Ausstellung

Model-Ich: Karl Lagerfeld als Fotograf

Von Andreas Kilb

Künstler und Model: Lagerfeld und Brad Koenig

Künstler und Model: Lagerfeld und Brad Koenig

29. November 2006 Daß heutzutage auch ein Rennpferd genial sein kann, hat schon Robert Musil in seinem „Mann ohne Eigenschaften“ notiert, mit einem ironischen Seitenhieb gegen die Kulturkritiker: „Man darf nicht unterschätzen, wieviel bedeutende Eigenschaften ins Spiel gesetzt werden, wenn man über eine Hecke springt.“ Es gibt also durchaus Gründe, dem amerikanischen Model Brad Koenig, das zur Zeit in knapp fünfhundert Bildvarianten in den Ausstellungsräumen der Galerie c/o Berlin im Berliner Postfuhramt zu sehen ist, eine gewisse Genialität zu unterstellen. Wenn es auch weniger die des Rennpferds als die der Hecke ist.

Denn Koenig schafft es, wie sein Entdecker und Mentor Karl Lagerfeld am Samstag bei einem öffentlichen Gespräch mit Sandra Maischberger erklärte, „wie Leute auszusehen, die er gar nicht kennt“. Koenig hat James Dean nie gekannt, aber wenn er sich vor Lagerfelds Kamera in die berühmten Dean-Posen hängt und zwängt, sieht er tatsächlich wie James Dean aus. Er kann aber auch, wenn er die entsprechende Hornbrille trägt, wie Marcello Mastroianni in „Achteinhalb“ oder wie Yves Montand in „Lohn der Angst“ aussehen, und wenn Lagerfeld will, daß er dem jungen Horst Buchholz gleicht, dann macht er eben ein Buchholz-Gesicht. Oder er zieht eine Marlon-Brando-Miene auf, oder er geht als Helmut Berger oder Errol Flynn, oder er streckt sein Kinn wie Sting.

Belichtbares Material

Nur sich selbst sieht Brad Koenig auf all den Bildern im Postfuhramt gar nicht ähnlich, vermutlich, weil er dieses Selbst vor Arbeitsbeginn in die Garderobe gehängt hat. Er ist das menschliche Äquivalent zu den Filmstreifen in den klassischen Kameras, die der Modefotograf Lagerfeld, allen digitalen Versuchungen zum Trotz, immer noch verwendet: belichtbares Material. Das unterscheidet Koenig um Welten von seinem Mentor. Denn Lagerfeld hat inzwischen so viel Ähnlichkeit mit sich selbst, daß man auf Kostümpartys auch als Karl Lagerfeld gehen kann.

„Als ich neulich in New York war, habe ich Berge von Leuten gesehen, die als ,Ich' kamen.“ Schwarzer Anzug, weißes Hemd mit Bastionskragen, dunkle Riesensonnenbrille, schwarze, fingerkuppenfreie Lederhandschuhe, dazu eine Krawatte mit „Vorsicht, Gift!“-Emblem, so saß er vor Sandra Maischberger, die sichtlich zweifelte, ob sie ihn noch zu den Irdischen zählen sollte. Und so könnte ihn ganz sicher auch Brad Koenig darstellen, sein Modell, nur daß Lagerfeld offenbar noch zögert, sich selbst in die Ikonen-Liga einzuliefern: „Ich bin nicht seriös.“ Seriös genug immerhin, um tout Berlin, von Schickimicki bis KaDeWe, zur Ausstellungseröffnung in die Oranienburger Straße zu locken. So seriös wie wir alle.

Ob er Vorbilder habe, fragte Maischberger den Meister auf dem Podium, während draußen die Zuspätgekommenen vor den von Lagerfelds Verleger Gerhard Steidl gehängten Brad-Koenig-Fotoserien bummelten. „Gewußt wo, sagte man früher. Heute nennt man das Hommage.“ Nennen wir es also auch Hommage, wenn sich Lagerfeld fröhlich bei Newton, Nan Goldin, Man Ray und Moholy-Nagy bedient, wenn er das Licht mal wie Cartier-Bresson, mal wie Eisenstaedt setzt. Am Ende ist es doch immer Brad Koenig, den er sieht, der Mann, der wie jemand aussieht, den wir schon mal gesehen haben. Also niemand Bestimmtes. „One Man Shown“ heißt die Ausstellung im Postfuhramt, aber eigentlich müßte sie eher „Any Man Shown“ heißen. Dieser, jener, irgendeiner.

Galerie c/o Berlin, bis 4. Februar 2007.



Text: F.A.Z., 29.11.2006, Nr. 278 / Seite 40
Bildmaterial: AP, Karl Lagerfeld, Kay Herschelmann

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