten für alle Zeit. Fenster hatte das Gebäude in der Nähe des Waidmarkts nur im Erdgeschoss, in den sechs Stockwerken darüber gliederten schießschartenschmale Öffnungen die vorgehängten Granitplatten und gaben ihm die Anmutung eines Bunkers. Dabei war der moderne Zweckbau, 1970/71 im Stil der Zeit errichtet, ein Schatzhaus, auch wenn er nichts davon hermachte: Vorbild für andere Archivbauten, die nach dem „Kölner Modell“ errichtet wurden. Eine doppelte Ziegelmauer sorgte für natürliche Klimatisierung, die Alarmanlage war auf dem neuesten Stand, und die Feuerwehr liegt gleich um die Ecke.

Der größte anzunehmende Unfall

Und nun das – der größte anzunehmende Unfall. Unfassbar, nicht zu fassen, und das im wörtlichen Sinn: Die meisten Originale wird nie mehr jemand in die Hände nehmen können. Welch unglaublicher Tribut an den technischen Fortschritt, welch horrender Preis für ein U-Bahn-Bauprojekt, das zwischen Hauptbahnhof und Chlodwigplatz 28 Meter in die Tiefe geht und von Anfang an umstritten war. Zunächst auf 630 Millionen veranschlagt, ist es längst aus dem Kostenrahmen gelaufen und wird inzwischen auf 950 Millionen Euro kalkuliert. Schon im September 2004 hatte es, was sich nun wie ein Menetekel ausnimmt, den Kirchturm von St. Johann Baptist, zweihundert Meter südlich des Archivs, in Schieflage versetzt, zwei Monate später eine Sperrung von St. Maria im Kapitol erzwungen und im Juli 2007 im Turmkeller des Rathauses, wo viele Kölner sich trauen lassen, den Boden gesenkt. Auch die kleine, nördlich des Archivs gelegene romanische Kirche St. Georg ist in Mitleidenschaft gezogen: Kleinigkeiten im Vergleich zu dieser Katastrophe, die großartige Spenden von Bürgern, Künstlern und Institutionen liquidiert und die Arbeit mehrerer Generationen von Archivaren durchstreicht.

Das Historische Archiv der Stadt Köln galt lange als das Flaggschiff unter den Kommunalarchiven in Deutschland, und das nicht nur, weil es eines der ältesten und das größte nördlich der Alpen war. Erstmals erwähnt wird es 1322, da hat es noch Platz in einer Kiste. Schon 1406 wird ein Gewölbe unter dem Rathausturm dafür bestimmt, zwei Jahre später werden vierunddreißig Abteilungen angelegt. Schriftgut aus achthundert Jahren war hier gespeichert und bildete das Rückgrat der verwahrten Überlieferung: Beschlüsse des Stadtrats sind seit 1320, zunächst nur die bedeutenderen, von 1513 an lückenlos, protokolliert; Stadtrechnungen sind seit 1370 erhalten, und 1367 beginnt die Reihe der 221 Briefbücher, die die Schreiben an andere Städte, Fürsten und Herren enthält.

Stolz auf die Geschichte

Allein die Zahl der Pergamenturkunden beläuft sich auf 65.000, die der Karten und Pläne auf mehr als hunderttausend, die der Fotos auf eine Million. Von dem Stolz auf diese Geschichte zeugt der neugotische Palazzo, der 1897 errichtet wurde. Den Bombenkrieg hat er zwar überstanden, doch waren seine Kriegsschäden größer als zunächst angenommen, und so wurde er für den Funktionsbau aufgegeben, der mit dreißig Regalkilometern auf dreißig Jahre ausgelegt war. Schon länger platzte er aus allen Nähten, doch wurde die Statik des Hauses, das nur über ein Kellergeschoss verfügt, als stabil genug beurteilt, um eine Aufstockung zu erwägen.

Groß und reich geworden ist das Archiv zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts, als ihm bedeutende Bürgerstiftungen, so von dem Kunstsammler und Museumsgründer Franz Ferdinand Wallraf oder von Baumeistern wie Sulpiz Boisserée, Jakob Ignaz Hittorf oder dem Dombaumeister Ernst Zwirner, übergeben wurden. Nachlässe von Dichtern und Architekten, bei denen es sich anders als beim amtlichen Schrifttum nicht um gesetzlich vorgeschriebene Sammelgebiete handelt, ließen es mit Einrichtungen wie dem Marbacher Literaturarchiv und dem Architekturmuseum in Frankfurt konkurrieren. So beherbergte es nicht nur den Nachlass von Heinrich Böll, mit 380 Kartons der umfangreichste, der erst vor drei Wochen um ein letztes, größeres Konvolut ergänzt wurde, sondern auch den von Irmgard Keun, Vilma Sturm, Paul Schallück, Hans Mayer oder Albrecht Fabri.

Umfangreiche Bestände

Siebenhundert private Einzelfonds verzeichnet das Inventar. Als die seit Jahren unterfinanzierte Einrichtung 2003 ganz in Frage gestellt wurde, fühlten sich die beiden wichtigsten Schriftsteller der Stadt getäuscht. Doch während Dieter Wellershoff die schon übergebenen Manuskripte, für die er auch ein Angebot aus Marbach hatte, in Köln beließ, sah sich Jürgen Becker an seine Zusage nicht mehr gebunden und bedachte stattdessen die Akademie der Künste in Berlin. Jochen Schimmang, lange in Köln zu Hause, hat noch nicht so weit vorgesorgt, ist aber ganz nah dran: Geistiges Zentrum seines für Juli angekündigten Romans „Am Rhein so schön“ ist ein Mitarbeiter des Archivs.

Auch Verlage wie Kiepenheuer & Witsch oder Pahl-Rugenstein haben umfangreiche Bestände hierhergegeben, das größte Archiv von Jacques Offenbach ist in Köln ebenso beheimatet wie die Nachlässe des Komponisten Max Bruch, des Tenors William Pearson, des Dirigenten Günter Wand, des Malers Wilhelm Leibel, der Fluxus-Künstlerin Mary Bauermeister oder des Medientheoretikers Vilém Flusser. Für Architekten galt das Haus als erste Adresse, mehr als sechzig von ihnen haben ihm Pläne und Modelle anvertraut, darunter Karl Band, Dominikus und Gottfried Böhm, Wilhelm Riphahn sowie zuletzt Oswald Mathias Ungers oder Hans Schilling, der am Tag des Unglückes zu Grabe getragen wurde.

Schlimmer als bei Anna Amalia

Von einer „Katastrophe für die europäische Geschichtsschreibung“ spricht der Historiker Eberhard Illner, der von 1985 bis 2008 hier tätig war, seit 1999 die Abteilung Nachlässe, Sammlungen und Fotos leitete und heute Direktor des Historischen Zentrums in Wuppertal ist: Das Ausmaß des Schadens sei erheblich größer als beim Brand der Anna-Amalia-Bibliothek in Weimar. Andererseits sind die Aussichten auf Restaurierung bei Schutt günstiger als bei Feuer, und schon erklärt die Landesregierung, als Leihgeber von Kloster- und Stiftungsurkunden direkt betroffen, es zeichne sich ab, „dass die alten und weltberühmten Urkunden weitgehend sicher geborgen werden können“. Dabei dürfte es sich um die Bestände der Magazinräume im hinteren Kellerbereich handeln, noch wertvollere Urkunden aber befanden sich im Hauptmagazin, das zerstört am Boden liegt.

Ausgelagert wurden in jüngster Zeit eher belanglose Dokumente, auch um kulturpolitisch den Druck für ein dringend benötigtes neues Domizil zu erhöhen. Verfilmt sind die Bestände vor allem bis 1945, doch gilt die Qualität der Aufnahmen, die in einem Stollen im Schwarzwald liegen, als mäßig bis schlecht. Der tiefe Krater, der in die Severinstraße gerissen wurde, wird schnell verfüllt sein. Die viel größere Wunde ist unsichtbar: eine Amnesie, deren Ausmaß sich nicht abschätzen lässt. Doch die Kölner Mentalität ist eine andere: „Erst wenn der Dom vollendet ist, geht die Welt unter.“

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP, Daniel Pilar, dpa, Möller

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