Ein Kunst-Publikum, das auf der Suche nach Schönheit ist, muß heute Umwege gehen. Einer dieser Umwege führt über Rußland. Die Besucher der Frankfurter Ausstellung "Traumfabrik Kommunismus", von Boris Groys kuratiert, dürften dieselben sein, die in den vergangenen Monaten in Saarbrücken und Berlin die Bilder Ilja Repins bewunderten. Sie werden auch in Frankfurt auf ihre Kosten kommen, unabhängig davon, wie sie zur der These von Groys stehen. Diese besagt, kurz gefaßt, daß die sowjetische Avantgarde nicht von Stalin ausgeschaltet wurde, sondern sich - gerade mit ihren überzogenen Ansprüchen einer gesellschaftlichen Wirkung der Kunst - erst unter Stalin verwirklichte.
Und es gibt eine Bilderfolge in der Ausstellung, die Groys' These musterhaft illustriert. Am Beginn sieht man "Drei Mädchen" von Malewitsch, gemalt um 1930 von einem, der gerade erst aus dem "Schwarzen Quadrat" aufgetaucht scheint, mit starken, schematisierten Farbkontrasten, und nur die Blume, die das eine der Mädchen in der Hand hält, bereitet auf das Kommende vor. Das nächste Bild gibt drei "Schnitterinnen"einen Blick auf die Landwirtschaft - und bald ist man bei Iwan Kljuns "Heuarbeitern", die den Weg in den sozialistischen Realismus schon hinter sich haben.
Wenn es eine Ideologie dieser Bilder gibt, dann ist sie mit dem Wort "Stalinismus" nur zum Teil erkannt. Sicher: Die Meere von roten Fahnen gibt es auch in den dreißiger Jahren noch hier und da, aber sie treten spürbar zurück. Lenins Slogan war: "Kommunismus ist Sowjetmacht plus Elektrifizierung". Kliment Redkos "Aufstand" (1924-25) ist ein solcher leninistischer Neon-Traum mit geometrisch geordnetem Politbüro, das in einer quadratischen Strahlen-Aura erglänzt. Für Stalin muß Kommunismus etwas anderes bedeutet haben: Fruchtbarkeit, Sport, Rüstung, Film, Ausgelassenheit, Flugzeuge am immer heiteren Himmel, und schließlich Monumentalbauten. Der heroische Internationalismus der frühen Sowjetunion - hier vertreten durch Isaac Brodskys großes Bild vom Zweiten Kongreß der Komintern (1924) und seine überaus schönen Porträtzeichungen der Delegierten aus aller Welt - wird nicht aufgegeben, sondern als Weltherrschaftsanspruch verwirklicht. Man trifft auf eine Ikonographie, die weniger vom Bild der Revolution als von dem des Sieges bestimmt ist.
Dazu paßt das Heitere, ja Burleske mancher Bilder. Der Vergleich mit der Kunst unter dem Nationalsozialismus ist hier aufschlußreich: Den deutschen Zeitgenossen der Sowjetkünstler scheint ein tragischer, vielleicht auch nur vulgärpessimistischer Zug eigen zu sein, den man im Stalinismus vergeblich sucht. Sicher ist das "Luftschiff" von Wassilij Kupzow (1933) ein Bild der Aufrüstung - aber in so bunter Verspieltheit erscheint die futuristische Wehrkraft, daß man an die Theorien Bachtins über den "karnevalistischen" Charakter der russischen Literatur denken muß. Noch in Gustav Kluzis Plakat "Es lebe Stalins Generation der heldenhaften Stachanowarbeiter" von 1936 findet man die überproportional vergrößerten Köpfe der Führung und des Publikums spielerisch in das Bild hineinmontiert. Der Stalinismus hat solche Züge des volkstümlichen oder avantgardistischen Spaßes weniger abgeschafft als eingefroren. Und nicht im Rot muß man die Propaganda suchen, viel deutlicher wird sie in der Farbe Weiß, in der Aufhellung der Palette, die in dem Maße voranschreitet, wie sich Stalins Herrschaft stabilisiert. Boris Groys hat dieses Weiß überzeugend aus der suprematistischen Tradition abgeleitet.
Wenn etwas im Gedächtnis bleibt, dann sind es die Bilder von Alexander Deineka. Hier, und nur hier, hat ein großer Künstler die Vorgaben der Kulturpolitik aufgenommen, um sie in Schönheit zu verwandeln. Das Mädchen, das man in dem Bild "Auf dem Balkon" im Wind vor einer zart bewegten Meeresoberfläche sieht, ist eine nahe Verwandte der Figuren von David Hockney. Selbst in den Demonstrations- und Sportbildern Deinekas sieht man, wie begeistert dieser Maler vom weiblichen Körper war. Leider fehlt in der Ausstellung Deinekas Bild "Abgeschossenes Flieger-As" von 1943, das den Eindruck der Stalin-Ära als Spaßgesellschaft hätte korrigieren können.
Ein eigenes Kapitel in der Kunstgeschichte verdient die Architektur. Der pharaonische Entwurf, den Iofan, Schtschuko und Gelfreich 1933 für den Sowjetpalast zeichneten, setzt einen Wolkenkratzer auf eine überdimensionierte, in die Höhe strebende Tempelanlage und krönt das Gebäude mit einer riesenhaften Lenin-Statue. Die Botschaft solcher Bauten war: Weltbeherrschung. Überbietung heißt das Gesetz der stalinistischen Architektur. Boris Ifans "Interieur für den Palast der Sowjets" von 1948 verdreifacht die Kuppelöffnungen des Pantheons und meldet damit den Anspruch auf die Nachfolge Roms an. Piranesi-Anklänge zitiert 1934 der Entwurf für das Volkskommissariat für Schwerindustrie: Moskau als Über-New York und Über-Rom zugleich. Aber auch andere Ähnlichkeiten drängen sich auf: Das weiß-goldene Kuppelmonstrum für die Gefallenen des Zweiten Weltkriegs, schon 1942 von Duschkin, Pantschenko und Chilkewitsch entworfen, hält in punkto Größenwahn jeden Vergleich mit Speers Germania-Plänen aus.
Schirn Kunsthalle, Frankfurt, bis 4. Januar 2004. Der Katalog, erschienen im Verlag Hatje Cantz, kostet im Museum 29 Euro.
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 26.09.2003, Nr. 224 / Seite 35
Bildmaterial: Schirn