
Elfenbein, verfärbt durch die Hitze des Vesuvs: Ein geflügelter Putto mit phrygischer Mütze bei der Weinlese
17. Juni 2009 In diesen Tagen geht im Archäologischen Nationalmuseum in Neapel eine grandiose, viel zu wenig beachtete Sonderausstellung zu Ende. Zum ersten Mal nach rund zweihundertfünfzig Jahren wurden nahezu alle Bildwerke, die man zwischen 1750 und 1790 in der Vesuvstadt Herculaneum entdeckt hatte, wiedervereint. Ergänzt wurde dieser Bestand, auch das ein Faszinosum, um Funde aus jüngster Zeit, allen voran ein perfekt erhaltenes Marmorrelief mit dionysischen Szenen, das erst im Februar dieses Jahres gefunden worden ist. Nur der antike hölzerne Thron aus der Villa dei Papiri, dessen Entdeckung 2008 als Sensation durch die Weltpresse ging, fehlte. Warum, wird noch zu erläutern sein.
Die einst von den Ausgräbern der Bourbonen geborgenen Werke wurden in der Sonderschau einander so zugeordnet, wie sie im Jahr 79 nach Christus aufgestellt waren. So ragten denn kolossale marmorne Sitzfiguren der Kaiser Augustus und Claudius über den Köpfen der Besucher, flankiert von überlebensgroßen Bronzeplastiken, die beide Herrscher als nackte Heroen zeigen. Agrippina Minor war einmal in Bronze, einmal in Marmor zu sehen, dazu Titus als siegreicher Feldherr. Sie alle standen ehemals im Augusteum, dem als dachlose Marmor-Basilika gestalteten Forum Herculaneums.

So hat noch niemand die Antike gesehen
Von gleich frappanter Qualität sind Ehrenstatuen der Stadtpatrone Marcus Nonius Balbus Vater und Sohn sowie deren Stammmutter Viciria, sämtlich aus der Basilika Noniana, die diese Dynastie den Bürgern und ihrem eigenen Ansehen gestiftet hatte. Aus der Villa dei Papiri schließlich war ein bisher wenig bekannter lebensgroßer Homer in Marmor zu sehen, dazu die lanzenschwingende Athene, der berühmte ruhende Hermes, der lachende Satyr, die attischen Tänzerinnen sowie bronzene Büsten pergamenischer Könige und Philosophen samt der des reifen Dionysos. Ihre immer wieder den Atem raubende Qualität wurde ergänzt um eine elegante neoklassische Demeter, die ebenso wie eine Amazonenbüste mit deutlichen Farbspuren aus der neuen Grabung stammt; die Demeter wurde 1997 in der Villa dei Papiri, die Amazone 2006 in der Basilica Noniana entdeckt.
Wiedervereint zur einstigen Repräsentation und Suggestion - so hat noch niemand die öffentlichen und privaten Räume der Antike gesehen. Herculaneum, das wurde schlagartig klar, ist damit mehr als nur eine Pompeji gleichende Zeitkapsel, aus der das antike Erbe der Nachwelt so reich und unverfälscht wie an keiner anderen antiken Stätte entgegentritt. Wohlhabender und gepflegter als das von hektischem Handel gekennzeichnete Pompeji, ist diese vergleichsweise winzige Stadt für uns eine Schatz- und Wunderkammer antiker Hochkunst.
Das bekräftigen die neuen Ausgrabungen, organisiert von der British School , finanziert vom Ercolano Conservation Project, einer Stiftung von David Woodley Packard, dem Sohn des Gründers des amerikanischen Technologiekonzerns. Was schon die Winckelmann-Generation ahnte, als die ersten Funde in Herculaneum eine Euphorie auslösten, die den Klassizismus Europas einleitete, wird nun vollends sichtbar: Herculaneum, die Kleinstadt zu Füßen des Vesuv, war ein Rom en miniature, ausgestattet mit Bauten und Werken hauptstädtischer Kunst.
Herculaneum war größer als angenommen
Mit welch subtilem, Nuancen genießendem Geschmack der herculanische Stadtadel und die römische Schickeria, die hier Luxusvillen unterhielt, Kunstwerke aussuchten, belegen vier Marmorreliefs, die dem Laien zunächst wie provinzieller Manierismus erscheinen: Vier Götter sind dargestellt - Minerva, Merkur, Neptun, Vulcanus -, die mit affektiert abgewinkelten Armen und geziert gespreizten Fingern gravitätisch schreiten. Eingehend betrachtet, zeigen sich die Posen als verfeinerte Spielart der Spätarchaik Griechenlands, die man zur Zeit des Augustus bewunderte und nachahmte.
Das Ercolano Conservation Project hat nicht nur diese stilistischen Raffinements ins rechte Licht gerückt, sondern auch einen jahrzehntealten Irrtum der Archäologen korrigiert. Die Reliefs wurden nämlich auf einer Terrasse am südlichen Stadtrand Herculaneums gefunden. Eingetieft in den Felsen, auf dem die Stadt einst malerisch das Meer überragte, diente sie als Sakralbereich zweier kleiner, sehr alter Tempel. In der Cella des einen von ihnen fand sich eine Sockelbank, deren Maße in etwa mit denen der Reliefs übereinstimmen. Deshalb erklärte man den Bau kurzerhand zum Viergöttertempel und fügte Abgüsse der Marmortafeln in den Sockel ein. Nachmessungen ergaben nun, dass dies unsinnig ist. Auch beweisen Schleifspuren, dass der reißende glühende Lava- und Schlammstrom, in dem Herculaneum versank, die Reliefs von weither auf die Terrasse schwemmte. Ihr ursprünglicher Standort bleibt vorerst unbekannt. Der Tempel aber, dem sie irrtümlich zugeordnet wurden, war in Wahrheit Venus geweiht, genauer: Venus in ihrer Eigenschaft als Stella Maris, als Schutzherrin der Seefahrt, wie sie auch im nahen Pompeji verehrt wurde, wo wiederum in der heutigen Stadt Maria, auf die das Christentum den Titel Meerstern übertrug, als Stadtpatronin fungiert.

Kult und Ekstase: Ein geflügelter Putto hantiert spitzbübisch lächelnd an einer Herme, die vermutlich den Weingott Dionysos darstellt
Zu den Erkenntnissen der neuen Grabungen in Herculaneum zählt, dass die Stadt nicht ganz so winzig gewesen ist wie bisher angenommen. Als nämlich 1996, zweieinhalb Jahrhunderte nach ihrer Erforschung mittels unterirdischer Stollen Teile der Villa dei Papiri oberirdisch ausgegraben wurden, stieß man unerwartet auf zwei benachbarte Villen samt Thermen und eine Straße. Inzwischen ist klar, dass sie Teile eines weiteren verschütteten Stadtviertels sind, das die zuvor vermutete Ausdehnung Herculaneums um etwa ein Drittel vergrößert.
Verweis auf heilige Sphären
Die größte Überraschung aber bot die Villa dei Papiri selbst. Sie ist nicht nur, wie ihr erster Ausgräber, der Schweizer Bergbauingenieur Weber, 1750 dokumentierte, ein ebenerdiger Palast am oberen Saum des Stadtfelsens, sondern erstreckte sich in drei zusätzlichen Geschossen bis hinunter zum Strand, auf dem weitere Bauten und ein riesiges Marmorbecken entdeckt wurden. An dessen Rand fand man 2008 zersplittertes Ebenholz und Elfenbeinschnitzereien, die rasch als die Fragmente eines hölzernen Throns identifiziert wurden - des ersten, der aus der Antike auf uns gekommen ist, wie die begeisterten Archäologen betonten.

Ein weiterer Putto richtet einen Opfertisch her, aufgestellt vor einer ityphallischen Statue des Dionysos
Sie urteilten vorschnell, wie sich nun herausgestellt hat. Die Reinigung und Vermessung der Fragmente sowie kürzlich gefundene zusätzliche Relief- und Holzteile zeigen, dass es sich nicht um ein Sitzmöbel handelt, sondern um einen mannshohen Dreifuß. Dieser nun zweifelsfreien Erkenntnis steht eine Reihe neuer Rätsel gegenüber: Da ist die Frage, welche Funktion der Dreifuß in dem Luxusanwesen hatte. Ursprünglich ein Sakralmöbel des Apollonkults und Sitz der Pythia des Orakels von Delphi, erscheint der Dreifuß zwar in römischen Wandgemälden gehäuft als Dekoration. Aber er bleibt dabei Verweis auf heilige Sphären. Was aber besagt er als realer monumentaler Gegenstand, der ein Marmorbecken und marmorne Strandpavillons dekoriert hat?
Von Kulten und Zeremonien künden auch die Reliefs des herculanischen Dreifußes. Der für uns sonderbarste Kult ist der des Attis, des Helden eines blutrünstigen, in griechischen und phrygischen Mythen erzählten sexuellen Verwirrspiels: Attis, Sohn der Flussnymphe Nana und jenes zweigeschlechtlichen Agdistis, der sich nach seiner Entmannung durch den Weingott Dionysos zur Großen Mutter Kybele wandelte, wuchs zu einem blendend schönen Jüngling heran, in den sich Kybele nichtsahnend verliebte - und den sie, als er die Tochter des Königs Midas heiraten wollte, in rasender Eifersucht ihrerseits entmannte und dadurch tötete.
Die nackte Todesangst

Besonders gut erhaltene unteres Auflager des Dreifußes: das glänzend polierte Ebenholz ist in Form einer Löwentatze oder der Klauen eines Greifen geschnitzt
Am Dreifuß der Villa dei Papiri agieren mit der bekannten phrygischen (Zipfel-)Mütze bekleidete Putten als Attis und sein Gefolge. Andere sind als Gefährten des Dionysos zu sehen, beschäftigt mit Weinlese, Kelter, Ausschank und mit Opferungen vor ityphallischen Hermen des Dionysos. Was bewegte einen römischen Patrizier - man vermutet Lucius Calpurnius Piso, den Schwiegervater Caesars, als ersten Besitzer der Villa dei Papiri -, den Sagenkreis um Attis und Dionysos so zur Schau zu stellen? Noch dazu in einer Zeit, als die ekstatischen Riten rings um die Lehren des Dionysos zwar nicht verboten, aber verpönt waren. Und warum delegierte man derart geheimnisvolle, von archaischem Fetischismus durchtränkte Mysterien an possierliche Putti?
Diese Kindwesen mögen niedlich und putzig wirken - trotzdem treten uns in den ziselierten Wundern des Kunsthandwerks die nackte Todesangst und die verzweifelte Suche nach einem tröstlichen Jenseitsbild entgegen. Dionysos, Attis, Kybele und Isis sowie bald darauf Mithras und Jesus lieferten mit der Hoffnung auf Auferstehung verheißungsvolle - wenn auch mit Blut gefärbte - Gegenbilder zum grausigen Hades, von dem Homer den Achill sagen lässt, er wäre lieber ein Tagelöhner als König im Reich der Schatten.

Auf Filz gebettete, mit Reinigungslösung getränkte Fragmente der Holzkonstruktion des Dreifußes - einige Teile lassen geschnitzte Blütenranken und Olivenzweige erkennen
Inschriften, die in Herculaneum gefunden wurden, bezeugen, dass dort ein großer Kybele-Tempel stand, über dessen Standort man jedoch nichts weiß, außer, dass er irgendwo zwanzig Meter tief unter den Bauten des modernen Ortes Ercolano liegen muss. Ob man ihn also je ausgraben wird, steht dahin. Sicher jedoch ist, dass wir nach einigen weiteren Monaten akribischer Restaurierung des Dreifußes und der Erforschung seines Bildschmucks ein wenig mehr über die mysteriösen Riten, magischen Denkweisen und Erlösungssehnsüchte der Jahrzehnte rund um die Zeitenwende wissen werden - und damit über die Herkunft und die Basis unserer Zivilisation.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: F.A.Z., ufficio stampa Pompei