Gerhard Richter

Die Erhabenheit des Alltags

Von Rose-Maria Gropp

Familie am Meer (1964)

Familie am Meer (1964)

22. Januar 2008 Das Momentum in Baden-Baden ist die Hängung, das von ihr angeheizte Augenspiel. Es wird angezettelt von der Korrespondenz der gezeigten Werke untereinander. Der Maler Richter mischt ja stets mit; im Museum Frieder Burda hat er es nun durchschlagend getan. Gerade gut sechzig Bilder - aus einem OEuvre von mehr als 2750 Arbeiten - sind im ganzen Haus verteilt. Der Meister hat sie selbst angerichtet, als sein eigener Kurator. Schließlich konnte er sich vom Feinsten bedienen, nämlich aus den Sammlungen Böckmann, Frieder Burda, Ströher - und aus seinen eigenen Beständen. Da kommt Freude auf.

Aller Exegese ist die Anschauung dieses eigenwilligen Konvoluts vorzuziehen. Gerhard Richters sehr eigener Zugang zu seinen eigenen Werken kann dabei zu erstaunlichen Lösungen führen wie derjenigen, dass seine „Party“ des Jahres 1963, ein Schlüsselbild für deutsche Nachkriegsphantasmagorie zwischen Wegschieben und Euphorie, im Untergeschoss des Museums hängen muss (um überhaupt hängen zu dürfen, unter seiner Regie): In blutrote Farbe getränkte Vernähungen von Messerstichen in die Leinwand, mit Nägeln traktierte Frauenwaden, die sich vor dem Fernsehliebling Vico Torriani ineinanderfalten, zeugen vom Moment des Kontrollverlusts bei einem Künstler, dem das Entgleiten der Dinge die schlimmste Vorstellung ist. Das Bild, das Richter 1968 dem Kollegen Uecker sarkastisch „vermachte“ und das Burda dann von dessen Exfrau kaufte, ist heute hinter Glas geschützt, und ab in den Partykeller damit.

Zeitungsschnipsel mit Wortfetzen

In den drei Etagen bricht gelegentlich Richters Witz durch, eher scharf als komisch, geistvoll. So plaziert er das Porträt des übergewichtigen Warhol-Superstars Brigid Polk, das er 1971 vom Farbfoto malte, direkt neben seine grau-graue „Kuh“ von 1964. Die Kuh ohne Hinterleib hebt den Kopf, angesichts von Brigid Polks nackten Brüsten, pralle Erinnerung (steigt man in das Archiv jener wilden Jahre) an deren „Tit Paintings“. Überhaupt hat es dieser zentrale Raum im zweiten Stock des Gebäudes von Richard Meier in sich. An einer Stirnwand hängt da „Frau mit Kind (Strand)“ von 1965, daneben „Tote“ von 1963, Letzteres ein Rätselbild, Zeitungsschnipsel mit Wortfetzen: Die mysteriöse Wucht des verschütteten Zusammenhangs packt mit demselben Griff nach dem Betrachter wie eines der gleichzeitigen „Disaster“ Andy Warhols.

Ihnen gegenüber hat er seine Anverwandlung eines Schwarzweißfotos des Transvestiten „Olympia“, in hysterischer Pose und Unterwäsche, angeordnet neben das ebenfalls zwei Meter hohe „Decke“ aus dem Jahr 1988, eine Übermalung des Fotos der erhängten Gudrun Ensslin. Das Bild gehört in den Umkreis von Richters RAF-Zyklus (heute im Metropolitan Museum in New York), der die Geschehnisse 1977 in Stuttgart-Stammheim thematisiert. Auch ohne Kenntnis dieser Zugehörigkeit dringt das Unheimliche in den weich-weißen Farbschlieren auf die Netzhaut.

Farbsatte Pinselstriche

Immer wieder aparte Gruppen: So starrt den kleinen Lyrismen der „Bühler Höhe“ und den schöngesichtigen Prospekten von „Waldhaus“ oder „Jerusalem“ der Dreiteiler „Ohne Titel (grün)“ von 1971 entgegen, halsstarrig seine farbschönen Passagen verbergend. Zur Liebeserklärung an die Geschwindigkeit formieren sich die „Zwei Fiat“, die „Mustang-Staffel“ und der „XL 513“-Bomber, sämtlich Ikonen des Jahres 1964. Das Erdgeschoss leistet Überwältigungsarbeit pur: Vier Mal dramatische „Grau“-Flächen, die im Spiel des Lichts vier Mal anders ihren Titel einer Nichtfarbe dementieren, präsidieren den Vexierspielen von acht abstrakten Großformaten, dabei zwei „Rot-Blau-Gelb“-Kompositionen von 1972. Gerhard Richter beweist Barnett Newman gleichsam, dass er keine Angst vor Rot, Gelb und Blau kennt; er holt das Erhabene auf die Leinwände in seinen Vermalungen, in der schwingenden Kontur seiner farbsatten Pinselstriche (vielleicht Hommage an die schweifenden Formationen seines Düsseldorfer Lehrers K.O. Götz).

Allemal befriedigt es die Neugier, welche seiner Bilder der Maler für sich selbst behalten hat, im Laufe dieser mehr als vierzig Jahre, die in der Schau Revue passieren. Sie gehören zum Allerbesten, und der Markt würde sie verschlingen, bekäme er sie zu fassen; aber das ist ja bis auf weiteres verhindert. Endlich hat man es in Baden-Baden mit deutscher Sammlungsgeschichte der Gegenwart in ihrer besten Gestalt zu tun. Hierher gehört auch, dass Sylvia Ströher, die aus der Familie des Darmstädter „Wella“-Gründers und Kunstsammlers Franz Ströher kommt, gemeinsam mit ihrem Mann Ulrich im Juni 2005 die Sammlung des Duisburger Bauunternehmers Hans Grothe als ganze übernommen hat, zu der auch ein bedeutendes Richter-Ensemble gehört.

Aus diesem stammen die Bilder im Museum, die nun als Ströher-Besitz ausgewiesen sind. Für das Vergnügen derer, die gern die Wege der Kunst verfolgen, sorgt außerdem der sorgfältige Katalog, der die vier beteiligten Kollektionen umfassend dokumentiert. Doch vor allem ist, was nun im Museum Frieder Burda vereinigt ist, die Werkschau des deutschen Malerheros, die mehr Betrachtern als jede bisherige Ausstellung einen Zugang zum Werk dieses Künstlers eröffnen wird. Gerhard Richter, der Lehrer.

Gerhard Richter. Bilder aus privaten Sammlungen. Museum Frieder Burda, bis 27. April. Dann vom 1. November bis 4. Januar 2009 in Edinburgh, danach in Wien und in Duisburg. Der Katalog (Hatje Cantz), der einen brillanten Text des Herausgebers Götz Adriani enthält, kostet 24 Euro.



Text: F.A.Z., 21.01.2008, Nr. 17 / Seite 33
Bildmaterial: Gerhard Richter, Foto: Museum Frieder Burda, Baden-Baden, Gerhard Richter, Museum Frieder Burda, Baden-Baden

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Frau mit Kind (Strand), 1965Schloß Neuschwanstein (1963)Gelbgrün, 1982Olympia (1967)25 Farben (2007) Frau Baker, 1965Stadtbild TR (1969)Seestück (bewölkt), 1969Kuh (1964)