22. Mai 2007 Die Zeiten, in denen das Metropolitan Museum of Art nur die toten Meister ehrte, sind lange vorbei. Ein ganzer Flügel des Hauses ist der Kunst des zwanzigsten Jahrhunderts gewidmet, und neuerdings werden auch Künstler, die sich nach der naturgemäß riskanten Einschätzung der Museumsleitung in ihrer Karrieremitte befinden, zu Soloausstellungen eingeladen. Den Anfang machte vor zwei Jahren Tony Oursler, ihm folgte Kara Walker, und von heute an fällt das New Yorker Scheinwerferlicht auf Neo Rauch.
Es ist eine große Ehre und eine vielleicht noch größere Herausforderung. Denn die Galerie, die das Metropolitan für die Präsentationen zur Verfügung stellt, ist ein weniger als drei Meter hoher, quadratischer, höchst überschaubarer Raum. Rauch steht nun in seiner Mitte und gibt offen zu, dass er sich von der räumlichen Vorgabe beengt fühlte. Er spricht von einer sehr speziellen, wenn nicht gar problematischen Geometrie. Um einen Rhythmus auf die Wände zu bekommen, hatte er ein Modell angefertigt und mit Farbkärtchen experimentiert: Es war klar, dass die Formate, auf denen ich mich am wohlsten fühle, hier nicht hereinpassen würden.
Frei wachsende Phantasie
Die Kabinettausstellung, wie er seine Metropolitan-Premiere mit dem Anflug eines Lächelns nennt, sei kein ganz großer Auftritt, aber das scheint ihn nicht weiter zu bekümmern. Ich gehe davon aus, dass ein gutes Bild auch in einer Besenkammer seine Strahlkraft entfaltet. Vierzehn Werke zeigt er, die alle in den vergangenen Monaten entstanden sind. In einigen setzen sich die gedrückten Dimensionen der Galerie fort. Vor allem die großformatigen Gemälde gehen notgedrungen in die Breite, und eines davon, das eine Gruppe von Musikern hinter den Kulissen zeigt, wirkt fast wie eine Kritik der musealen Umgebung. Der Hornist im Vordergrund muss sich mächtig ducken, um überhaupt in den Rahmen zu passen.
Diese formale Eingrenzung wollte Rauch nicht auch noch konzeptuell verschärfen. Er ließ vielmehr die Bilder, Szenen und Motive frei wachsen, wie sie sich seiner Phantasie darboten. Der Ausstellungstitel para, den es jetzt doch gibt, ist vage genug, um jede inhaltliche Fixierung zu vermeiden. Aber warum überhaupt ein Titel? Es sind Spielereien, die ich gelegentlich anstelle. Sicher wäre es auch ohne Titel gegangen, aber diese Vorsilbe war plötzlich da, dieses Beinahe, dieses Als ob, diese Annäherung an einen Realzustand und das Zurückbleiben vor ihm. Ich hatte das Gefühl, das könnte man geradezu als Motto über meine ganze Arbeit stellen.
Dichterromantik und Alltagsfummel
Für New York hat Rauch seine Gratwanderung zwischen Surrealismus, sozialistischem Realismus und poppigen Albtraumwelten nicht etwa mit einer amerikanischen Note versehen. Die soll ruhig der Rätselspezialist Matthew Barney zum Klingen bringen. Rauch bleibt mit seinen hintergründigen Dystopien für die deutsche Variante zuständig. So ganz hat er jedoch auch sujethalber nicht vergessen, wo er diesmal seine Arbeiten zeigt. Statt Wolkenkratzern gibt es zwar wieder mitteldeutsche Gemäuer, Dächer und Landschaften zu sehen, und auch die Kleidung seines Personals folgt europäischen Usancen, ob Dichterromantik oder Alltagsfummel der fünfziger Jahre.
Rauch verschließt sich aber nicht völlig dem Angebot des Museums. Die englische Dandymode, die er bei seinem letzten Besuch in der Kostümabteilung zu sehen bekam, klingt in den tiefroten Jacketts seiner Musiker und Künstler weiter, und mit Die Fuge, dem Monumentalgemälde, das vor dem Eingang in die Galerie in einem hohen, lichten Saal hängt, bezieht er sich direkt auf Balthus' La Montagne, ein ebenso raumgreifendes Werk, das ein Stockwerk tiefer zu Hause ist.
Ich habe gern ausgefranste Ränder in der Zeit
Es hat doch seinen Niederschlag auf meinen Leinwänden gefunden, was das Haus zu bieten hat, gibt Rauch zu. Ich habe langsam festgestellt, dass es ganz eigentümliche Bezugnahmen gibt zu diesem wundervollen Großformat von Balthus. Ich schwöre aber bei allem, was mir heilig ist, dass mir das nicht bewusst war während meiner Arbeit. Als ich vor einem Jahr hier war, habe ich das Bild wohl abgespeichert. Es ist einfach unterschwellig so gekommen, dass es einen Dialog gab. Dort wie auch hier haben wir diese Wunde in der Landschaft, wir haben einen vulkanähnlichen Berg.
Auch die abgeschrägte Wand des Saals, in dem Die Fuge hängt, findet sich in der Flanke von Rauchs Vulkan wieder. Während die Figuren mit ihrer Kleidung unser Zeitgefühl durcheinanderbringen, starrt das Trio in Paranoia aufs schwarze Nichts hinter einem dampfenden Türrahmen und färbt sich der Himmel über der leuchtenden Goldgrube blutrot. Das sind Zustände, in denen ich mich bequem einrichten kann, wenn die Dinge ineinanderfließen und es eigentlich keine Zuweisung von erstickender Verbindlichkeit gibt. Ich habe gern ausgefranste Ränder in der Zeit, wenn sich Parallelfelder übereinanderschieben, aber nicht berühren.
Ein Riss im Himmel
Der entscheidende Text liegt für ihn immer hinter der Erzählung: Darum finde ich das wundervolle Bild von dem Tiger, der hinter den Gitterstäben hin und her geht, so zutreffend, dass ich es auch auf meine Malerei übertragen möchte. Bei einem Gedicht wäre das Gitter der Text, dahinter die eigentliche Bedeutung. So habe ich's auch hier gern. Fast könnte es gleichgültig sein, welchem Schema man sich zuwendet. Entscheidend sind die Art und Weise des malerischen Zugriffs und die dabei entstehenden Spannungsbögen, die Komposition und Koloristik.
Wir bleiben vor einem Bild stehen, das den Titel Vorort trägt. Fahnen werden verbrannt, Flammen züngeln, durch den Himmel zieht sich ein Riss. Eine allzu vertraute Szene in einer Umgebung, die nicht zu ihr passen will. Rauch hat den gärenden, schäumende Mob im Nahen Osten ins Kleinbürgermilieu mittelostdeutscher Vorstädte übertragen: Da haben wir dann plötzlich ein surrealistisches Element im Bild. Dass sich Derartiges zutragen könnte, scheint erst absolut absurd, aber wer weiß denn, was übermorgen ist.
Alte Wunden und Phantomschmerzen
Ein paar Schritte weiter hängt Die Flamme. Rauch wischt ein paar Staub- und Farbklümpchen von der Leinwand. Noch kann man ja korrigieren, sagt er, noch gehört das Bild mir. Wieder gibt er ruhig, bedächtig, aber erstaunlich freizügig Auskunft über Ursprung und Bedeutung seiner Motive. Die zitronengelbe Flamme, die das Bild keineswegs beherrscht, hat ihm die petrochemische Industrie um Leipzig herum geliefert. Aber: Für mich steht die Flamme natürlich für die Inspiration. Dieser Mann hier ist ja auf sehr fatale Weise in seiner Bewegungsfreiheit eingeschränkt. Er nimmt eine forsche Johnnie-Walker-hafte Schrittposition ein und befindet sich doch arg in der Klemme. Und sein dunkelrotes Jackett? Es ist doch einfach ein Sakko. Hat es nicht einen geradewegs romantischen Zuschnitt? Aber ich bin ja auch Romantiker.
Immer wieder ist das Unheimliche, Verstörende, Chaotische der Bilder in eine Sprache gebracht, die alles Aktuelle meidet. Genau. Und darauf lege ich auch allergrößten Wert. Denn das ist nach meiner festen Überzeugung nicht die Aufgabe der Malerei. Es geht bei mir eher darum, den Phantomschmerz zu behandeln, dessen Ursachen weit zurückliegen. Die Wunden sind sehr alt, und die Mechanismen, die sie hervorgerufen haben, bleiben immer die gleichen. Ich muss nicht um jeden Preis den Anschein von Zeitgenossenschaft erwecken. Das kann ich anderen Medien überlassen. Mich interessieren Sachen in übergreifenden Zusammenhängen, was Kontinuität hat, im Guten wie im Bösen. Das versuche ich allerdings in eine Form zu bringen, die dem Schrecken nicht wehrlos gegenübersteht, sondern ihn auffängt und einhegt durch abgezirkelte, austarierte Kompositionen, durch all das, was ein Bild zu einem guten Bild macht und uns einen Halt gibt.
Den Zusammenbruch zelebrieren
Findet er selbst aber diesen Halt nicht in der Tradition, im Handwerk und Vorbild der alten Meister? Ja, das wäre wohl der Berührungspunkt. Ich will nicht auch noch innerhalb dieser Leinwandgevierte den Zusammenbruch, die totale Sinnentleerung, den maximalen Exzess zelebrieren, sondern eine Formel finden, die es uns ermöglicht, das Unfassbare, das Schreckliche zu beherrschen, ohne daran zugrunde zu gehen. Malerei ist eine herrschaftliche Geste. Ich versuche, die Herrschaft zu erlangen über die unbeherrschbaren Dinge dieser Welt.
Vierzehnmal will Rauch so auch in New York mit Kunst das Chaos bannen. Und dafür eine Form finden, schickt er nach. Das sind alles große Worte, ich weiß, und das sind hier auch alles nur Versuche, und es werden immer nur Versuche bleiben. Denn Vollendung kann man anstreben, aber man sollte sie nie erreichen. Das wäre der Tod.
Metropolitan Museum of Art, New York, bis 14. Oktober. Der Katalog kostet 35 Dollar.
Text: F.A.Z., 22.05.2007, Nr. 117 / Seite 37
Bildmaterial: Courtesy Galerie EIGEN + ART Leipzig/Berlin & David Zwirner, New York / Neo Rauch / Artists Rights Society (ARS), New York / VG Bild-Kunst, Bonn /Photo: Uwe Walter / Metropolitan Museum of Art, Courtesy Galerie EIGEN + ART Leipzig/Berlin & David Zwirner, New York /Neo Rauch / Artists Rights Society (ARS), New York / VG Bild-Kunst, Bonn / Photo: Uwe Walter /Metropolitan Museum of Art, Courtesy Galerie EIGEN + ART Leipzig/Berlin & David Zwirner, New York /Neo Rauch / Artists Rights Society (ARS), New York / VG Bild-Kunst, Bonn / Photo: Uwe Walter / Metropolitan Museum of Art, Courtesy Galerie EIGEN + ART Leipzig/Berlin & David Zwirner, New York /Neo Rauch / Artists Rights Society (ARS), New York / VG Bild-Kunst, Bonn /Photo: Uwe Walter / Metropolitan Museum of Art, Courtesy Galerie EIGEN + ART Leipzig/Berlin & David Zwirner, New York /Neo Rauch / Artists Rights Society (ARS), New York / VG Bild-Kunst, Bonn /Photo: Uwe Walter /Metropolitan Museum of Art